Das Earthship – nachhaltig bauen und wohnen

Eingang des Earthships
Bild: Achim Pilz

Das Earthship ist ein soziales Experiment von einer Gruppe junger Menschen, die nachhaltig und gemeinschaftlich bauen und wohnen möchten.

  1. Die Gemeinschaft
  2. Das Grundstück
  3. Das Earthship
  4. Das Konzept
  5. Ökologische Modifikation
  6. Die Versorgung
  7. Experimentelles Leben
  8. Baudaten

Ein Beitrag unserer Redaktion.

„Es ist Zeit für echte Experimente. Wir wollen den Weg frei machen für alle, die radikal nachhaltig bauen, leben und lernen wollen.“

Die Gemeinschaft

In Süddeutschland, inmitten einer naturbelassenen, leicht hügeligen Landschaft zwischen Stuttgart und Nürnberg, liegt das kleine Dorf Kreßberg. Seit 2010 wächst dort die ökologische Gemeinschaft Schloss Tempelhof, welche Mitglied im Global Ecovillage Network ist.

In der ökologischen Gemeinschaft Schloss Tempelhof experimentieren junge Menschen mit alternativen Wohnformen. Zu ihren mobilen Wohneinheiten haben sie sich ein autarkes Versorgungsgebäude aus Erde, Autoreifen, Lehm und Holz gebaut.

Von ihren etwa 150 Mitgliedern, sowohl Erwachsene als auch Kinder, arbeiten einige in der solidarischen Landwirtschaft auf fast 29 Hektar gemeinschaftlichem Grün- und Ackerland. Das Projekt ist auf Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für bis zu 200 Menschen ausgelegt.

An oberster Stelle der Visionen und Werte der Bewohner steht der gemeinschaftliche Einsatz für Nachhaltigkeit und das „Wir“. Zuletzt bauten sie daher neue Räume für ihre Schule für freie Entfaltung, eine private Grund- und Werkrealschule. Bis jetzt wurden unter anderem auch Wohnungen, ein Laden sowie ein Café realisiert.

Die Gemeinschaft Tempelhof, die das Gebäude erbaut hat
Bild: Gemeinschaft Schloss Tempelhof

Das Grundstück

Für das experimentelles Bauen sind zwei Grundstücke reserviert: das ‘Tempelfeld’ und die ‘Naturerfahrung’. Auf dem Sondergebiet „Naturerfahrung“, das sich im Norden des Bebauungsplans Tempelhof befindet, sollen in der Zukunft Experimente wie Pfahl-, Weiden- oder Erdhäuser realisiert werden. Auf dem Tempelfeld, welches am südöstlichen Rand liegt, siedelt jetzt schon eine kleine Gruppe aus der Gemeinschaft in mobilen Wohneinheiten.

Das Grundstück der Gemeinschaft
Bild: Gemeinschaft Schloss Tempelhof

Das Earthship

Im Jahr 2016 hat die Gemeinschaft ihr neues Versorgungsgebäude eingeweiht, ein so genanntes ‘Earthship‘. Es besteht aus natürlichen und recycelten Materialien und soll sich autark mit Strom, Wasser und Wärme versorgen. Als Teil des umfassenden Nachhaltigkeitskonzeptes nutzt es möglichst einfache und robuste Technologien – also „low tech“ – und konnte so weitgehend selbst erbaut werden. Ziel war es auch, möglichst wenig Maschinen und möglichst viel Handarbeit einzusetzen.

Willkommen im Earthship
Lowtech Energiekonzept: Glasfassade nach Süden, Lüftungsklappen auf dem Dach und ein Erdhügel mit zwei gigantischen Wassertanks im Norden, durch den die Zuluft temperiert wird (Bild: Achim Pilz)
der Eingang zu dem Gemeinschaftsort

Das Konzept des Earthships

Upcycling: Glasflaschen in der Wand

 

 

Da bei der Errichtung eines Eartships möglichst nachhaltig gearbeitet werden soll, wird das Konzept des Upcyclings genutzt. Dabei finden Materialien, die sonst oft weggeworfen werden, eine weitere Verwendung.

Das erste Earthship erbaute der amerikanische Architekt Michael Reynolds in den 1970er Jahren in Taos, New Mexiko. Dafür verwendete er Wohlstandsmüll wie Autoreifen, Aluminiumdosen und Glasflaschen sowie natürlichen Materialien wie Erde, Lehm und Holz. Zu dieser Zeit des ungebremsten Wachstums, also noch vor der ersten Ölkrise, waren ein passives Energiekonzept und das Verbauen von Müll allerdings geradezu revolutionär. Gerade deshalb musste Reynolds gegen viele Widerstände für den Urtyp der Earthships, das ‘Global Model’, kämpfen. Trotz ungewöhnlicher Methoden war das Projekt letztlich erfolgreich.

Die Wände des Earthships bestehen aus mit Erde gefüllten Autoreifen
Einblick in den Rohbau – Upcycling von Autoreifen sowie Aluminiumdosen und Glasflaschen (Bild: Gemeinschaft Schloss Tempelhof)

Inzwischen gibt es weltweit sogar um die 1.000 Earthships. Seit 2012 steht im Europäischen Earthshipzentrum in Tschechien das erste Earthship Mitteleuropas. Bei uns in Deutschland machte der Verein ‘Earthship Deutschland’ die Bauweise bekannt.

Ökologische Modifikation

Die Tempelfelder entschieden sich für ein Earthship in modifizierter Form. Auf dem Tempelfeld erhielt es vor allem mehr Dämmung, unter anderem mit Schaumglas-Schotter und Schafwolle. Durch eine Wandtemperierung und einen Stampflehmboden wird außerdem das Innenklima verbessert. Außerdem wird die Ökologie des Hauses durch die Dachbegrünung optimiert.

„Wir durften keine zu großen Modifikationen vornehmen, dann wäre es kein Earthship mehr gewesen “, erklärt Max Thulé. Er ist der Bauleiter des Ausbaus und Chef der Firma MoWo (Mobiles Wohnen), deren mobile Einheiten das Earthship begleiten. “So haben wir nur geschaut, wo können wir auf die Kunststoffdämmung verzichten, wo können wir mit Folien anders umgehen. Die Decke erhielt ein Baumwolltextil und fünf Zentimeter Schafwolldämmung, um die Akustik zu verbessern.“

Wegen Bauauflagen musste das potentiell autarke Gebäude darüber hinaus an Nahwärme, Strom und Wasser angeschlossen werden. „Wir dürfen Regenwasser nicht trinken. Das war die Auflage des Gesundheitsamt“, sagt Thulé enttäuscht. „Wir können im Bereich Wasserzufuhr aber relativ schnell ‘offgrid’ gehen.“ Dazu wird die Wasserqualität während des Betriebes im Labor untersucht.

Das Earthship als Versorgungseinheit

Das Earthship ist das zentrale Versorgungsgebäude der Tempelfelder, da es ein Bad, eine Toilette, eine Küche und ein Wohnzimmer hat. Zum offenen Gemeinschaftsbad sagt Thulé: „Für uns war es wichtig, Räume zu schaffen, in denen auch Begegnung stattfindet. Es war für uns auch davor ganz normal, zusammen zu duschen.“ Zusätzlich war das Haus ursprünglich auch für Gäste gedacht. Eine Wohnnutzung ist aber aus brandschutzrechtlichen Gründen nicht möglich.

Und auch heute bauen die Bewohner des Tempelfeldes stetig weiter. Zuletzt erstellte Max Thulé die „Forschungshütte Temperierung“, ein Tiny House aus Vollholz und Lehm. Hier und im Earthship werden laufend Daten gesammelt, um das autarke Siedeln weiterzuentwickeln.

Experimentelles Leben

Die bis zu 25 Tempelfelder wagen mit dem Earthship ein Lebens- und Wohnexperiment, das einen stärkeren Bezug zur Natur hat. Darüber hinaus suchen sie mit ihrer Lebensweise nach Alternativen zu eingefahrenen sozialen Strukturen. „Wie funktioniert eine größere Struktur als die Familie, eine Sippe oder ein Pylon“, fragt Max Thulé, „wie geht es, sich in der Gruppe mehr zu beheimaten?”

 

“Wir wollten einen geschützten Raum für uns, aber nicht nur für uns als Familie in einer Wohnung, sondern in einem größeren Gefäß.“

 

Wie in einer Wagenburg wohnen sie nun in 14 mobilen Einheiten, umgebauten Bauwagen oder auch eigens gebauten Räumen. Diese werden im Bauantrag jedoch „Aufenthaltsräume“ genannt. Nach einer internen Bausatzung soll es möglich sein, dass sie eines Tages weiterziehen können.

Gemeinsam ein Earthship bauen: hier gibt es ein paar  Regeln zu beachten
Bild: Achim Pilz

 

                                                                                                                                                                 Gemeinsame Aktivitäten finden im Sommer im Freien statt. Im Winter jedoch hat ein warmer, ausreichend großer Gemeinschaftsraum gefehlt. Dafür baute die Gemeinschaft das 180 m2 Earthship von September 2015 bis April 2016. Beim Selberbauen halfen dann auch Freiwillige: ungefähr 50 Baubegeisterte erstellten so in vier Wochen den Rohbau für freie Kost und Logis. Außerdem erbrachte ein Crowdfunding der Gemeinschaft stolze 198.000 EUR.

Baudaten Earthship

  • Bauherr: Schloss Tempelhof e. G.
  • Architekt (zeichnend): Ralf Müller
  • Bauleitung ab Rohbau: Max Thulé
  • Nutzfläche: ca. 160 m²
  • Dämmung: Schaumglas, Schafwolle
  • Recycelte Baustoffe: Erde, Autoreifen, Glasflaschen, Aluminiumdosen, Biberschwänze
  • Ökologische Baustoffe: Rundhölzer, Holzständer für Innenwände, Stampflehm oder Solnhofer Platten für den Boden
  • Oberflächen: Putze und Spachtel aus Kalk und Lehm, Mosaike aus Bruchfliesen
  • Wärmeversorgung: Nahwärme, Temperierung der Zuluft
  • Lüftung: Zuluft durch den Erdhügel, Dachluken im Wintergarten
  • Grauwasser: 2 Regenwasserzisternen mit 25 m³ fürs Gemüsewaschen, das Schmutzwaschbecken und die Waschmaschine; kleine Pflanzenkläranlage im Wintergarten für die Toilette
  • Strom: Photovoltaik in der Attika

 

Projekte wie das Earthship zeigen uns, dass es viele nachhaltige Möglichkeiten gibt, wie gemeinschaftlich, ökologisch und nah an der Natur gebaut werden kann!

Text: Achim Pilz

Wie gefällt Ihnen dieser Beitrag?