Einzigartige Projekte aus Stampflehm von Martin Rauch

Abendlicher Blick von außen auf beleuchtetes Stampflehmhaus
Foto: Beat Bühler

Die Bauten aus Stampflehm von Martin Rauch sind außerordentlich ästhetisch. Hier stellen wir besonders herausragende Projekte vor:

  1. Sein eigenes Wohnhaus in Schlins stampfte er komplett aus dem Aushub.
  2. Die Alnatura-Arbeitswelt in Darmstadt ist europaweit der größte Büro-Lehmbau. Innovativ sind seine kerngedämmten (das heißt in der Wand gedämmten) Stampflehmwände.
  3. Mit seiner eigenen Werkhalle schließlich betritt er wieder mutig Neuland. So macht er den Weg frei für ein nachhaltiges Bauen mit dem Aushub.

In diesem Artikel:

  1. Haus Rauch in Schlins
  2. Gedämmter Stampflehm für Alnatura
  3. ERDEN Werkhalle

Achim Pilz
Fachautor CRADLE

1. Haus Rauch in Schlins

In unserem Artikel über Martin Rauch zeigen wir, warum Stampflehm das Baumaterial des Klimawandels ist und dass man mit Lehm auch Böden, Wände und Möbel spachteln kann. In Schlins stehen gleich mehrere Werke des Lehmbaumeisters mit ästhetisch klarer Linie; das Atelierhaus seiner Firma, das er schon 1994 nachhaltig baute sowie einige Häuser mit Stampflehmelementen.

2008 stellte er mit dem Wohnhaus für seine vierköpfige Familie sein bisher konsequentestes und wohnlichstes Werk fertig. Es besteht fast gänzlich aus dem Aushub der Baugrube. Das ist nachhaltig einmalig und sorgte international für Anerkennung.

Erfahren Sie mehr über den Lehmpionier Martin Rauch

Lehm ist das Baumaterial des Klimawandels. Er gilt als das ökologischste Material überhaupt, ist ästhetisch und kann das Raumklima verbessern. Martin Rauch holt es aus der Ökoecke und macht es auch für moderne Gestaltungen interessant. Er verarbeitet es klar und minimalistisch und betont so die Wärme und Einmaligkeit des erdigen Materials. Lesen Sie mehr dazu in unserem Beitrag über den Lehmpionier Martin Rauch »

Haus von Martin Rauch au Stampflehm
Foto: Beat Buehler

Der Aushub, ein Gemisch aus Lehm und Steinen, wurde gesiebt, der gewonnene Lehm gestampft, gebacken, gespritzt und gespachtelt. Doch fernab heimeliger Ökoromantik ist das Gebäude klar und puristisch, von der Küche bis zum Atelier. Und minimalistisch schön ist es zudem: der Stampflehm mit den großen, unregelmäßigen Steinen ist zudem durch Bänder aus eingelegten, nach außen leicht überstehenden Tonplatten fein gegliedert. Bei Sonnenlicht gibt es ein lebendiges Schattenspiel auf der rauen Lehmwand. Das Flachdach mit eingelassenen Solarelementen ist modern, ebenso wie die großzügigen Öffnungen. Die weiten, sprossenlosen Fenster spiegeln das Bergpanorama.

Einmalige erdige Ästhetik des Wohnhaus Rauch in Schlins. (Bild: Beat Bühler)

Wie ein Kubus aus Erde steht das Haus unvermittelt am Ende eines Sträßchens auf der grünen Wiese. Aus der Ferne ist es auffallend scharfkantig. Obwohl es relativ klein ist – 135 Quadratmeter Wohnfläche, 30 Quadratmeter Atelier – wirkt es sehr kraftvoll. Die warme Erdfarbe und die Streifen aus Tonplatten, deren Abstände kaum merklich variieren, lockern den Eindruck.

Von nahem wirkt der Stampflehm lebendig mit unterschiedlich großen, hellen Steinen und kleinen Unregelmäßigkeiten. Das Innere ergänzen gespachtelte Flächen sowie Boden- und Wandfliesen der Keramikkünstlerin Marta Rauch. Das in Zusammenarbeit mit Roger Boltshauser geplante Wohnhaus war Rauchs Durchbruch bei modernen Architekten. Danach folgten die Zusammenarbeit mit dem international erfolgreichen Büro Herzog & de Meuron und die Alnatura Arbeitswelt in Darmstadt.

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2. Gedämmter Stampflehm für Alnatura

Die Alnatura Arbeitswelt, das europaweit größte Bürogebäude mit Lehmfassade, wurde 2019 eröffnet. Das nachhaltige Gebäude der Architekten haascookzemmrich STUDIO2050 steht auf dem besonders nachhaltigen, 55.000 Quadratmeter großen Alnatura Campus im Südwesten von Darmstadt. Für ihn wurde das ehemalige US-Kasernengelände der Kelley-Barracks umfassend renaturiert; Versiegelte Flächen wurden aufgebrochen und das anfallende Material in den Freiflächen verbaut.

Auf dem Gelände eines ehemaligen Panzerkaserne steht heute der Alnatura Campus, die Hauptverwaltung des Unternehmens. Auch das umgebene Gelände ist zukunftsfähig mit Recyclingmaterial gestaltet und bietet viel Annehmlichkeiten.

Nahaufnahme einer Stampflehmwand
Auch hier überlässt Martin Rauch die erdige Fassade mit dem ockerfarbenen Kies und den horizontalen weißen Streifen einer kontrollierten Erosion. Sie wird in den nächsten Jahren noch mehr Patina und Charakter erzeugen.
Foto: Achim Pilz

Das Atrium mit viel Tageslicht und weiten Räumen durchzieht die Arbeitswelt. Holzlamellen schützen die Kanten des relativ weichen Stampflehms in den Verkehrsbereichen. Die Lamellen sind luftdurchlässig, damit der Lehm überall Feuchte puffern kann.

Gemüsegarten
Die Arbeitswelt wird ergänzt durch Urban Gardening, eine Kita, großzügige Fahrradabstellplätze und temporäre Seen für die Regenwasserversickerung.
Foto: Achim Pilz

Heute beleben das Konversionsgelände ein Waldorfkindergarten, ein Park, Teiche, Sportflächen sowie Flächen für den Ökolandbau. Herzstück des Campus’ ist die Alnatura Arbeitswelt, eine helle und moderne Bürolandschaft mit Platz für 420 Mitarbeiter. Sorgfältig ausgewählte Baumaterialien und ein optimiertes passives Gebäudekonzept erzeugen ein behagliches Raumklima. Der intelligente, stoffgerechte Einsatz der Baumaterialien und die Reduzierung der technischen Anlagen zum Heizen, Lüften und Kühlen schonen Ressourcen und sparen Energie und Kosten im Betrieb. Wichtigstes Bauteil ist die Stampflehmfassade.

Aus der Werkhalle: So werden die Stampflehmelemente gefertigt

Große Maschinen sind für die Arbeit mit Stampflehm in diesen Dimensionen nötig. Hier wird Aushub aus Stuttgart21, Lavaschotter aus der Eifel und Recyclingbeton gemischt. In den alten Panzerhallen stampfte der Roboter die Fassade am Stück. Danach wurde sie in große Teile geschnitten.

Wie gigantische Legosteine werden die 70cm dicken, 1m hohen und bis zu 3,5m langen Elemente angehoben und zum Trocknen versetzt. Sind die Elemente langsam getrocknet und dabei etwas geschrumpft, werden sie an ihre Stelle im Gebäude gesetzt.

Rohbau mit Stampflehmwänden
Nach dem Versetzen der Elemente werden die Fugen noch retuschiert und innen stabilisiert. Dann ist die Oberfläche fertig.
Foto: Marc Doradzillo

Um Stampflehm innen wie auch außen zu zeigen, musste die Fassade in ihrem Kern gedämmt werden. So baute Pionier Rauch die erste pure Stampflehmwand mit Kerndämmung überhaupt. Ihre Oberflächen innen und außen waren nach dem Stampfen quasi fertig. Nur die Fugen und eventuelle Fehlstellen wurden noch retuschiert und innen die sandende Oberfläche transparent stabilisiert. Die Außenseite der Elemente schützen wasserfeste Schichten aus eingestampftem Kalk.

Rauch rechnet mit einem Abtrag der Fassade von 1-2 cm innerhalb von 70 Jahren. Man kann gespannt sein, wie sie sich über die Jahre verändert, reift, Patina und Charakter bekommt. Besucher können das bei einem vegetarischen oder veganen Essen mitverfolgen und ihre erdige Macht auf sich wirken lassen. Die Kantine der Beschäftigten im Gebäude ist gleichzeitig das öffentliche Restaurant „tibits“.

Modernes Büro mit Stampflehmwänden
Auch im Inneren der preisgekrönten Alnatura Arbeitswelt ist der Stampflehm mit seiner natürlichen Ästhetik prägend.
Foto: Roland Halbe

Stampflehm: Zentrale Fertigung

Um Stampflehmfassaden rationell zu produzieren, hat der Lehmkünstler eine lange, fast vollautomatische Fertigungsstraße mit einem Stampfroboter entwickelt. Auf dem Campus baute er sie in einer ehemaligen Fahrzeughalle auf.

Er verwendete Lehm aus dem Westerwald, recyceltes Material aus dem Tunnelaushub von Stuttgart 21 und den Kelley-Barracks sowie Lavaschotter aus der Eifel. Somit kommen die Materialien nicht mehr direkt aus der Nähe. Bei einem Vortrag auf dem DGNB Tag der Nachhaltigkeit 2019 rechnete Professor Thomas Auer von Transsolar Klimaengineering vor, dass der Transport einen signifikanten Einfluss auf den Energieaufwand für den Bau einer Stampflehmwand hat. Die Nutzung von lokalem Material reduziert ihn um bis zu 80 %. Weit weniger ästhetisch könnte man den gleichen Effekt für das Raumklima – viel Masse, frei erreichbar für die Raumluft – auch günstiger erreichen. Andererseits spart man sich so in Stuttgart auch Kosten für das Deponieren des Tunnelaushubs.

Mit Aushub bauen

Mit Aushub zu bauen ist ein Thema mit sehr viel Potential. Das zeigt sich auch bei der aktuell im Bau befindlichen neuen Metrolinie um Paris, der ‘Grand Paris Express’. Aus einem Teil des immensen Aushubs soll in Ivry in dem Projekt ‘Cycle Terre’ ein ganzes Viertel entstehen. Martin Rauch war vor Ort und hat den Aushub geprüft. Er kann für Lehmsteine, -putz und -innenwände verwendet werden. Aktuell entsteht eine Fabrik, die 15.000 bis 25.000 Tonnen Erde pro Jahr in Baumaterial umwandeln soll. So lassen sich die Massen für Temperatur- und Feuchteausgleichswirkungen in einem ressourcenschonenden, den Klimawandel berücksichtigenden Bauen günstig integrieren.

Bagger mit Lehmaushub
In Zukunft wird immer mehr mit dem Aushub gebaut.
Foto: Lehm Ton Erde

3. Neuland ERDEN Werkhalle

Im Mai 2019 stampfte Martin Rauch in Schlins eine neue, große Werkhalle mit Planungsbüro. Auch hier betrat er wieder Neuland. Denn die Stampflehmwand trägt diesmal nicht nur ihr eigenes Gewicht, wie bei Ricola oder Alnatura, sondern auch das Dach und die schwere Technik, die zum Ausführen der Stampfarbeiten benötigt wird. Kombiniert sind die erdigen Wände mit einer schönen Holzkonstruktion. Und natürlich stampfte Rauch die Lehmwände direkt vor Ort auch aus lokalem Material. So macht er den Weg frei für das Bauen mit dem Aushub und viele weitere ästhetische Stampflehmbauten.

Erden Werkhalle aus Stampflehm
Hier entsteht die Erden Werkhalle des Stampflehm-Pionier Rauch.
Foto: Lehm Ton Erde/Hanno Mackowitz

Auch bei diesem Projekt werden Innovationen umgesetzt, wie hier die vereinfachte Hebetechnik für die schweren Stampflehmwände.

Unterhalb der Oberlichter kann die Sonne von außen den durch Isolierglas gedämmten Stampflehm erwärmen. Ergänzt wird der Stampflehm durch ästhetische Holzkonstruktionen.

Neuland ERDEN Werkhalle aus Stampflehm
Die Erden Werkhalle nutzt Sonnenenergie passiv. Trombe-Wand nennt man die Kombination aus Kollektorverglasung und massiver Wand.
Foto: Hanno Mackowitz

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