Martin Rauch – Lehm gestampft und gespachtelt

Martin Rauch – Lehm gestampft und gespachtelt
In der Küche von Haus Rauch sind die Oberflächen der Einbauten mit einer leicht glänzenden Lehm-Kaseinmischung überspachtelt, so dass alles wie aus einem Guss wirkt (Bild: Beat Bühler)

Lehm ist das Baumaterial des Klimawandels. Er gilt als das ökologischste Material überhaupt, ist ästhetisch und kann das Raumklima verbessern. Martin Rauch holt es aus der Ökoecke und macht es auch für moderne Gestaltungen interessant. Er verarbeitet es klar und minimalistisch und betont so die Wärme und Einmaligkeit des erdigen Materials.

In diesem Artikel:

  1. Lehmpionier Martin Rauch
  2. Portrait Martin Rauch
  3. Moderner Stampflehm – Material und Eigenschaften
  4. Innovativer Lehmkaseinspachtel für Boden, Wand, Möbel
  5. Buchtipp

Ein Beitrag unserer Redaktion.

Lehmpionier Martin Rauch

Im Zuge des Klimawandels und der Notwendigkeit, nachhaltig zu bauen, hat sich Lehm wieder zu einem echten Trend entwickelt, nicht nur für besonders ökologische Planer und Bauherren. Das nachhaltige Baumaterial ist im großen Umfang verfügbar und kann so eingebaut werden, dass es stets wiederverwendbar ist. Es punktet durch sehr gute Temperatur- und Feuchteausgleichswirkung, geringen Energiebedarf und Schadstofffreiheit, wie auch der Dachverband Lehm betont. Vermehrt wird das Material, das heute noch in den Tiefen vieler Fachwerkhäuser und Baudenkmäler zu finden ist, für sichtbare Oberflächen eingesetzt.

Die Modernisierung von Lehm treibt der renommierte Stampflehmexperte Martin Rauch besonders voran. Am liebsten verwendet er lokales Material, aus dem er Bauteile in allen Maßstäben vorfertigt, um sie in den modernen Bauprozess einzugliedern. Seine ersten Projekte aus den 1990er Jahren tragen eine künstlerische Handschrift. Seine aktuellen Bauten sind von den technischen Innovationen geprägt, die er in 30 Jahren Lehmbau entwickelt hat.

Portrait Martin Rauch

Lehmpionier Martin Rauch
Martin Rauch ist der erfahrenste Stampflehmbauer in Europa, baut mit international renommierten Architekten und erhielt den Terra Award für technische Innovationen. (Bild: Hanno Mackowitz)

1958 im österreichischen Schlins, einer Gemeinde in Vorarlberg, geboren, hat Martin Rauch die Fachschule für Keramik und Ofenbau und die Meisterklasse für Keramik an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien besucht. Seit 1985 konzipiert, plant und realisiert er Lehmbauprojekte im In- und Ausland. 1999 gründet er seine Firm ‘Lehm Ton Erde, Baukunst GmbH’, 2007 ‘ERDEN’, um Stampflehm vorzufertigen. Er erhielt nationale und internationalen Preis, wie den für nachhaltige Architektur Fassa Bortolo Italien.

2016 wurde er vom Terra Award, dem ersten internationalen Lehmpreis, für seine technischen Innovationen beim Bau der Stampflehmfassade des Ricola Kräuterzentrums ausgezeichnet. Er lehrte an verschiedenen Fachhochschulen und Universitäten. Unter anderem war er zusammen mit Anna Heringer (Bauprojekt: eine Schule in Bangladesh) Gastdozent am Departement Architektur der ETH Zürich und ist seit 2010  Honorarprofessor des UNESCO-Lehrstuhls ‘Earthen Architecture’.

Moderner Stampflehm – Material und Eigenschaften

Seit Anbeginn des Bauens wird Lehm für massives Bauteile eingesetzt: Teile der großen Mauer in China, Pyramiden in Ägypten, ganze Städte und Burgen in Marokko. Massive Stampflehmwände können passiv Sonnenwärme und Nachtkühle speichern. Mit in die Wand eingelegten Wasserleitungen können sie auch aktiv wärmen und kühlen. Aktuell wird Stampflehm gerne aus ästhetischen Gründen eingesetzt. Durch seine horizontalen Schichten mineralischer Farbtöne und die unterschiedlich großen Steinen wirkt er sehr naturnah – ähnlich selbstverständlich, wie eine Trockenmauer in einem Garten. Elemente wie Wandscheiben, Öfen, Sitzbänke oder Tresen werden dazu Schicht für Schicht gestampft. Traditionell geschah das vor Ort. Dabei ist es eine Kunst, Lehm, Zuschläge und Wasser richtig zu rezeptieren.

Seit Anbeginn des Bauens wird Lehm für massive Bauteile eingesetzt. In Marokko sind ganze Stäfte und Burgen aus dem lokalen Material (Bild: Achim Pilz)
Mit einfachsten Mitteln werden auch heute noch in Marokko Lehmwände gestampft (Bild: Achim Pilz)
Auch in Europa gibt es - bei lokal geeignetem Lehm - historische Gebäude aus Stampflehm (Bild: Achim Pilz)
IN Japan, das eine reiche Lehmbau-Tradition hat, modernisiert die Architektin Kumiko Hatanaka den Stampflehmbau, wie hier bei der Erweiterung eines Wohnhauses in Kobe (Bild: Kumiko Hatanaka)
Stampflehm aus örtlichem Lehm gehört heute zum ökologischen Bauen, wie hier im 'Lehmhaus' von Günther zur Nieden im Wangeliner Lehr- und Erlebnisgarten (Bild: Achim Pilz)

Heute wird meist auch ein Kunststoffgitter zur Verbesserung der statischen Eigenschaften eingestampft, mitunter farbige Zuschläge, kleinere oder größere Steine. Solange Stampflehm trocknet, schwindet er. Das dauert seine Zeit. Um den Baufortschritt zu beschleunigen, werden heute dünnere Vorsatzplatten wie auch voluminöse Bauteile vorgefertigt.

Pionier der Vorfertigung ist Martin Rauch. Im Österreichischen Schlins stehen Fassaden von ihm, die schon Jahrzehnte bewittert sind. Regen wäscht dabei den wasserlöslichen Lehm aus, die kleinen und großen Steine bleiben stehen. Horizontale Lagen von wasserfestem Material wie Kalk oder gebrannte Ziegel, verhindern, dass Regenwasser ins Fließen kommt und zu viel Material abträgt. Rauch nennt das „kontrollierte Erosion“. Durch sie entwickelt eine Stampflehmfassade mit der Zeit Charakter. Die Zuschläge werden sichtbar und die Sonne malt Schatten in die Furchen. Dabei bleibt die Fassade dauerhaft und sauber, im Gegensatz zu den meisten konventionell gedämmten Fassaden. Eine solche „kontrollierte Erosion“ ist einmalig für Augen, Hände und auch Ohren, denn sie wirkt auch schalldämpfend.

Moderner Stampflehm wird pneumatisch verdichtet - mit Handstampfen vor Ort wie hier beim Wohnhaus Rauch in Schlins -... (Bild: Reinold Amann)
... oder von einem Stampfroboter wie hier bei der zentralen Vorfertigung der ersten gedämmten Stampflehmfassaden des Alnatura Campus in Darmstadt (Bild: Lehm Ton Erde)
Ein frühes Projekt ist die Werkstatt von Martin Rauch. Ihre über zwei Jahrzehnte bewitterte Fassade ist inzwischen Teil der Natur geworden (Bild: Achim Pilz)
Für die Kapelle der Versöhnung am Berliner Todesstreifen stampfte der Pionier eine geschwungene Lehmwand (Bild: Achim Pilz)
Das Wohnhaus von Martin Rauch und seiner Familie ist ganz aus dem Boden der Baugrube gestampft. Nachhaltiger ist bauen nicht möglich (Bild: Beat Bühler)
Mit seiner ästhetischen und konsequent ökologischen Gestaltung gelang Rauch 2008 der internationale Durchbruch (Bild: Beat Bühler)
Der Aushub ist magisch verwandelt. Durch die kontrollierte Erosion erhält due pure Fassade eine unvergleichliche Tiefe und wird im Sonnenlicht lebendig (Bild: Beat Bühler)
Auch im inneren spielt die erdige Ästhetik von Stampflehm eine prägende Rolle. Das Treppenhaus erhält stimmungsvolles Tageslicht von oben (Bilder: Beat Bühler)
Die 112 Meter lange Fassade des Ricola Kräuterzentrums bei Basel stampfte der von Rauch neu entwickelter Roboter. Dafür erhielt er den Terra Award für technische Innovation (Bild: Achim Pilz)

Stampflehm-Fassade im Video

Stampflehm hat eine archaische Ausstrahlung, wie der Schwenk auf die Fassade des Alnatura Campus’ zeigt.

Innovativer Lehmkaseinspachtel für Boden, Wand, Möbel

Auch wer nicht gleich ein ganzes Haus in Lehm stampfen möchte, sondern nur einzelne Oberflächen betonen möchte, wird bei Martin Rauch fündig. Neben Lehmöfen hat er auch einen Lehm-Spachtel entwickelt, der fugenlos verarbeitet werden kann – auf Böden, Wänden und Möbeln wie in seinem eigenen Wohnhaus. So können Räume eine durchgängige gestalterische Handschrift erhalten, welche eine moderne erdige Ästhetik fortschreibt. Der Spachtel ist in verschiedenen Erdtönen erhältlich, die mit etwas Pigmente und untereinander gemischt werden können. Nach dem Schleifen wird er durch sein ökologisches Bindemittel Kasein feste und spröde. Seine Oberfläche wird noch mit Öl und Carnaubawachs behandelt, so dass eine ledrig, weiche Haptik entsteht.

Die ökologische Qualität einer damit gestalteten Oberfläche ist hoch: alle verwendeten Materialien sind ungiftig; Materialreste können über den Kompost entsorgt werden; ein Rückbau ist einfach möglich. Selbst von Allergiker werden Lehmspachtelböden sehr gut vertragen. In der Schweiz und in Österreich werden sie deshalb auch in öffentlichen Gebäuden wie Schulen und Kitas eingebaut, wie beim Schulpavillon Allenmoos in Zürich. Die Zukunft des nachhaltigen Bauens wird aus Lehm gespachtelt und aus Erde gestampft.

Martin Rauch – Lehm gestampft und gespachtelt
In der Küche von Haus Rauch sind die Oberflächen der Einbauten mit einer leicht glänzenden Lehm-Kaseinmischung überspachtelt, so dass alles wie aus einem Guss wirkt (Bild: Beat Bühler)
Auch die Schiebetüren im großzügigen Atelier sind mit Lehm-Kasein gespachtelt (Bild: Beat Bühler)
Der Hort Allenmoos ist mit gesunden Materialien gebaut: einen Boden aus Lehm-Kasein, Stampflehmwänden und Lehmputzen (Bild: Beat Bühler)
Der Spachtel eignet sich auch, um verspielte Motive einzuarbeiten (Bild: Beat Bühler)
Kindergerechte Details (Bild: Achim Pilz)
Mit der Zeit verstärkt sich der Charakter eines Spachtelbodens - hier in einem Wohnhaus, ausgeführt von lehmcreme.de - und bekommt eine lebendige Patina (Bild: Achim Pilz)

“Die Zukunft des nachhaltigen Bauens wird aus Lehm gespachtelt und aus Erde gestampft.”

Der nächste Artikel zeigt drei herausragende Gebäude aus Stampflehm und die Zukunft beim Bauen mit Aushub.

 

Buch- und Filmtipps

“UPSCALING EARTH – Material, Process, Catalyst”, Anna Heringer, Lindsay Blair Howe, Martin Rauch, in Englisch

Upscaling Earth - Material, Process, Catalyst von Anna Heringer, Lindsay Blair Howe und Martin Rauch

Wer mehr über die Projekte von Martin Rauch erfahren möchte, findet einen guten Zugang in dem Buch „Upscaling Earth“, das er gemeinsam mit Anna Heringer und Lindsay Blair Howe, die beide an der ETH Zürich unterstützt, geschrieben hat. Interessant ist die Zusammenschau mit den organisch geformten Häusern und Skulpturen, die zusammen mit Anna Heringer entstanden sind, die ebenfalls den Unesco-Lehrstuhl „Earthern Architecture“ inne hat. Nicht zuletzt stellt das Buch auch Hintergründe, neue Strategien und technologische Innovationen zur Realisierung von Lehmarchitektur vor.

gta Verlag, ETH Zürich, 2019
Broschur mit Fadenheftung, 152 Seiten und 114 Abbildungen
ISBN 978-3-85676-393-0
30,- €

“Martin Rauch: Gebaute Erde – Gestalten & Konstruieren mit Stampflehm”

Herausgeber: DETAIL; Marko Sauer und Otto Kapfinger
Sprache : Deutsch
Gebundene Ausgabe : 160 Seiten
ISBN: 9783955532703

Filmtipps

Lehm als nachhaltiger und innovativer Baustoff in der TV-Thek – BR Fernsehen. Ab min 30 über den Neubau der ERDEN Werkhalle.

Kurzer Dokumentarfilm über den Schulpavillon Allenmoos und den Neubau eines Stadtspitals in Zürich mit viel Lehm. Gesichtspunkte sind Gesundheit, Ressourcennutzung, Gebäudetechnik und gesellschaftliche Bedeutung.

 

Text: Achim Pilz