Design Build – studentische Bauprojekte

Design Build Projekte: die Bauprojekte werden von Studierenden geplant und umgesetzt
Bild: Matthias Kestel

Design Build: das sind Projekte, die Architekturstudierende planen und ausführen, und die jungen Menschen somit reale Bauerfahrungen vermitteln.

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Design Build: Studentische Bauwerke

Mit Design Build sind nun auch Partizipation und Selbsthilfe in den Universitäten und Hochschulen angekommen. Die Studierenden planen aber keine Luftschlösser, sondern bauen notwendige Gebäude wie Gemeinschaftshäuser. Die Planung und das Bauen verbinden somit die verschiedenen Ebenen: von der Großform über die Details bis hin zur greifbaren Realität.

Bei einem Design Build werden die Projekte von Studierenden nicht nur geplant, sondern auch durchgeführt

Geplant und gebaut werden sowohl auf dem eigenen Campus als auch international. In Schwellen- oder Entwicklungsländern werden gemeinsam mit Einheimischen kommunale Projekte wie Schulen, Bibliotheken, Ambulanzen sowie Einrichtungen für sozial Benachteiligte entwickelt. Besonders im Ausland ist dieses gemeinsame Selbstbauen ein sozialer Prozess.

Dieser soziale Aspekt von Architektur gerät zunehmend ins Blickfeld: Auch wichtige Nachhaltigkeitssiegel wie das der Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen und das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen des Bundes lenken ihren Fokus inzwischen auf soziale Bereiche. Dafür haben sie eigene Bewertungskriterien entwickelt. Die Ausstellung ‚Think Global, Build Social!‘ des Deutschen Architekturmuseums (DAM) und des Architekturzentrums Wien lief 2013 im Frankfurter DAM und tourte dann noch einige Jahre durch die Welt.

Minimalistische Ästhetik

Beim selbst Bauen sind die Ressourcen immer knapp. Der geringe finanzielle Rahmen wird daher mit viel Eigeninitiative und Kreativität ausgeglichen. Die Ästhetik, die an den Hochschulen durch das Weiterentwickeln aktueller Designtendenzen entsteht, hat dadurch etwas Selbstverständliches. Deswegen wird gerade lokalen Baumaterialien oft viel Raum eingeräumt.

Bei der Schule in Nairobi wurden zum Beispiel Steine aus dem nächsten Steinbruch verwendet. Bei der Modellbauwerkstatt in Liechtenstein wählten die Professoren Holz, die Studierenden entschieden sich hingegen für Holzlatten. Für das Studentenwohnheim in Stuttgart kamen vorfabrizierte Baustoffe zum Einsatz und die Schule in Bangladesch entstand aus Bambus und Lehm.

Erstes Beispiel: Skills Center, Nairobi, Kenia

Das erste Beispiel ist die ästhetische Handwerkerschule ‚Skills Center Nairobi‘, die von Studierenden aus Deutschland und Kenia geplant und gebaut wurde. Mit lokalen Baumaterialien errichteten sie eine soziale Schule, in der junge Erwachsene des nahen Slums ausgebildet werden.

Ein Bauprojekt in Nairobi. Das Skills Center Nairobi wurde von Studierenden aus Deutschland und Kenia geplant.
Bild: Matthias Kestel

Organisatoren sind deutsche sowie kenianische NGOs. Das Fachgebiet Holzbau der Technischen Universität München kooperierte dazu mit der lokalen Universität. Die Architekturstudierenden entwarfen und planten Klassenzimmer, einen Gemeinschaftsraum mit Speisesaal, Küche und Verwaltung, Schlafräume, Toiletten sowie Duschen. Die Gebäude bilden begrünte Innenhöfe, die wie Oasen in dem staubigem Gelände wirken. Indem sich überdachten Bereiche mit geschlossenen, hohen Räumen abwechseln, ist das Gebäude optimal an das lokale Klima angepasst.

Die Wände der Gebäude sind aus massivem, handbehauenem Naturstein in der lokalen Tradition vermauert. Die schwere Bauart puffert die starken Tag-Nacht-Temperaturschwankung ab und gewährleistet somit ein angenehmes Raumklima ohne aktive Heizung und Kühlung.

Hohe Räume und luftgekühlte Decken: so bleibt das Skills Center in Nairobi auch an heißen Tagen kühl.
Bild: Matthias Kestel
Das Skills Center in Nairobi ist durch hohe Räume und luftgekühlte Decken auch im heißen Klima komfortabel

Die Dachtragwerke sind aus leichten Bambusrohren konstruiert. Der schnell wachsende, einheimische Bambus wurde auch für das Flechtwerk an Fenstern und Türen, als Armierung der Betonbodenplatten sowie für Leitern und Gerüste verwendet.

Regionale und nachwachsende Ressourcen wie Bambus werden bei den studentischen Projekten gerne verwendet.
Zum Einsatz kommen lokale Materialien wie Naturstein sowie unterschiedliche Qualitäten von Bambus

Baudaten Design Build Nairobi

  • Architektur: Prof. Stefan Krötsch, Fachgebiet Holzbau der TU München sowie Prof. Hermann Kaufmann
  • Nutzfläche: 285 m² sowie 83 m² überdachte Freifläche
  • Mitarbeitende: 67 Studierende der Architektur, des Bauingenieurwesen und der Baukonstruktion von der TU München, der HS Augsburg und der JKUAT Nairobi, außerdem 32 lokale Arbeiter
  • Internet: orangefarm-ev.de

Zweites Beispiel: Modellbauwerkstatt, Liechtenstein

Die Modellbauwerkstatt ist ein Bauprojekt der Uni Liechtenstein
Bild: Bruno Klomfar
Auch die neue Modellbauwerkstatt der Universität Liechtenstein ist ein prämiertes Design Build Projekt

In Liechtenstein entwarfen und bauten Studierende der Architekturfakultät ihre eigene Modellbauwerkstatt. In einem intensiven Gestaltungsprozess mit handwerklichem Fokus entstand ein konstruktiv elegantes und haptisch ansprechendes Gewölbe aus filigranen Holzbögen.

Design Build mit Holz: filigrane Dachelemente, die von Hand verlegt werden
Bild: Darko Todorovic
Identifikation durch Hand anlegen: Die in einer handlichen Größe vorgefertigten, filigranen Dachelemente werden zusammengebaut

Die 2017 fertig gestellte, schwungvolle Konstruktion nutzt elegant die organische Spannung des Naturbaustoffs. Die minimalistische Tragstruktur der ausgewählten Variante besteht nur aus gebogenen Brettern, sowohl für den Boden als auch für das Dach. «Die dabei gemachten Erfahrungen im realen Maßstab stellen einen unschätzbaren Wert für die Studierenden dar», betont Dr. Carmen Rist-Stadelmann, Hochschuldozentin und Leiterin einer der beiden Entwurfsgruppen.

In gemeinsamer Arbeit werden die Lärchenschindeln verlegt
Bild: Bruno Klomfar
Die Studierenden beim Verlegen der Lärchenschindeln

2018 wurde die Modellbauwerkstatt deshalb als eines von 7×7 guten Beispielen im Rahmen des durch die EU geförderten Projektes «Triple Wood – nachhaltige Holzbaukultur im Alpenraum» ausgewählt.

Baudaten Modellbauwerkstatt Design Build Liechtenstein

  • Bauherr: Universität Liechtenstein, Institut für Architektur und Raumentwicklung
  • Nutzfläche: 72 m²
  • Begleitung Umsetzung: Zimmerei Frommelt Ing. Holzbau AG
  • Mitarbeitende: 53 Studierende, Entwurfsleitung Dr. Carmen Rist-Stadelmann sowie Prof. Urs Meister
  • Internet: uni.li/de/thema/architektur/hands-on/modellbauwerkstatt

Drittes Beispiel: Studentenwohnheim Bauhäusle, Stuttgart Vaihingen

Das Studentenwohnheim ‚Bauhäusle‘ wurde bis 1983 von den Professoren Peter Hübner und Peter Sulzer mit 250 Studierenden geplant und gebaut. Sie griffen dabei auf ein modulares System des englischen Architekten Walter Segal zurück. Nach diesem System hatte er zuletzt in London zwei öffentlich geförderte Siedlungen in Selbsthilfe gebaut. Auch er verwendet vorfabrizierte Elemente wie Mauerwerksdielen, sodass die Erbauer ihr Gebäude mit einfachen Mitteln und wenig Maschinen selbst errichten können.

EIn Projekt des Studierendenwohnheims Stuttgart Vaihingen: das Bauhäusle
Bild: Bauhäusle
Beim Stuttgarter Studentenwohnheim ‚Bauhäusle‘ wird seit Jahrzehnten partizipativ geplant und zusätzlich weitergebaut

Das Bauhäusle ist ein Holzbau, der in das Grundstück eingepasst und um einen alten Kirschbaum herum geplant wurde. Es bietet Zimmer zwischen 15 und 28 Quadratmetern. Auch heute noch ist das Wohnheim selbst verwaltet und ist somit für seine Bewohner*innen ein Ort hoher Identifikation.

Versammlung der Studierenden auf dem Dach des Bauhäusles
Bild: Heiner Steinacker
Versammlung auf dem Dach des selbst verwalteten Wohnheims

Immer bauen sie weiter: 2019 haben sie einen gemeinsam genutzten Wintergarten erneuert – leicht vergrößert und besser gedämmt. Dabei sind sie konsequent nachhaltig. Sogar die recycelten Fenster fuhren sie mit dem Lastenrad auf die Baustelle.

Der Wintergarten des Studierendenwohnheims Bauhäusle
Bild: Heiner Steinacker

Baudaten Design Build Stuttgart

  • Nutzfläche: 30 Zimmer, 2 Küchen, 4 Duschen sowie 4 Toiletten auf ca. 757 m²
  • Architektur: Prof. Peter Hübner, Prof. Peter Sulzer, Studierende
  • Mitarbeitende: 250 Studierende (ca. 28 000 h)
  • Internet: bauhaeusle.de

Viertes Beispiel: Meti Handmade School, Rudrapur, Bezirk Dinajpur, Bangladesch

Das Design Build Projekt von Anna Heringer: die Meti Handmade School in Rudrapur, Bezirk Dinajpur, Bangladesch
Bild: Kurt Hörbst
Die preisgekrönte Meti Handmade School in Bangladesch besteht aus den örtlichen Baumaterialien Lehm und Bambus

Ein etwas anderes Design Build Projekt ist die Meti Handmade School in Bangladesch, denn sie war Teil von Anna Heringers Abschlussarbeit ihres Architekturstudiums und wurde 2005 mit lokalen und internationalen Kooperationspartnern gebaut. Der Architekt Eike Roswag unterstützte Heringer bei der Ausarbeitung der technischen Planung.

Mit Lehm und Bambus: die Meti Handmade School
Bild: Bauteam

Mit lokalem Lehm und Bambus, lokalen Energieressourcen wie Büffeln und lokalen Kompetenzen entstand nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Zuhause für die Schüler*innen. Neben hohen, schattigen Räumen gibt es außerdem kleine Höhlen als Refugium.

Höhlen aus Lehm bieten den Kindern einen Ort des Rückzuges
Bild: Bauteam
Aus massivem Lehm sind auch die Höhlen, ein gutes Versteck für die Kinder

Inzwischen ist Heringer Honorarprofessorin des UNESCO Lehrstuhls für Lehmarchitektur, Baukultur und Nachhaltigkeit. Weiter veranstaltet sie Workshops und Selbstbaustellen. 2018 stampfte sie zum Beispiel mit der Gemeinde des Wormser Doms einen Altar und ein Ambo aus Lehm. Des Weiteren baute sie 2019 mit Studierenden der Harvard University Graduate School of Design einen Pavillon aus Stampflehm.

Baudaten Design Build Bangladesch

  • Nutzfläche: 325 m² für 3 Klassenräume und 6 Höhlen im EG sowie einen teilbaren Klassenraum im OG
  • Architektur: Anna Heringer, At-Salzburg/Laufen sowie Eike Roswag, Berlin
  • Tragwerksplanung, Fachberatung Lehmbau: Ziegert Roswag Seiler, Berlin sowie Martin Rauch, At-Schlins
  • Mitarbeitende: 2 Architekten, 2 Fachhandwerker aus Deutschland, 6 Freiwillige aus Deutschland und Österreich, außerdem 40 lokale Arbeiter*innen
  • Internet: anna-heringer.com

Text: Achim Pilz

Stadl mit Lehm – eine zweite Heimat im Chiemgau

Stephanie Thatenhorst hat den alten Stadl im Chiemgau stylisch verwandelt
Bild: Stephanie Thatenhorst

Ein Stadl mit Charakter und Stil. Die Innenarchitektin Stephanie Thatenhorst hat sich einen Traum erfüllt und dafür die alte Scheune der Familie in ein Urlaubsdomizil verwandelt.

In diesem Artikel:

„Ich bin der festen Überzeugung, jeder Mensch braucht einfach mehr Natur.“

Für das Projekt ist Stephanie Thatenhorst ist an ihren Geburtsort zwischen Wald und Chiemsee zurückgekehrt. Dort hat sie den 120 Jahre alten Stadl ihrer Kindheit magisch verwandelt: dunkler Lehmputz und lebendige Hölzer bilden die Bühne für ihre edlen und unkonventionellen Möbelentwürfe mit pink- und salbeifarbenem Gewebe.

Der Stadl – Heimat mit Textur

Ob Stadl, Scheuer oder Schopf – Heulager heißen überall anders und sind überall ganz ähnlich: große Innenräume, einfach und bewährt aus Holz konstruiert. Stephanie Thatenhorst ist auf einem Bauernhof mit einem solchen Stadl im Chiemgau aufgewachsen. Dort sprang sie schon als junges Mädchen vom Gebälk ins Heu: „Da konnte man sich so schön reinplumpsen lassen“, erinnert sie sich.

das Heulager vor dem Umbau
Bild: Stephanie Thatenhorst

Die Fassade blieb erhalten: dadurch hat der Stadl seinen alten Charakter nicht verloren

Die Fassade verleiht dem Stadl seinen alten Charakter
Bild: Stephanie Thatenhorst
Die Scheune von außen
Bild: Stephanie Thatenhorst

Während ihrer Au Pair Zeit in Australien verliebte sie sich in Architektur. Nach ihrem Architekturstudium arbeitete sie dann als Innenarchitektin und realisierte gediegene Residenzen, exklusive Hotels und coole Interieurs für Bars und gemütliche Restaurants. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt sie in München.

Den Hof ihrer Eltern führt ihre Schwester seit zehn Jahren als Biohof mit Milchwirtschaft. Als Ausgleich für das Leben in der Großstadt hatte Familie Thatenhorst schon lange ein Ferienhaus im Chiemgau gesucht – Da war es ein Glücksfall, als ihr Vater ihr die Hälfte des Heulagers im Obergeschoss des Stadls anbot. „Das war der Sechser im Lotto“, freut sich Thatenhorst daher, „Wir durften es ausbauen.“

Heute gibt es viel natürliches Licht im alten Stadl. Die Giebelfassade erhielt ein neues, großes Fenster neben den alten Öffnungen, während die Westfassade großzügig verglast wurde und beim Esstisch eine kleine Loggia an der Gebäudeecke bekam. „Ansonsten haben wir die Außenhaut so belassen, wie sie war“, sagt die Innenarchitektin. Gedämmt wurde von innen, das Dach danach verschalt und die Wände erst mit Kalk, dann mit Lehm verputzt.

Historische Fassade der Scheune
Bild: Stephanie Thatenhorst
Die historische Fassade blieb erhalten
Großes Fenster in der Fassade
Bild: Stephanie Thatenhorst
Durch das große neue Fenster in der Giebelfassade wird der Innenraum gut belichtet

Raum durch Holz

Das alte Gebälk prägt die Räume, vom großzügigen Einraum mit acht Metern Höhe bis zum gemütlichen Kinderzimmer im hinteren Teil des Gebäudes. Dort schließt das Stockbett exakt an die alte Holzkonstruktion an.

Der Stadl wirkt herrschaftlich mit seinen hohen Öffnungen
Bild: Stephanie Thatenhorst
Die hohen, schlanken Öffnungen wirken herrschaftlich
Im Hintergrund ist das Kinderzimmer zu sehen
Bild: Stephanie Thatenhorst
Die Kinderzimmer nutzen den Raum bis unter den First
Die Kinderbetten auf der Empore
Bild: Stephanie Thatenhorst
Empore für die Kinderbetten, darunter ist Stauraum
Stahl, Holz und Lehm machen die Scheune zu einem Ort des Wohlfühlens
Bild: Stephanie Thatenhorst
Der schwarze Stahl, der bei der Rolltür, der Leiter und dem Geländer verbaut ist, ergänzt Holz und Lehm

Die Dachuntersicht besteht aus neuen, sägerauen Fichtenbrettern mit einer Patina durch Essigbeize. Der Tipp dazu kam vom Handwerker. „Das ist super gelungen“, freut sich die Bauherrin. „Es sieht sehr lebendig aus, ist aber keine jodelige Altholzerscheinung.“

Naturmaterialien: Treppe, Möbel und Türen aus Ulmenholz, Nadelholz und alten Bodendielen
Bild: Stephanie Thatenhorst
Symphonie aus Naturmaterialien: alte Bodendielen für die Treppe, rötliches Ulmenholz für die eigens entworfenen Möbel und Türen sowie gebeizte Nadelhölzer für die Dachuntersicht

Nur für die Treppe verwendete die Gestalterin wurmstichiges Holz weiter. „Hier war es ein schöner Anlass, die ehemaligen Bodendielen wieder zu verwenden.“

Wohnraum, Holztreppe und First des Stadls
Bild: Stephanie Thatenhorst
Der Wohnraum öffnet sich bis unter den acht Meter hohen First

Sonst setzte sie leicht rötliches Ulmenholz ein, zum Beispiel für die Türen und die opulenten Küchenmöbel.

Offene Küche, Gäste sind willkommen
Bild: Stephanie Thatenhorst
In der offenen Küche sind Gäste willkommen
Die Kücheninsel lädt zum gemeinsamen Kochen ein
Bild: Stephanie Thatenhorst

Ausstattung mit Gewebe

Als Ergänzung zu internationalen Designexponaten, wie zum Beispiel den Superleggera Stühlen von Gio Ponti, entwarf sie das gesamte Mobiliar selbst. Die Küche, die leicht geschwungene Couch mit salbeifarbenem Samtbezug, eine Bank mit alpinen Blümchen auf pinkfarbenem Bezug, die Ankleide sowie alle Betten und das Sideboard.

Weltoffene Ausstattung im Hauptraum des Stadls.
Bild: Stephanie Thatenhorst
Wohnen im historischen Raum mit weltoffener Ausstattung
Farben und Motive: Holz und Stoff in der Küche.
Bild: Stephanie Thatenhorst
Farbtupfer und florale Motive beleben zusammen mit den warmen Hölzern den coolen Loftcharakter
das Schlafzimmer der Eltern
Bild: Stephanie Thatenhorst
Elternschlafzimmer mit Waschzuber de luxe
Übergang zwischen Bad und Schlafzimmer
Bild: Stephanie Thatenhorst
Fließender Übergang zwischen Schlafzimmer und offenem Wellnessbereich
Marmor, Ulmenholz und Messingarmaturen im Badezimmer
Bild: Stephanie Thatenhorst
Edler Marmor kombiniert mit Ulmenholz und Messingarmaturen

„Textil in sämtlichen Einsatzgebieten ist mein Lieblingsmaterial“

Auch die Schiebetüren des Sideboards sind mit Stoff bespannt, „Textil in sämtlichen Einsatzgebieten ist mein Lieblingsmaterial“, bestätigt die Designerin. Dazu passt auch der Lehmputz mit seiner textilen Struktur sehr gut.

Das Sideboard wurde mit Stoffen verziert: ein echter Hingucker
Bild: Stephanie Thatenhorst
Das Sideboard als Hingucker: hierfür wurden Ulmenholz und Stoff kombiniert

Oberflächen mit Lehm

Der verwendete Lehmputz ist durchgefärbt und enthält außerdem winzige Glimmerplättchen, die abhängig von der jeweiligen Lichteinstrahlung das Licht reflektieren und glitzern. „Sie verleihen den Wänden tatsächlich einen natürlichen Glanz“, beschreibt es die Gestalterin. Des Weiteren kann Lehm besonders gut ohne Fugen verarbeitet werden. Durch die handwerkliche Spuren bekommt ein Wohnraum so einen individuellen Charme.

Glimmerplättchen im Lehmputz. So glitzert es im Stadl
Bild: Stephanie Thatenhorst
Im Lehmputz befinden sich Glimmerplättchen: dadurch glitzert es ein wenig

Allerdings bleibt Lehm wasserlöslich, weshalb er in den Nassbereichen einen farblosen Wasserlack erhielt. Dieser muss dann immer wieder nachgearbeitet werden – für eine Dauernutzung nicht wirklich geeignet. „So wahnsinnig robust ist er nicht“, weiß Thatenhorst, „Einem Kunden muss man vorher sagen, dass er empfindlich ist.“

Lehmputz im Bad, mit Lack geschützt
Bild: Stephanie Thatenhorst
Lack in den Bädern, denn dadurch wird der empfindliche Lehmputz geschützt

Lehmputz ist außerdem baubiologisch und verbessert das Raumklima. „Der gesundheitliche Aspekt wurde in vielerlei Hinsicht umgesetzt“, fasst es die Bauherrin zusammen, „Es ist sehr angenehm hier zu wohnen.“ Vor allem auf dem Land ist Weiterbauen besonders nachhaltig, denn es spart viel graue Energie und versiegelte Verkehrsflächen. Auch an Heiz- und Warmwasser ist im Stadl gedacht – dafür sorgt die vorhandene Hackschnitzelheizung des Bauernhauses.

Modernes Zuhause

Für die Familie ist der Stadl jedes Wochenende und zudem in den Schulferien das neue Zuhause. „Es war ein sehr großer Luxus, dass ich alles so verwirklichen konnte, wie ich es haben wollte“, lacht Stephanie Thatenhorst, „auch unpragmatische Dinge, die nur der Schönheit dienen und nicht der Funktionalität.“

Diese Radikalität erzeugte ein großes Medienecho, sowohl online als auch in Print und TV. Zudem erhielt der Ausbau den ersten Preis von „Best of Interior 2019“. Die Laudatio attestiert „eine moderne Loft-Atmosphäre. Das Chiemgau trifft in dieser Scheune auf die große, weite Designwelt. Mit mehr Gefühl für die Umgebung, die eigene Heimat und zeitgenössische Gestaltung kann man kaum einrichten.“

Das Chiemgau trifft in dieser Scheune auf die große, weite Designwelt

Laudatio „Best of Interior 2019“

Vier Fragen an Stephanie Thatenhorst

Warum haben sie auf dem Bauernhof Ihrer Eltern ein Heulager zu Ihrem Feriendomizil ausgebaut?
Die Kinder lieben den Stadl sehr. Es ist schön, dass sie neben dem schnellen und lauten Stadtleben hier die Einfachheit zu spüren bekommen. Und der See ist mit dem Fahrrad gut erreichbar.

Wie vermitteln Sie zwischen alt und modern?
Ich würde sagen – zwischen alt und Zeitgeist: Dass man natürlich die Historie bewahrt und alt sein lässt, was alt da ist, aber dann nicht irgendwelche pseudoalten Dinge hinzufügt, sondern etwas zeitgenössisches. Es muss ja auch nicht an allen Ecken und Enden jodeln.

Was waren Ihre gestalterischen Prämissen?
Ein großes Augenmerk lag darauf, dass man so wenig Materialien wie möglich für die Oberflächen verwendet und das ganz konsequent durchzieht. Und ich wollte definitiv eine Wandoberfläche haben, die nicht gestrichen werden muss. Die Oberfläche sollte schon die fertige Farbe mit sich bringen – wie ein Lehmputz. Er ist mit seiner Struktur eine unglaublich schöne Erscheinung, baubiologisch und bringt ein angenehmes Raumklima. Den Lehm haben wir sogar in den Nassbereichen verwendet, wofür er eigentlich nicht geeignet ist. Der Boden ist einheitlich und das Ulmenholz für Möbel und Türen. Das waren meine Kernaussagen.

Wie verändert sich das Tageslicht in den Räumen?
Tagsüber bekommen wir durch die großen Fenster an der Westseite sehr viel Licht, wodurch der große Wohnraum trotz dunkler Wände förmlich zu glänzen beginnt. Abends entsteht durch die lediglich punktuelle Beleuchtung eine sehr gemütliche Atmosphäre.

Drei Fragen an Michaela Huber

Michaela Huber geht handwerklich meisterlich mit Lehm um. Mit einem Kollegen veredelte sie den Stadl und war 2018 zudem Preisträgerin des Claytec-Oberflächenpreises. Heute arbeitet sie als Restauratorin und Bauleiterin in der Denkmalpflege.

In was wurde der Stadl verwandelt?
In einen sehr besonderen Ort – vielleicht auch durch den erdigen Lehm. Er bringt Emotion hinein. Ich empfinde den Raum als sehr angenehm – kreativ gestalteter Wohnraum einmal anders erzählt.

Was ist das Besondere an Lehm?
Durch die Erdpigmente gibt es immer ein Lichtspiel. Das Material ist lebendig. Seine Haptik, seine Optik. Das ist für Körper und Geist wohltuend.

Wie aufwendig war die Oberfläche?
Wir haben die Oberfläche geglättet und dann noch leicht angeschliffen, damit sie optisch samtig wird und um das Gesamtbild ruhiger und homogener zu machen. Teilweise wurde sie bis zu 14 Mal mit einem Wasserlack eingelassen.

Der letzte Schliff für die verwandelte Scheune
Bild: Michaela Huber
Um die handwerklichen Spuren zu harmonisieren, wurde abschließend geschliffen

Baudaten Stadl

  • Baujahr: ca. 1900
  • Ausbaujahr: 2017
  • Grundfläche: 200 m²
  • Deckenhöhe: 8 m
  • Bauweise: Holzkonstruktion
  • Umbau: großzügige, neue Fenster, Holzfassade belassen, innen gedämmt, mit Kalk und Lehm verputzt, geschliffen, stellenweise lackiert sowie Möbel und Türen in Ulmenholz
  • Putzarbeiten: Michaela Huber für Maler Epple
  • Planung: Stephanie Thatenhorst

Text: Achim Pilz