Altes Wissen, neu entdeckt: Dämmen mit Stroh

Strohballen auf einem Feld
Foto: Adobe Stock

Unsere Vorfahren wussten es schon: Stroh ist ein nachhaltiger, kostengünstiger Rohstoff, der noch dazu für ein hervorragendes Raumklima sorgt. Die Verwendung von Strohdämmung ist eine ökologische Alternative zu herkömmlichen Dämmstoffen wie Mineralwolle, Styropor oder Polyurethanschaum. Stroh ist ein nachwachsender Rohstoff und hat eine geringere Umweltbelastung im Vergleich zu synthetischen Materialien.

2014 wurde die Kombination der Holzständerbauweise mit Strohballen bauaufsichtlich zugelassen. Seitdem wurden in Deutschland 1000 Strohballenhäuser gebaut.

  1. Warum Stroh ein nachhaltiger Dämmstoff ist
  2. Die wichtigsten Eigenschaften von Stroh beim Bauen
  3. Diese Bauweisen gibt es mit Stroh
  4. Viel Sorgfalt notwendig: Diese Nachteile hat Stroh als Baustoff
  5. Fazit: Stroh ist ein nachhaltiger Dämmstoff

Christian Mascheck
Fachautor CRADLE

Warum Stroh ein nachhaltiger Dämmstoff ist

Fast überall in Deutschland wird Getreide angebaut. Als Abfallprodukt entsteht Stroh. Stroh war früher ein wichtiger Dämmstoff. Wenn alte Bauernhäuser saniert oder abgerissen werden, finden sich oft Wände aus einer Mischung aus Stroh und Lehm. Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten und auch für einen wohngesunden Bau von Häusern lohnt es sich, das Material wiederzuentdecken.

Häuser aus Stroh haben eine lange Lebensdauer: In Nebraska steht noch heute ein Strohballenhaus aus dem Jahr 1903. In modernen Zeiten verwendete man Baustoffe wie Beton und synthetisches Polystyrol, das aus Erdöl hergestellt wird. Doch durch die derzeitige Rohstoffknappheit und dem Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit wurde Stroh nun als Baustoff wiederentdeckt. In den USA und Kanada erlebt Stroh schon seit den 1970er-Jahren ein Revival.

Bereits beim Wachstum speichert Stroh CO2 aus der Luft. Stroh ist ein Naturmaterial, das ohne großen Energie- und Herstellungsaufwand genutzt werden kann. Dafür werden die Strohballen mit der erforderlichen Dichte direkt auf dem Acker gepresst und können ohne Zusatz von chemischen Stoffen zum Bau verwendet werden.

Rund 20 Prozent des jährlich anfallenden Strohs ist heute Abfall. Allein mit dieser Menge könnte man 350.000 Einfamilienhäuser bauen. Zum Dämmen eignen sich Platten aus Stroh hervorragend. Und auch für den Innenausbau: Das Strohplattenwerk Müritz hat sich zum Beispiel ein neues Verfahren zur Herstellung von Strohplatten ohne giftige Bindemittel und Chemikalienpatentieren lassen.

Strohplatten lohnen sich auch im Innenausbau

Strohplatten für den innenausbau
Stroh kommt nicht nur für die Dämmung, sondern auch für den Innenausbau ins Spiel – wie hier bei der sogenannten Strohplatte.
Foto: Strohplattenwerk Müritz.

Stroh hat aufgrund seiner Fähigkeit, Feuchtigkeit aufzunehmen und abzugeben, die Fähigkeit, das Raumklima zu regulieren und eine angenehme Luftfeuchtigkeit im Inneren zu gewährleisten. Dank dieser feuchtigkeitsregulierenden Eigenschaften bieten Strohballenhäuser ein wunderbares Wohnklima.

Der Wärmedämmwert von Stroh ist so gut, dass sogar der Bau eines Passivhauses möglich ist. Wird ein solches Haus später abgerissen, ist es völlig kompostier- oder wiederverwendbar: Cradle-to-Cradle in Reinkultur sozusagen. Der CO2-Ausstoß beim Herstellen der Strohballen ist um das Vierzigfache geringer als bei der Herstellung von Polystyrol. Und weil durch die hervorragende Dämmung auch die Heizkosten geringer sind, kann noch einmal CO2 eingespart werden.

Strohbaurichtlinie

Stroh ist mittlerweile als Baumaterial weitgehend anerkannt, da es sowohl eine europäische Zulassung als auch eine Richtlinie des Fachverbandes Strohballenbau Deutschland e. V. gibt. Nützliche Infos zum Bauen mit Stroh, Anforderungen bei der Verarbeitung und alles zum Brand-, Wärme und Schallschutz finden Sie in der Strohbaurichtlinie SBR-2019. Die Richtlinie beschreiben die wichtigen Eigenschaften von Stroh als Baustoff und erlauben den Einsatz von Stroh für viele Arten von Gebäuden, einschließlich dreigeschossigen, direktverputzten Strohgebäuden. Seit 2017 haben Baustrohballen auch eine Baustoffklasse E (normalentflammbar) erreicht und können somit als regulärer Baustoff verwendet werden.

Die wichtigsten Eigenschaften von Stroh beim Bauen

Strohtransport vom Feld
Stroh ist ein sehr wertvoller Abfallstoff der Getreideernte.
Foto: Adobe Stock

Gepresste Strohballen haben eine geringe Dichte und eignen sich deshalb nicht nur für die Dämmung, sondern auch für den Schallschutz. So schirmen Strohballenwände Innenräume gegen Schall von außen bis zum Lärmpegelbereich IV ab. Den gesetzlich vorgeschriebenen RW-Schallschutzwert von 50 dB übertrifft der Baustoff Stroh bei Weitem. Bauakustische Messungen in einem strohgedämmten Gebäude haben dies deutlich gezeigt.

Stroh kann nicht nur innen, sondern auch außen vor Mauerwerk verwendet werden, was ihn für ökologische Sanierung interessant macht. So können bis zu dreigeschossige direktverputzte Strohgebäude gebaut werden. Da Strohballenhäuser Feuchtigkeit regulieren, kann Schimmelbildung verhindert werden.

Aber was ist mit dem Brandschutz? Loses Stroh ist leicht entflammbar. Doch bei zu Strohballen oder -platten gepresstem Stroh ist das anders, da durch den Pressvorgang Sauerstoff entzogen wird. Die Strohballen haben daher die Brandschutzklasse F90 (das heißt: Die Mindestfeuerwiderstandszeit beträgt 90 Minuten), was einem normal entflammbaren Werkstoff entspricht. Beim Verbauen von Stroh herrscht dennoch striktes Rauchverbot. Auch Feuchtigkeit muss vermieden werden, um Schimmelbildung vorzubeugen. Strohballen müssen bei Transport, Lagerung und Einbau bis zum Aufbringen von Putz unbedingt trocken gehalten werden.

Diese Bauweisen gibt es mit Stroh

Benediktinerabtei Plankstetten
Neben strohgefüllten Wandelementen kamen für den Neubau „St. Wunibald“ des Klosters Plankstetten Dach- und Deckenelemente aus Holz zum Einsatz.
Foto: Benediktinerabtei Plankstetten

Während in Nordamerika die lastentragende Bauweise beliebt ist (siehe Kasten), bei der Strohwände aus Großballen Dach- und Deckenlasten tragen, ist in Deutschland nur die nicht-lastentragende Bauweise erlaubt. Wände aus Stroh können nicht so schwere Lasten tragen wie Wände aus Stein. Für die lastentragende Bauweise ist daher immer eine gesonderte bautechnische Prüfung notwendig.

Wie beim Fachwerkhaus trägt ein Holzständerwerk die Strohdämmung, das heißt, dass sich die Strohballen zwischen oder vor einem Holzständerwerk befinden. Diese Technik eignet sich auch für die Dachdämmung, da eine Einblasdämmung auch mit Stroh als Isolationsmaterial gut funktioniert. Die Wände aus Stroh tragen lediglich den Putz und schließen als Wärmedämmstoff den Raum oder die Wand ab. Für den Putz verwendet man Kalkstein für die Außen- und Lehm für die Innenwände. Zur nachträglichen Wärmedämmung älterer Gebäude können Kleinballen außen vor die Wand gesetzt werden.

Die Kosten eines Strohballenhauses sind fünf Prozent höher als die eines herkömmlichen Hauses.

Viel Sorgfalt notwendig: Diese Nachteile hat Stroh als Baustoff

Stroh ist ein Naturstoff und kann bei Feuchtigkeit schimmeln. Strohballen müssen durch Holzwerkstoffplatten und weitere Verkleidungen oder Abdeckungen vor Nässe geschützt werden. Sie sind daher nicht als Kerndämmung für zweischaliges Mauerwerk zugelassen und kommen hier, anders als bei der Dachdämmung, auch nicht für eine Einblasdämmung infrage. Außenwände, die dem Regen ausgesetzt sind, sollten unbedingt mit einem wasserdichten Anstrich versehen werden. An besonders beanspruchten Wänden auf der Wetterseite kann ein Dachüberstand oder ein Balkon Abhilfe schaffen.

„Stroh brennt lichterloh“, sagt der Volksmund. Loses Stroh brennt sehr leicht. Durch das Pressen der Ballen wird zwar Sauerstoff entzogen, sodass das Stroh nur noch „normal“ statt „leicht“ brennbar ist. Doch schwer entflammbare PU-Dämmplatten oder Glaswolle haben beim Brandschutz die Nase vorn.

Als Naturstoff kann Stroh von Schädlingen befallen werden. Darauf muss man bei der Verarbeitung ein wachsames Auge haben. Um gute Dämmwerte zu erreichen, muss viel Stroh verbaut werden. Dadurch werden die Wände dicker und die Räume folglich etwas kleiner.

Strohballenhaus in Weimar
Dieses Strohballenhaus in Weimar nutzt die Südseite für zahlreiche Fenster, um die Innenräume natürlich zu belichten und zu wärmen. Das Gebäude ersetzt einen schadstoffbelasteten Vorgänger und setzt nun ganz auf Nachhaltigkeit und Wohngesundheit.
Foto: Andreas Beetz

Fazit: Stroh ist ein nachhaltiger Dämmstoff

  • Stroh ist als Abfallprodukt des Getreideanbaus ein schnell nachwachsender und vollständig abbaubarer Rohstoff.
  • Stroh ist leicht zu verarbeiten und kann industriell hergestellte Baustoffe ersetzen.
  • Baustroh eignet sich zur Dämmung und Schallschutz und kann in Innen- wie in Außenwänden verbaut werden.
  • Strohballenhäuser haben durch die Regulierung von Feuchtigkeit ein besonders angenehmes Raumklima.

Wie gefällt Ihnen dieser Beitrag?