Buchvorstellung: ‚Pflanzenfaserarchitektur heute‘

Das Buch 'Pflanzenfaserarchitektur heute' und die dazugehörige Wanderausstellung 'Fibra – Zeitgenössische Architektur mit Pflanzenfasern' würdigen die 50 Finalisten des FIBRA Awards
Bild: Wang Ziling

Das Buch ‚Pflanzenfaserarchitektur heute‚ und die dazugehörige Wanderausstellung ‚Fibra – Zeitgenössische Architektur mit Pflanzenfasern‚ würdigen die 50 Finalisten des FIBRA Awards, des ersten weltweiten Preises für zeitgenössische Architektur aus Pflanzenfasern.

Ökologischer Wandel mit Pflanzenfasern

Der Einsatz von Materialien aus schnell wachsenden Pflanzen kann bei der Verringerung der Umweltauswirkungen von Gebäude einen wesentlichen Beitrag leisten. Er bietet die Chance, die CO2-Emissionen stark zu verringern und damit die globale Erderwärmung zu reduzieren.

Von chinesischen Lampenschirmen inspiriert: das aus Kieselsteinen, Stampflehm und Bambus gebaute Gasthaus zelebriert die Schönheit von Bambus
Von chinesischen Lampenschirmen inspiriert: das aus Kieselsteinen, Stampflehm und Bambus gebaute Gasthaus zelebriert die Schönheit von Bambus
Bild: Dominique Gauzin-Müller

Gebäude: Gasthaus für die internationale Bambusbiennale von Baoxi, China.
Architektin: Anna Heringer

Die ausgewählten Gebäude kommen aus allen Kontinenten und verwenden die verschiedensten Materialien: Bambus, Stroh, Schilf, Weide oder Rattan, Hanf, Palm- oder Zuckerrohrblätter, Rinde, sowie Nordsee- oder Andengräser. Die meisten Bauten kombinieren den Einsatz lokaler Ressourcen, die Revitalisierung traditioneller Techniken, zeitgenössisches Gestaltung und energiesparende Bauweisen. So bieten sie überzeugende Beispiele für eine kreative Suffizienz.

Auch Ferienhäuser werden in 'Pflanzenfaserarchitektur heute' vorgestellt. Hier ein Gebäude in Kenia mit einem Dachstuhl aus Mangrovenholz und einem langen Makuti-Kokosblattdach geschützt.
Mehrere separate Ferienhäuser werden von einem Dachstuhl aus Mangrovenholz und einem langen Makuti-Kokosblattdach geschützt. Bis auf die Bodenplatte aus Beton wurden alle Arbeiten mit Materialien aus der Insel Lamu handwerklich ausgeführt.
Bild: Alberto Heras

Gebäude: Ferienhaus Red Pepper in Lamu, Kenia
Architekten: Urko Sanchez Architects

Den Menschen wieder mit der Natur verbinden

In Europa wird mit nachwachsenden Rohstoffe wie Stroh, Hanf und Flachs gedämmt. In Ländern des Südens kann man aus Bambus, Schilf und anderen Fasern – oft in Verbindung mit Lehm – komfortable Häuser zu erschwinglichen Preisen errichten. Dazu schafft der Einsatz von Pflanzenfasern eine Ästhetik, die den Menschen wieder mit der Natur verbindet: ihre Struktur hat eine selbstverständliche haptische Schönheit.

Mehr als nur Pflanzenfasern: Diese lebendige Kuppel inmitten eines Waldes ist die natürliche Kulisse für die Aufführung von traditionellen chinesischen Opern
Diese lebendige Kuppel inmitten eines Waldes ist die natürliche Kulisse für die Aufführung von traditionellen chinesischen Opern
Bild: Wang Ziling

Architektur: Lebendes Bambus-Theater in Songyang County, China
Architektin: Xu Tiantian, DnA_Design and Architecture

Bauen und Renovieren mit Stroh und Hanf

Mit mehr als 5.000, mit Stroh gedämmten Bauten ist Frankreich Pionier. Rund zehn französische strohgedämmte Schul- und Wohngebäude, darunter ein sozialer Wohnungsbau mit sieben Etagen, gehören zu den Finalisten des FIBRA Awards. Die Verwendung von Hanfbeton nimmt auch in Frankreich zu, wie zwei Pariser Beispiele zeigen: die Renovierung eines alten Mietshauses und der Neubau von Sozialwohnungen.

In "Pflanzenfaserarchitektur heute" werden verschiedene Bauprojekte vorgestellt. Wie dieses Gebäude in Vitry-sur-Seine.
Die geflochtenen Weidengeländer des Wohnhaus Le Candide strahlen eine besondere Wärme aus. Die beweglichen Schiebewände und die Balkon-Trennwände wurden in der Werkstatt vorgefertigt, die Balkongeländer vor Ort gewebt.
Bilder: Luc Boegly

Gebäude: Wohnhaus Le Candide in Vitry-sur-Seine, Frankreich
Architekt: Bruno Rollet

Hygrothermischer Komfort

Nachwachsende Materialien sind diffusionsfähig, winddicht und können Feuchtigkeit puffern. Zudem wirken sie ausgleichend auf die Temperaturen im Innenraum. Dadurch tragen sie nicht nur zu einem ökologischen Wandel sondern auch zu einem gesunden Wohnen bei.

Auch Einfamilienhäuser werden in "Pflanzenfaserarchitektur heute" gezeigt
Architektur für Familien mit Pflanzenfasern: Das erste Strohballenhaus der Region will eine erschwingliche und ökologische Alternative zu den üblichen Einfamilienhäusern in den Vororten Nordamerikas sein.
Das erste Strohballenhaus der Region will eine erschwingliche und ökologische Alternative zu den üblichen Einfamilienhäusern in den Vororten Nordamerikas sein.
Bilder: Nicolas Koff

Gebäude: K-House in Toronto, Kanada
Architekten: Nicolas Koff, Office Ou

Details

Titel
Pflanzenfaserarchitektur heute – 50 ausgezeichnete Bauwerke aus aller Welt

Autorin
Dominique Gauzin-Müller

Verlag
éditions MUSEO/ vdf Hochschulverlag

Umfang und Preis
144 Seiten, 216 Fotos, 112 Grafiken und Illustrationen, durchgehend farbig, Format 24 x 32,5cm, broschiert

CHF 42.00/EUR (D) 39.90
ISBN 978-3-7281-4028-9

erscheint Mitte Oktober, auch als E-Book erhältlich

Details ‚Fibra – Zeitgenössische Architektur mit Pflanzenfasern‘

Zeitraum
16. Oktober 2020 – 10. Januar 2021

Ort
Ifa-Galerie Stuttgart

Info
Neben den 50 Finalisten des FIBRA Awards werden Modelle von 1zu1-Details dieser Bauten vorgestellt, wie Hanfbeton-Wände, Dach- und Wandverkleidung aus Stroh, Geländer aus Weide.

Text: Dominique Gauzin-Müller

Betonrecycling – Bauen statt Deponieren

Betonrecycling: Bauen statt Deponieren

Mit Betonrecycling gibt es auch für Bauschutt eine Aussicht auf eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft im Betonbau.

In diesem Artikel:

„Hundert Prozent recycelte Gesteinskörnung im Beton sind auch im Hochbau machbar!“

Prof. Dr. Andrea Kustermann
Prof. Dr. Andrea Kustermann entwickelt für Betonrecycling in einem Modellprojekt in der Bayernkaserne eine Methode
Bild: Julia Bergmeister
Prof. Dr. Andrea Kustermann entwickelt in einem Modellprojekt in der Bayernkaserne eine Methode für Betonrecycling

Betonrecycling: Bauen statt Deponieren

Auf dem Gelände der Bayernkaserne findet derzeit ein einzigartiges Modellprojekt statt: Der Bauschutt der abgerissenen Gebäude wird nicht auf die Deponie gefahren, sondern soll vollständig für neue Bauwerke genutzt werden. Die Rezeptur für den Recycling-Beton entwickeln Prof. Dr. Andrea Kustermann und ihr Team der Fakultät für Bauingenieurwesen der Hochschule München.

Bereits jetzt türmen sich auf dem Gelände der ehemaligen Bayernkaserne meterhohe Schutthalden. Vor drei Jahren begann der Abbruch der alten, von der Wehrmacht errichteten Gebäude. Dieser „Rückbau“ wird insgesamt 300.000 Tonnen Beton-, Ziegel- und Mörtelreste hinterlassen.

Für Andrea Kustermann ist der Schutt jedoch ein hochinteressantes Forschungsobjekt. Die Professorin kommt mindestens einmal in der Woche auf die Baustelle, um Proben zu nehmen. „In dem Modellprojekt, das vom Kommunalreferat der Landeshauptstadt mit 35.000 Euro gefördert wird, wollen wir herausfinden, wie sich der Beton, der beim Abriss der alten Bauten anfällt, zu hundert Prozent recyceln lässt.“

Selten Kreislaufwirtschaft im Betonbau

Hundert Prozent Beton-Recycling ist in Deutschland im Bereich des Hochbaus noch ein Novum, vor allem bei sehr feinkörnigem Bauschutt. Die Kapazität von Schuttdeponien ist bereits jetzt weitgehend erschöpft, jedes Jahr kommen Millionen Tonnen neuer Schutt dazu. Dessen Transport per LKW verbraucht zudem fossile Rohstoffe. Außerdem werden stets neuer Sand und Kies für Neubauten abgebaut. Folglich könnte ein Recycling der Baumaterialen vor Ort die Öko-Bilanz deutlich verbessern.

Durch das Recyclen von Beton könnte deutlich die Ökobilanz verbessern
Bild: Julia Bergmeister
Durch das Recyclen von Beton könnte deutlich die Ökobilanz verbessern

Dass Kreislaufwirtschaft im Betonbau bisher kaum praktiziert wird, liegt an den in Deutschland gültigen Normen. Denn bisher ist nur eine begrenzte Zumischung von grobkörnigem Material erlaubt. Überdies darf Sand gar nicht verwendet werden. Poröse Zementbestandteile können Wasser aufnehmen, sich verformen und bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt sogar den Beton sprengen.

Hundert Prozent Recycling-Beton für den Hochbau

„Mit unseren Untersuchungen wollen wir zeigen, dass Recycling-Beton mit 100 Prozent rezyklierter Gesteinskörnung durchaus für neue Beton-Konstruktionen geeignet sind“, erklärt Kustermann. „Man muss die Materialeigenschaften allerdings genau kennen, um beurteilen zu können, wo ein Werkstoff eingesetzt werden kann – es macht einen großen Unterschied, ob man eine Innenwand daraus baut, die kaum Frost ausgesetzt wird, oder eine Fassade.“

An der Wand des Betonlabors der Hochschule München stehen Reihen beschrifteter Mörtelwannen, gefüllt mit Abbruchmaterial. Das Abrissunternehmen Ettengruber, der Kooperationspartner des Projektes, filterte den Bauschutt bereits mit riesigen Brech- und Siebanlagen. Somit ist der Bauschutt für seinen erneuten Einsatz aufbereitet. Alle Proben sind nun feinkörnig, enthalten aber unterschiedlich viel Ziegel, Putz oder Beton. „Daher müssen wir für die Verarbeitung unterschiedliche Rezepturen entwickeln“, erläutert Kustermann.

Michael Weiß, Projektleiter der Firma Ettengruber, und Prof. Dr. Andrea Kustermann prüfen die Bestandteile des Schutts aus den riesigen Brech- und Siebanlagen vor Ort
Bild: Julia Bergmeister
Michael Weiß, Projektleiter der Firma Ettengruber, und Prof. Dr. Andrea Kustermann prüfen die Bestandteile des Schutts aus den riesigen Brech- und Siebanlagen vor Ort

Testverfahren für Betonrecycling

Im ersten Schritt werden Korngrößen bestimmt, Dichte sowie Porosität gemessen. Anschließend mischen die Ingenieurinnen und Ingenieure das Material mit Zement und Wasser und dokumentieren genau die Mengverhältnisse. Nach dem Gießen der Probewände und deren Aushärtung folgen Belastungsprüfungen. „Mit diesen Untersuchungen können wir ermitteln, wie belastbar der fertige Beton ist und wie oft er sich einfrieren und wiederauftauen lässt, ohne Schaden zu nehmen“, erläutert die Forscherin.

Betonrecycling auf dem Prüfstand: Der recyclete Beton muss genauestens  überprüft werden
Foto: Julia Bergmeister
Der recyclete Beton muss genauestens überprüft werden

Nachdem alle Tests abgeschlossen sind, wird die Genehmigung für den Einsatz des 100-prozentigen Recycling-Materials bei der Baubehörde beantragt. Danach sollen 2020 die ersten temporären Gebäude aus dem neuen, alten Baustoff auf dem Gelände der Bayernkaserne entstehen.

Text: Monika Weiner

Alpine Architektur: Die Schönheit des Alten

alpine Architektur: das Forschungsprojekt ATLAS unter der Leitung von Prof. Dr. Natalie Eßig und Prof. Dr. Silke Langenberg
Die Schönheit alpiner Fassaden (Bild: Natalie Eßig)

Traditionelle alpine Architektur von historischen Gebäuden neu entdecken, bewerten und nachhaltig entwickeln – das ist das Ziel des europäischen Forschungsprojekts ATLAS. Zwei Professorinnen der Fakultät für Architektur sind in der wissenschaftlichen Leitung des Projektes aktiv.

In diesem Artikel:

„Wir wollen die traditionelle alpine Architektur bewahren und historische Gebäude – auch Häuser und Ensembles jenseits des Schutzniveaus – erhalten und für die Zukunft rüsten.“

Prof. Dr. Silke Langenberg und Prof. Dr. Natalie Eßig

Die Schönheit des Alten: alpine Architektur

Wer Urlaub in den Bergen macht, sieht sie oft: alte, traditionelle Bauernhäuser in einem kleinen Bergdorf. Sie sind nicht mehr bewohnt, und langsam aber sicher beginnt ihr Verfall. Für die Renovierung oder Sanierung solcher Häuser macht sich das Projekt »Advanced Tools for Low-carbon, high-value development of historic architecture in the Alpine Space« (ATLAS) stark.

»Wir wollen die traditionelle alpine Architektur bewahren und historische Gebäude – auch Häuser und Ensembles jenseits des Schutzniveaus – erhalten und für die Zukunft rüsten. Gleichzeitig sollen sie energieeffizient und nachhaltig saniert werden, denn nur so können wir die ehrgeizigen Klimaschutzziele erreichen und die Merkmale der alpinen Kulturlandschaft schützen«, erklären Prof. Dr. Silke Langenberg und Prof. Dr. Natalie Eßig das Konzept.

Prof. Dr. Silke Langenberg, wissenschaftliche Leitung des europäischen Forschungsprojektes ATLAS
Prof. Dr. Silke Langenberg (Bild: Johanna Weber)
Prof. Dr. Natalie Eßig, wissenschaftliche Leitung des europäischen Forschungsprojektes ATLAS
Prof. Dr. Natalie Eßig (Bild: Johanna Weber)

Die beiden Professorinnen ergänzen sich ideal in diesem Projekt: während Eßig die Professur für Baukonstruktion und Bauklimatik inne hat und Expertin für Nachhaltigkeit ist, ist Langenberg Professorin für Bauen im Bestand, Denkmalpflege und Bauaufnahme und steht für die Bewahrung der historischen Bausubstanz unter Berücksichtigung ihrer kulturellen Bedeutung.

Gebäude nachhaltig entwickeln

Bis zu 60 Prozent der Gebäude in ländlichen Gebieten können als historisch betrachtet werden. Meistens stehen sie in benachteiligten Gebieten im alpinen Raum – ob im slowenischen Soca-Tal, im italienischen Truden im Naturpark oder im österreichischen Hittisau in Vorarlberg – und bieten ein geringes Maß an Energieeffizienz und Komfort.

Die Besitzer*innen der historischen Gebäude müssen, ebenso wie Architekt*innen, Erbschaftsbehörden und politische Entscheidungsträger*innen in den Kommunen, meist erst für die Notwendigkeit und den Nutzen einer nachhaltigen Entwicklung der traditionellen alpinen Architektur sensibilisiert werden.

Gebäudeatlas für alpine Architektur

In einem ersten Schritt entsteht im Rahmen von ATLAS deshalb ein historischer Gebäudeatlas als Online-Datenbank mit Best-Practice-Beispielen.

Beispiel für alpine Architektur: Das Jurasteinhaus im bayerischen Altmühltal
Das Jurasteinhaus im bayerischen Altmühltal (Bild: Silke Langenberg)

Tobias Listl, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsprojekt, klassifizierte dafür unterschiedliche Typologien wie beispielsweise das Jurasteinhaus im bayerischen Altmühltal (Bild oben), das Appenzeller Haus in der Schweiz oder das Vorarlberger Holzhaus in Österreich (Bild unten) – und stellte gelungene Beispiele für die nachhaltige Sanierung solcher historischen Gebäude in die Datenbank ein.

Ein weiteres Beispiel für alpine Architektur: Das Vorarlberger Holzhaus in Österreich
Das Vorarlberger Holzhaus in Österreich (Bild: Natalie Eßig)

Darüber hinaus finden sich hier auch Tipps, was man von historischen Bauten lernen kann, zum Beispiel Fensterläden aus Holz, die man im Sommer als Sonnenschutz verwendet, im Winter aber aushängt, um Platz für ein zusätzliches Winterfenster zu machen.

Bewertungsschema für alpine Architektur

Im zweiten Schritt entwickelt Prof. Eßig mit ihrem wissenschaftlichen Mitarbeiter Ahmed Khoja ein Bewertungsschema mit so genannten »Key Performance Indicators« für die Nachhaltigkeit historischer Gebäudesanierungen. Dabei geht es – neben ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Kriterien – auch um kulturelle Aspekte wie die Vereinbarkeit der Sanierung mit den kulturellen Werten in der Region.

Darauf folgen wird ein »interactive retrofit guidance tool«, das jede und jeder Einzelne als Grundlage für Sanierungspläne nutzen kann: »Welcher Architekt ist sensibel für das Thema? Wie wurde ein ähnliches Gebäude saniert? Welche Baumaterialien haben sich bewährt? Wie wurde gedämmt?« nennt Eßig einige praktische Beispiele.

Kommunen sind gefragt

Ein Hauptergebnis des Forschungsprojekts ATLAS wird ein ganzheitliches Toolkit für Kommunen sein. »Gemeinden sind Schlüsselakteure, wenn es um die optimalen Rahmenbedingungen für eine nachhaltige Sanierung historischer Gebäude geht. Sie können Pilotprojekte starten und sich selbst an der Renovierung traditioneller Gebäude beteiligen, lokale Netzwerke gründen oder sich als Modellregion positionieren«, erklären Eßig und Langenberg.

Prof. Dr. Silke Langenberg und Prof. Dr. Natalia Eßig
Eßig und Langenberg im Gespräch (Bild: Johanna Weber)

Professor Eßig hat übrigens selbst ein historisches Gebäude in Franken renoviert und weiß – aus der Perspektive der Bauherrin und der Architektin – wie viele Stolpersteine im Lauf eines solchen Projekts auftauchen. »Man muss sehr behutsam vorgehen, um die Schönheit des Alten zu bewahren, kann aber auch moderne Elemente integrieren«, sagt sie. In ihrem eigenen Haus hat sie zum Beispiel die inneren Fenster ihres Altbau-Kastenfensters durch eine energieeffizientere Verglasung ersetzt, deren Fensterrahmen aber die historischen Proportionen aufgreifen. Ein klarer Fall für die Best-Practice-Datenbank.

Projektdaten

Projekttitel:
Advanced Tools for Low-carbon, high-value development of historic architecture in the Alpine Space (ATLAS)

Projektlaufzeit:
April 2018 bis 16. April 2021

Projektpartner:

  • Accademia Europea di Bolzano, Italien (Koordinator)
  • Universität Innsbruck, Österreich
  • Energieinstitut Vorarlberg, Österreich
  • Posoški razvojni center, Slowenien
  • Gemeinde Truden im Naturpark, Italien
  • Teamblau GmbH, Italien
  • Sites et Cités Remarquables France, Frankreich
  • University of Applied Sciences and Arts of Southern Switzerland, Schweiz

Projektträger und Zuwendungsgeber:
Europäische Union sowie Interreg-Programm

Text: Elke Zapf

Das Studio Chamanga – Design Build in Ecuador

Das Studio Chamanga ist ein Design Build Projekt der Hochschule München in Ecuador.

Das Studio Chamanga ist ein Design Build Projekt der Hochschule München in Ecuador.

In diesem Artikel:

Ein Kulturzentrum für Chamanga: Bauen lernen und etwas Sinnvolles tun

Nach einem Erdbeben fehlt es im Küstenort Chamanga in Ecuador an Orten für Kultur. Deshalb planten Studierende der Fakultäten der Architektur und des Bauingenieurswesens in einem Projekt von Professorin Ursula Hartig ein Kulturzentrum und bauten es eigenhändig vor Ort. Für Manche war dies zudem eine Erfahrung, die auch die Wahrnehmung der eigenen Kultur veränderte.

Zwei Räume in Beton-Ziegel-Bauweise, dazwischen eine große Halle mit Bühne. Darüber mehrere Stockwerke ganz aus Bambus gebaut – viel Platz für Kurse und ein Radiostudio. So steht das Kulturzentrum der NGO „Opción Más“ jetzt in Chamanga. Dass es in viereinhalb Wochen Bauzeit fertig wurde, ein kleines Wunder – auch für Hartig, die Initiatorin des Projekts. Sie hat bereits langjährige Erfahrung mit internationalen Bauprojekten mit Studierenden.

Bauschild des Kulturzentrums in Chamanga
Bauschild des Kulturzentrums in Chamanga

Design Build Studio Chamanga

Die Studierenden entwickelten im „DesignBuild Studio Chamanga“ zunächst den Entwurf für ein Kulturzentrum, dann machten sie sich an die Ausführungspläne: Was muss man bedenken, wenn Beton gegossen wird? Wie genau lassen sich die Bambusbauteile aus den Rohbestandteilen zuschneiden? Erfahrung im eigenhändigen Bauen hatten bis zu diesem Zeitpunkt nur Wenige von ihnen. Nicht nur deshalb war ein Netzwerk von lokalen Architekten und anderen akademischen Partnern vor Ort für Hartig die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg des Projekts.

„Kati vom Dach“ – Studentin beim Schnüren der Bambusstruktur
„Kati vom Dach“ – Studentin beim Schnüren der Bambusstruktur
Zwischenzeit beim Bau des Studio Chamanga
Zwischenzeit beim Bau des Kulturzentrums in Chamanga

Unplanbares planen

Noch in Deutschland erstellten die Studierenden einen so genannten Bauzeitenplan. „Der musste alles enthalten, zum Beispiel auch, dass immer zwei Personen durch Krankheit ausfallen“, sagt Hartig. Und eben solche Eventualitäten erlebten die Studierenden schließlich: Die rostfreien Schrauben aus Italien kamen partout nicht an. Und der angelieferte Bambus war so verschlammt, dass er zwei Wochen lang geputzt werden musste.

Die Gruppenmitglieder übernahmen jeweils Verantwortung für einzelne Teile des Baus, außerdem hat eine Person die Rolle des Bauleiters übernommen. Nicht nur durch die körperliche Arbeit, sondern auch mit den eigenen Kenntnissen kamen einige Studierende an ihre Grenzen. Doch die Gruppe unterstützte sich wechselseitig.

Bau der "Königsstützen" des Kulturzentrums in Chamanga
Bau der „Königsstützen“ des Kulturzentrums

Aus Sicht von Ferdinand Loserth, Masterstudent des Bauingenieurwesens und studierter Holzbauingenieur, hat sich auch der Bauzeitenplan bewährt: „Wir Deutschen kommen uns oft kleinkariert vor. Das sind wir auch! Aber über weite Strecken ist das notwendig für ein gewisses Niveau an Sicherheit und Qualität.“ Für ihn änderte der Aufenthalt seine Sicht auf die eigene Kultur: „Das tägliche Deja-vu, als wir abends in den Urlaubsort Mompiche kamen – völlig fertig, dreckig und hungrig – und dann die vom Surfen kommenden Urlauber. Das kam einem völlig surreal vor“.

Herstellung der "Bubble-Fassade" des Kulturzentrums von Chamanga. Verwendung von lokalen Materialien, wie zum Beispiel Bambus.
Verwendung von lokalen Materialien, wie zum Beispiel Bambus: Herstellung der „Bubble-Fassade“

Gute Aussichten für Chamanga

Hartig kennt diesen Effekt des Perspektivenwechsels bei ihren Studierenden in dem zugleich internationalen, interdisziplinären und praxisorientierten Lehrformat: „Da steht nicht nur das Architektonische im Mittelpunkt, sondern auch die Menschen und ihre Umgebung. Solche Projekte sind rundum sinnvoll für alle Beteiligten“.

Endlich fertig: am Abend vor der Fertigstellung des Studio Chamanga
Am Abend vor der Fertigstellung des Kulturzentrums: noch herrscht rege Betriebsamkeit

Dass das auch für die Menschen in Chamanga gilt, zeigte sich bereits kurz nach der Einweihung: “Opción Más“ hatte das Gebäude gleich in Beschlag genommen und veranstaltete am Folgetag den ersten Kurs. „Kultur hat dort einen ganz hohen Stellenwert“, sagt Hartig. Und mit dem Zentrum nun auch wieder einen festen Ort im Dorf Chamanga.

Abschließend wurde das Projekt eingeweiht: Abend der Einweihung des Kulturzentrums mit dem Deutschen Botschafter
Abschließend: Ein Einweihungsabend mit dem Deutschen Botschafter

Eckdaten Studio Chamanga

Der Bau des Kulturzentrums für die NGO „Opción Más“ in Chamanga, Ecuador, war eine Kooperation der Hochschule München (HM) mit der „Portland State University“, der “Tokyo University“ und der „Pontificia Universidad Católica del Ecuador“ sowie zwei Architekten vor Ort.

Die ProfessorInnen Christoph Dauberschmidt und Andreas Scholz sowie Ursula Schmid von der Fakultät für Bauingenieurwesen und Frau Prof. Hartig von der Fakultät für Architektur betreuten das Projekt an der HM. Insgesamt konnten Mittel in Höhe von Euro 70.000 für das Projekt eingeworben werden, davon ein Großteil über das HM-Programm Qualifive. Weitere Informationen: www.dbxchange.eu/node/1531

Weitere Design Build Projekte finden Sie hier.

Text: Christiane Taddigs-Hirsch
Bilder: Studio Chamanga, Hochschule München

Design Build – studentische Bauprojekte

Design Build Projekte: die Bauprojekte werden von Studierenden geplant und umgesetzt
Bild: Matthias Kestel

Design Build: das sind Projekte, die Architekturstudierende planen und ausführen, und die jungen Menschen somit reale Bauerfahrungen vermitteln.

In diesem Artikel:

Design Build: Studentische Bauwerke

Mit Design Build sind nun auch Partizipation und Selbsthilfe in den Universitäten und Hochschulen angekommen. Die Studierenden planen aber keine Luftschlösser, sondern bauen notwendige Gebäude wie Gemeinschaftshäuser. Die Planung und das Bauen verbinden somit die verschiedenen Ebenen: von der Großform über die Details bis hin zur greifbaren Realität.

Bei einem Design Build werden die Projekte von Studierenden nicht nur geplant, sondern auch durchgeführt

Geplant und gebaut werden sowohl auf dem eigenen Campus als auch international. In Schwellen- oder Entwicklungsländern werden gemeinsam mit Einheimischen kommunale Projekte wie Schulen, Bibliotheken, Ambulanzen sowie Einrichtungen für sozial Benachteiligte entwickelt. Besonders im Ausland ist dieses gemeinsame Selbstbauen ein sozialer Prozess.

Dieser soziale Aspekt von Architektur gerät zunehmend ins Blickfeld: Auch wichtige Nachhaltigkeitssiegel wie das der Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen und das Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen des Bundes lenken ihren Fokus inzwischen auf soziale Bereiche. Dafür haben sie eigene Bewertungskriterien entwickelt. Die Ausstellung ‚Think Global, Build Social!‘ des Deutschen Architekturmuseums (DAM) und des Architekturzentrums Wien lief 2013 im Frankfurter DAM und tourte dann noch einige Jahre durch die Welt.

Minimalistische Ästhetik

Beim selbst Bauen sind die Ressourcen immer knapp. Der geringe finanzielle Rahmen wird daher mit viel Eigeninitiative und Kreativität ausgeglichen. Die Ästhetik, die an den Hochschulen durch das Weiterentwickeln aktueller Designtendenzen entsteht, hat dadurch etwas Selbstverständliches. Deswegen wird gerade lokalen Baumaterialien oft viel Raum eingeräumt.

Bei der Schule in Nairobi wurden zum Beispiel Steine aus dem nächsten Steinbruch verwendet. Bei der Modellbauwerkstatt in Liechtenstein wählten die Professoren Holz, die Studierenden entschieden sich hingegen für Holzlatten. Für das Studentenwohnheim in Stuttgart kamen vorfabrizierte Baustoffe zum Einsatz und die Schule in Bangladesch entstand aus Bambus und Lehm.

Erstes Beispiel: Skills Center, Nairobi, Kenia

Das erste Beispiel ist die ästhetische Handwerkerschule ‚Skills Center Nairobi‘, die von Studierenden aus Deutschland und Kenia geplant und gebaut wurde. Mit lokalen Baumaterialien errichteten sie eine soziale Schule, in der junge Erwachsene des nahen Slums ausgebildet werden.

Ein Bauprojekt in Nairobi. Das Skills Center Nairobi wurde von Studierenden aus Deutschland und Kenia geplant.
Bild: Matthias Kestel

Organisatoren sind deutsche sowie kenianische NGOs. Das Fachgebiet Holzbau der Technischen Universität München kooperierte dazu mit der lokalen Universität. Die Architekturstudierenden entwarfen und planten Klassenzimmer, einen Gemeinschaftsraum mit Speisesaal, Küche und Verwaltung, Schlafräume, Toiletten sowie Duschen. Die Gebäude bilden begrünte Innenhöfe, die wie Oasen in dem staubigem Gelände wirken. Indem sich überdachten Bereiche mit geschlossenen, hohen Räumen abwechseln, ist das Gebäude optimal an das lokale Klima angepasst.

Die Wände der Gebäude sind aus massivem, handbehauenem Naturstein in der lokalen Tradition vermauert. Die schwere Bauart puffert die starken Tag-Nacht-Temperaturschwankung ab und gewährleistet somit ein angenehmes Raumklima ohne aktive Heizung und Kühlung.

Hohe Räume und luftgekühlte Decken: so bleibt das Skills Center in Nairobi auch an heißen Tagen kühl.
Das Skills Center in Nairobi ist durch hohe Räume und luftgekühlte Decken auch im heißen Klima komfortabel
Bild: Matthias Kestel

Die Dachtragwerke sind aus leichten Bambusrohren konstruiert. Der schnell wachsende, einheimische Bambus wurde auch für das Flechtwerk an Fenstern und Türen, als Armierung der Betonbodenplatten sowie für Leitern und Gerüste verwendet.

Regionale und nachwachsende Ressourcen wie Bambus werden bei den studentischen Projekten gerne verwendet.
Zum Einsatz kommen lokale Materialien wie Naturstein sowie unterschiedliche Qualitäten von Bambus

Baudaten Design Build Nairobi

  • Architektur: Prof. Stefan Krötsch, Fachgebiet Holzbau der TU München sowie Prof. Hermann Kaufmann
  • Nutzfläche: 285 m² sowie 83 m² überdachte Freifläche
  • Mitarbeitende: 67 Studierende der Architektur, des Bauingenieurwesen und der Baukonstruktion von der TU München, der HS Augsburg und der JKUAT Nairobi, außerdem 32 lokale Arbeiter
  • Internet: orangefarm-ev.de

Zweites Beispiel: Modellbauwerkstatt, Liechtenstein

Die Modellbauwerkstatt ist ein Bauprojekt der Uni Liechtenstein
Auch die neue Modellbauwerkstatt der Universität Liechtenstein ist ein prämiertes Design Build Projekt
Bild: Bruno Klomfar

In Liechtenstein entwarfen und bauten Studierende der Architekturfakultät ihre eigene Modellbauwerkstatt. In einem intensiven Gestaltungsprozess mit handwerklichem Fokus entstand ein konstruktiv elegantes und haptisch ansprechendes Gewölbe aus filigranen Holzbögen.

Design Build mit Holz: filigrane Dachelemente, die von Hand verlegt werden
Identifikation durch Hand anlegen: Die in einer handlichen Größe vorgefertigten, filigranen Dachelemente werden zusammengebaut
Bild: Darko Todorovic

Die 2017 fertig gestellte, schwungvolle Konstruktion nutzt elegant die organische Spannung des Naturbaustoffs. Die minimalistische Tragstruktur der ausgewählten Variante besteht nur aus gebogenen Brettern, sowohl für den Boden als auch für das Dach. «Die dabei gemachten Erfahrungen im realen Maßstab stellen einen unschätzbaren Wert für die Studierenden dar», betont Dr. Carmen Rist-Stadelmann, Hochschuldozentin und Leiterin einer der beiden Entwurfsgruppen.

In gemeinsamer Arbeit werden die Lärchenschindeln verlegt
Die Studierenden beim Verlegen der Lärchenschindeln
Bild: Bruno Klomfar

2018 wurde die Modellbauwerkstatt deshalb als eines von 7×7 guten Beispielen im Rahmen des durch die EU geförderten Projektes «Triple Wood – nachhaltige Holzbaukultur im Alpenraum» ausgewählt.

Baudaten Modellbauwerkstatt Design Build Liechtenstein

  • Bauherr: Universität Liechtenstein, Institut für Architektur und Raumentwicklung
  • Nutzfläche: 72 m²
  • Begleitung Umsetzung: Zimmerei Frommelt Ing. Holzbau AG
  • Mitarbeitende: 53 Studierende, Entwurfsleitung Dr. Carmen Rist-Stadelmann sowie Prof. Urs Meister
  • Internet: uni.li/de/thema/architektur/hands-on/modellbauwerkstatt

Drittes Beispiel: Studentenwohnheim Bauhäusle, Stuttgart Vaihingen

Das Studentenwohnheim ‚Bauhäusle‘ wurde bis 1983 von den Professoren Peter Hübner und Peter Sulzer mit 250 Studierenden geplant und gebaut. Sie griffen dabei auf ein modulares System des englischen Architekten Walter Segal zurück. Nach diesem System hatte er zuletzt in London zwei öffentlich geförderte Siedlungen in Selbsthilfe gebaut. Auch er verwendet vorfabrizierte Elemente wie Mauerwerksdielen, sodass die Erbauer ihr Gebäude mit einfachen Mitteln und wenig Maschinen selbst errichten können.

EIn Projekt des Studierendenwohnheims Stuttgart Vaihingen: das Bauhäusle
Beim Stuttgarter Studentenwohnheim ‚Bauhäusle‘ wird seit Jahrzehnten partizipativ geplant und zusätzlich weitergebaut
Bild: Bauhäusle

Das Bauhäusle ist ein Holzbau, der in das Grundstück eingepasst und um einen alten Kirschbaum herum geplant wurde. Es bietet Zimmer zwischen 15 und 28 Quadratmetern. Auch heute noch ist das Wohnheim selbst verwaltet und ist somit für seine Bewohner*innen ein Ort hoher Identifikation.

Versammlung der Studierenden auf dem Dach des Bauhäusles
Versammlung auf dem Dach des selbst verwalteten Wohnheims
Bild: Heiner Steinacker

Immer bauen sie weiter: 2019 haben sie einen gemeinsam genutzten Wintergarten erneuert – leicht vergrößert und besser gedämmt. Dabei sind sie konsequent nachhaltig. Sogar die recycelten Fenster fuhren sie mit dem Lastenrad auf die Baustelle.

Der Wintergarten des Studierendenwohnheims Bauhäusle
Bild: Heiner Steinacker

Baudaten Design Build Stuttgart

  • Nutzfläche: 30 Zimmer, 2 Küchen, 4 Duschen sowie 4 Toiletten auf ca. 757 m²
  • Architektur: Prof. Peter Hübner, Prof. Peter Sulzer, Studierende
  • Mitarbeitende: 250 Studierende (ca. 28 000 h)
  • Internet: bauhaeusle.de

Viertes Beispiel: Meti Handmade School, Rudrapur, Bezirk Dinajpur, Bangladesch

Das Design Build Projekt von Anna Heringer: die Meti Handmade School in Rudrapur, Bezirk Dinajpur, Bangladesch
Die preisgekrönte Meti Handmade School in Bangladesch besteht aus den örtlichen Baumaterialien Lehm und Bambus
Bild: Kurt Hörbst

Ein etwas anderes Design Build Projekt ist die Meti Handmade School in Bangladesch, denn sie war Teil von Anna Heringers Abschlussarbeit ihres Architekturstudiums und wurde 2005 mit lokalen und internationalen Kooperationspartnern gebaut. Der Architekt Eike Roswag unterstützte Heringer bei der Ausarbeitung der technischen Planung.

Mit Lehm und Bambus: die Meti Handmade School
Bild: Bauteam

Mit lokalem Lehm und Bambus, lokalen Energieressourcen wie Büffeln und lokalen Kompetenzen entstand nicht nur ein Ort des Lernens, sondern auch ein Zuhause für die Schüler*innen. Neben hohen, schattigen Räumen gibt es außerdem kleine Höhlen als Refugium.

Höhlen aus Lehm bieten den Kindern einen Ort des Rückzuges
Aus massivem Lehm sind auch die Höhlen, ein gutes Versteck für die Kinder
Bild: Bauteam

Inzwischen ist Heringer Honorarprofessorin des UNESCO Lehrstuhls für Lehmarchitektur, Baukultur und Nachhaltigkeit. Weiter veranstaltet sie Workshops und Selbstbaustellen. 2018 stampfte sie zum Beispiel mit der Gemeinde des Wormser Doms einen Altar und ein Ambo aus Lehm. Des Weiteren baute sie 2019 mit Studierenden der Harvard University Graduate School of Design einen Pavillon aus Stampflehm.

Baudaten Design Build Bangladesch

  • Nutzfläche: 325 m² für 3 Klassenräume und 6 Höhlen im EG sowie einen teilbaren Klassenraum im OG
  • Architektur: Anna Heringer, At-Salzburg/Laufen sowie Eike Roswag, Berlin
  • Tragwerksplanung, Fachberatung Lehmbau: Ziegert Roswag Seiler, Berlin sowie Martin Rauch, At-Schlins
  • Mitarbeitende: 2 Architekten, 2 Fachhandwerker aus Deutschland, 6 Freiwillige aus Deutschland und Österreich, außerdem 40 lokale Arbeiter*innen
  • Internet: anna-heringer.com

Ein weiteres Design Build Projekt finden Sie hier.

Text: Achim Pilz

Wärmedämmverbundsysteme – Probleme und Lösungen

Ein Dämmsystem mit Holz
Bild: Stefan Meyer

Wärmedämmverbundsysteme werden oft für die Bekleidung von Bestandsfassaden verwendet, da sie direkt verputzt sind. Zudem kommen meist Systeme mit biozider Ausrüstung zum Einsatz. Umweltbewusste Bauherren sollten daher Alternativen wählen.

In diesem Artikel:

Nach der Energiekrise 1973 verschärfte die Politik Schritt für Schritt die gesetzlichen Anforderungen an die Gebäudedämmung. Inzwischen muss bei einem Neubau die Energieeinsparverordnung (EnEV) 2016 beachtet werden. Diese besagt, dass Gebäudehüllen sehr gut gedämmt sein müssen – die Werte müssen ungefähr einem Achtel des Energieverbrauchs eines ungedämmten Altbaus entsprechen. Außerdem müssen die Gebäude weitgehend luftdicht errichtet werden.

Wärmedämmverbundsysteme als Lösung?

Es liegt auf der Hand, dass auch die gestiegenen Dämmvorschriften das Bauen immer teurer machen. Normalerweise sind Bauherren daher bemüht, die Kosten eines Hausbaus oder einer Sanierung zu optimieren. Da kommen einfache Fassadendämmungen, die direkt verputzt werden können, gerade recht.

Für sogenannten Wärmedämmverbundsysteme werden dicke Dämmplatten direkt auf die Fassade geklebt oder gedübelt und anschließend mit einer mehrlagigen, relativ dünnen Kunstharzspachtelung verputzt. Am häufigsten werden hierfür Polystyrol- oder Mineralwollplatten verwendet, da diese zum günstigen Materialpreis erhältlich sind. Die Spachtelung ist meist 3-6 mm dünn und zur Rissvermeidung außerdem mit Kunststoffen vergütet.

WDVS – Nachträgliche Fassadendämmung
Durch nachträgliche Fassadendämmungen wird das Erscheinungsbild von Gebäuden verändert
Bild: Christian Kaiser

Probleme bei der Dämmung

Der konstruktive Aufbau der Wärmedämmverbundsysteme birgt allerdings verschiedene Tücken. Durch Niederschlag und Betauung bleibt Feuchtigkeit beispielsweise lange auf der synthetischen, dünnen und harten Fassadenschale liegen. Dadurch kommt es häufig zu einer starken Algenbildung, was von Bauherren als deutlicher optischer Mangel gerügt wird.

Fassade mit algenbedingten Verfärbungen auf einem WDVS
Bereits nach kurzer Zeit können Verfärbungen durch Algen auf WDVS-Fassaden entstehen – dadurch zeichnen sich Dübelköpfe heller ab
Bild: Christian Kaiser
Algenbewuchs auf einer Fassade
Algenbewuchs als Gestaltungselement?
Bild: Christian Kaiser

Inzwischen schreiben Systemhersteller den Zusatz von Bioziden in Fassadenanstrichen vor. Daraufhin schlägt jedoch die Wasserwirtschaft Alarm, da sich die giftigen Zusätze aus den Anstrichen herauslösen und so in den Gewässerkreislauf gelangen. Folglich gelangen die Gifte auch in das Grundwasser, das häufig als Trinkwasser genutzt wird.

Gleichzeitig muss festgestellt werden, dass Polystyrol-Dämmschichten bei Brandfällen nicht nur die Luft mit hochgiftigen Dioxinen und Furanen verschmutzen, sondern auch Gebäudenutzer wie Rettungskräfte gefährden.

Auch im täglichen Gebrauch mehren sich negative Erfahrungen mit den Dämmsystemen, da die dünne Deckschicht sehr leicht beschädigt werden kann. Beispielsweise stanzen achtlos abgestellte Fahrradlenker schnell Löcher in die Dämmungen oder ein Hagelschlag führt zu Putzabplatzungen. Es stellt sich daher die Frage, wie nachhaltig ein direkt verputztes WDVS tatsächlich ist.

Wärmedämmverbundsysteme als Sanierungsfall

Wer sich auf die Suche nach belastbaren Angaben zur Lebenserwartung der Wärmedämmverbundsysteme macht, wird wegen der oben genannten Gründe sehr unterschiedliche Auskünfte bekommen. Tatsache ist jedoch, dass zahlreiche Hausbesitzer bereits nach wenigen Jahren schon wieder Gerüste wegen kleineren Schäden aufstellen müssen. Die Dämmfassade muss dann entweder ausgebessert oder sogar komplett neu gestrichen werden.

Darüber hinaus klingt auch der Lebenszyklus von Polystyrol-Dämmungen in der Theorie besser als in der Praxis. Viele Hersteller geben beispielsweise an, dass Polystyrol-Dämmungen weitgehend recycelbar seien. Praktisch macht sich allerdings keiner die Mühe, die Kleber und Putze bei einer Entsorgung zu entfernen. Die meisten Dämmplatten landen daher fast vollständig in der Müllverbrennung. Doch auch dort sorgen diese dann für giftige Verbrennungsrückstände.

Könnte es somit sein, dass die WDVS, die heute noch als weit verbreiteter „Stand der Technik“ gelten, bereits in naher Zukunft zum massenhaften Sanierungsfall werden? Denn bereits heute müssen andere Schadstoffe der Vergangenheit wie Asbest- und Holzschutzmittelprodukte mühselig saniert werden.

Gibt es Alternativen?

Dem umweltbewussten Bauherrn stellt sich daher immer öfter die Frage, ob es auch umweltverträglichere Dämmungen für seinen Neu- oder Altbau gibt. Eine Alternative sollte schließlich nicht nur zum Zeitpunkt des Kaufes ‚billig‘, sondern auch langfristig unterhaltsarm und nachhaltig sind. Wer sich tatsächlich eine verputzte Fassade wünscht, sollte deswegen darauf achten, dass er ein verputztes Dämmsystem wählt, welches ohne synthetische Zuschläge auskommt.

Hierfür braucht man zunächst eine deutlich festere und stabilere Dämmplatte, zum Beispiel aus Holzfasern, Kork oder Mineralschaum. Auf dieser kann man 10-15 mm dick mit rein mineralischem Fassadenputz verputzen und anschließend mit einer mineralischen Farbe ohne biozide Zusätze streichen.

Bauen als kultureller Beitrag

Verputzte Dämmsysteme bieten in der Regel kaum gestalterische Möglichkeiten, sodass gerade bei Bestandsgebäuden die Fassade nach einer Dämmmaßnahme ihren ursprünglichen Charme verliert. Darunter könnten beispielsweise Fenstereinfassungen, Klappläden, die Schattenwirkung der Fenstereinschnitte und weitere Aspekte leiden.

Man sollte auch bedenken, dass nicht nur denkmalgeschützte Gebäude erhaltenswert sind. Schließlich sind auch weniger auffällige oder besondere Häuser sind Teil unseres kulturellen Umfeldes. Kultur findet schließlich nicht nur im Theater statt! Es wäre ein besonderes Armutszeugnis, wenn als bauliches Erbe unserer Zeit ausschließlich gesichtslose Dämmfassaden zurückblieben.

Insofern empfiehlt es sich, über gestalterisch und konstruktiv hochwertige Fassadenausbildungen nachzudenken. Das kann beispielsweise mit Klinker oder hinterlüfteten Holzschalungen umgesetzt werden. Des Weiteren bieten diese Fassaden bei deutlich besserer Widerstandsfähigkeit gegen Wind und Wetter auch gleichwertige Dämmwerte. Zudem könnten sie dann ‚in Würde altern‘.

Eine Innendämmung könnte ebenfalls eine passende Alternative sein. Sonst werden wir nicht mehr lange warten müssen, bis der nächste „Schock“ die Politik erschüttert: Nämlich dann, wenn die Entsorgungsprobleme der vorhandenen WDVS überhand nehmen und wir erkennen müssen, dass es kaum noch sehenswerte Altstädte gibt. Und das nur, weil wir im allgemeinen Dämmwahn unsere Altbauten unkenntlich gemacht haben.

Wärmedämmverbundsysteme kann man mit einer Innendämmung vermeiden
Diese historische Fassade blieb von einem WDVS verschont, weil sie innen gedämmt wurde
Bild: Christian Kaiser

Ökologische WDVS-Dämmstoffe

DämmstoffVorteileSonstige Anwendung
Holzfaser– Nachwachsender Rohstoff
– Guter sommerlicher Wärmeschutz
– Kapillaraktiv
– Innendämmungen
– Dachdämmungen
– Trittschallplatten u.v.m.
Kork – Nachwachsender Rohstoff
– Dauerhaft und beständig
– Herkunft aus Portugal
– Als Putzträgerplatte für mehrlagige Dämmaufbauten
– Innenausbau, Bodenbeläge, Dehnfugen, etc.
Mineralschaumplatte– Mineralischer Rohstoff – Innendämmung
Gedämmte Fassade mit Holz
Holz und andere Fassadenmaterialien bieten zum Beispiel ganz andere Möglichkeiten der Gestaltung als verputzte Dämmstoffe
Bild: Stefan Meyer
DämmstoffVorteileAnwendung
Zellulose– Recyclingprodukt
– Günstiger Materialpreis
– Guter sommerlicher Wärmeschutz
– Ausblasdämmung im Holzbau
Flachs und Hanf– Nachwachsender Rohstoff
– Kapillaraktiv
– Gute Verarbeitbarkeit
– Regionale Herkunft
– Innen- oder Dachdämmung
– Fassadendämmung mit separatem Wetterschutz (z.B. Holzfassade)
Stroh– Nachwachsender Rohstoff
– Regional verfügbar
– Im Holzsystembau oder auch als lasttragende Strohballenbauweise
EIn Wärmedämmverbundsystem (WDVS) kann mit einer alternativen Dämmung mit Strohballen vermieden werden
Nachträgliche Außendämmung mit Strohballen: Nachwachsende Dämmstoffe bieten einen besseren sommerlichen Wärmeschutz, sind kapillaraktiv und stammen außerdem aus regionalen Rohstoffen
Bild: FASBA

Text: Christian Kaiser

Das Earthship – gemeinsam nachhaltig bauen und wohnen

Eingang des Earthships
Bild: Achim Pilz

Das Earthship ist ein soziales Experiment von einer Gruppe junger Menschen, die nachhaltig und gemeinschaftlich bauen und wohnen möchten.

In diesem Artikel:

„Es ist Zeit für echte Experimente. Wir wollen den Weg frei machen für alle, die radikal nachhaltig bauen, leben und lernen wollen.“

In der ökologischen Gemeinschaft Schloss Tempelhof experimentieren junge Menschen mit alternativen Wohnformen. Zu ihren mobilen Wohneinheiten haben sie sich ein autarkes Versorgungsgebäude aus Erde, Autoreifen, Lehm und Holz gebaut.

Die Gemeinschaft

In Süddeutschland, inmitten einer naturbelassenen, leicht hügeligen Landschaft zwischen Stuttgart und Nürnberg, liegt das kleine Dorf Kreßberg. Seit 2010 wächst dort die ökologische Gemeinschaft Schloss Tempelhof, welche Mitglied im Global Ecovillage Network ist.

Von ihren etwa 150 Mitgliedern, sowohl Erwachsene als auch Kinder, arbeiten einige in der solidarischen Landwirtschaft auf fast 29 Hektar gemeinschaftlichem Grün- und Ackerland. Das Projekt ist auf Wohn- und Arbeitsmöglichkeiten für bis zu 200 Menschen ausgelegt.

An oberster Stelle der Visionen und Werte der Bewohner*innen steht der gemeinschaftliche Einsatz für Nachhaltigkeit und das „Wir“. Zuletzt bauten sie daher neue Räume für ihre Schule für freie Entfaltung, eine private Grund- und Werkrealschule. Bis jetzt wurden unter anderem auch Wohnungen, ein Laden sowie ein Café realisiert.

Die Gemeinschaft Tempelhof, die das Gebäude erbaut hat
Bild: Gemeinschaft Schloss Tempelhof

Das Grundstück

Für das experimentelles Bauen sind zwei Grundstücke reserviert: das ‚Tempelfeld‘ und die ‚Naturerfahrung‘. Auf dem Sondergebiet „Naturerfahrung“, das sich im Norden des Bebauungsplans Tempelhof befindet, sollen in der Zukunft Experimente wie Pfahl-, Weiden- oder Erdhäuser realisiert werden. Auf dem Tempelfeld, welches am südöstlichen Rand liegt, siedelt jetzt schon eine kleine Gruppe aus der Gemeinschaft in mobilen Wohneinheiten.

Das Grundstück der Gemeinschaft
Bild: Gemeinschaft Schloss Tempelhof

Das Earthship

Im Jahr 2016 hat die Gemeinschaft ihr neues Versorgungsgebäude eingeweiht, ein so genanntes ‚Earthship‚. Es besteht aus natürlichen und recycelten Materialien und soll sich autark mit Strom, Wasser und Wärme versorgen. Als Teil des umfassenden Nachhaltigkeitskonzeptes nutzt es möglichst einfache und robuste Technologien – also „low tech“ – und konnte so weitgehend selbst erbaut werden. Ziel war es auch, möglichst wenig Maschinen und möglichst viel Handarbeit einzusetzen.

Willkommen im Earthship
Lowtech Energiekonzept: Glasfassade nach Süden, Lüftungsklappen auf dem Dach und ein Erdhügel mit zwei gigantischen Wassertanks im Norden, durch den die Zuluft temperiert wird
Bild: Achim Pilz
der Eingang zu dem Geminschaftsort

Das Konzept des Earthships

Da bei der Errichtung eines Eartships möglichst nachhaltig gearbeitet werden soll, wird das Konzept des Upcyclings genutzt. Dabei finden Materialien, die sonst oft weggeworfen werden, eine weitere Verwendung.

Upcycling: Glasflaschen in der Wand

Das erste Earthship erbaute der amerikanische Architekt Michael Reynolds in den 1970er Jahren in Taos, New Mexiko. Dafür verwendete er Wohlstandsmüll wie Autoreifen, Aluminiumdosen und Glasflaschen sowie natürlichen Materialien wie Erde, Lehm und Holz. Zu dieser Zeit des ungebremsten Wachstums, also noch vor der ersten Ölkrise, waren ein passives Energiekonzept und das Verbauen von Müll allerdings geradezu revolutionär. Gerade deshalb musste Reynolds gegen viele Widerstände für den Urtyp der Earthships, das ‚Global Model‘, kämpfen. Trotz ungewöhnlicher Methoden war das Projekt letztlich erfolgreich.

Die Wände des Earthships bestehen aus mit Erde gefüllten Autoreifen
Einblick in den Rohbau – Upcycling von Autoreifen sowie Aluminiumdosen und Glasflaschen
Bild: Gemeinschaft Schloss Tempelhof

Inzwischen gibt es weltweit sogar um die 1.000 Earthships. Seit 2012 steht im Europäischen Earthshipzentrum in Tschechien das erste Earthship Mitteleuropas. Bei uns in Deutschland machte der Verein ‚Earthship Deutschland‘ die Bauweise bekannt.

Ökologische Modifikation

Die Tempelfelder entschieden sich für ein Earthship in modifizierter Form. Auf dem Tempelfeld erhielt es vor allem mehr Dämmung, unter anderem mit Schaumglas-Schotter und Schafwolle. Durch eine Wandtemperierung und einen Stampflehmboden wird außerdem das Innenklima verbessert. Außerdem wird die Ökologie des Hauses durch die Dachbegrünung optimiert.

„Wir durften keine zu großen Modifikationen vornehmen, dann wäre es kein Earthship mehr gewesen “, erklärt Max Thulé. Er ist der Bauleiter des Ausbaus und Chef der Firma MoWo (Mobiles Wohnen), deren mobile Einheiten das Earthship begleiten. „So haben wir nur geschaut, wo können wir auf die Kunststoffdämmung verzichten, wo können wir mit Folien anders umgehen. Die Decke erhielt ein Baumwolltextil und fünf Zentimeter Schafwolldämmung, um die Akustik zu verbessern.“

Wegen Bauauflagen musste das potentiell autarke Gebäude darüber hinaus an Nahwärme, Strom und Wasser angeschlossen werden. „Wir dürfen Regenwasser nicht trinken. Das war die Auflage des Gesundheitsamt“, sagt Thulé enttäuscht. „Wir können im Bereich Wasserzufuhr aber relativ schnell ‚offgrid‘ gehen.“ Dazu wird die Wasserqualität während des Betriebes im Labor untersucht.

Das Earthship als Versorgungseinheit

Das Earthship ist das zentrale Versorgungsgebäude der Tempelfelder, da es ein Bad, eine Toilette, eine Küche und ein Wohnzimmer hat. Zum offenen Gemeinschaftsbad sagt Thulé: „Für uns war es wichtig, Räume zu schaffen, in denen auch Begegnung stattfindet. Es war für uns auch davor ganz normal, zusammen zu duschen.“ Zusätzlich war das Haus ursprünglich auch für Gäste gedacht. Eine Wohnnutzung ist aber aus brandschutzrechtlichen Gründen nicht möglich.

Und auch heute bauen die Bewohner des Tempelfeldes stetig weiter. Zuletzt erstellte Max Thulé die „Forschungshütte Temperierung“, ein Tiny House aus Vollholz und Lehm. Hier und im Earthship werden laufend Daten gesammelt, um das autarke Siedeln weiterzuentwickeln.

Experimentelles Leben

Die bis zu 25 Tempelfelder wagen mit dem Earthship ein Lebens- und Wohnexperiment, das einen stärkeren Bezug zur Natur hat. Darüber hinaus suchen sie mit ihrer Lebensweise nach Alternativen zu eingefahrenen sozialen Strukturen. „Wie funktioniert eine größere Struktur als die Familie, eine Sippe oder ein Pylon“, fragt Max Thulé, „wie geht es, sich in der Gruppe mehr zu beheimaten?“

„Wir wollten einen geschützten Raum für uns, aber nicht nur für uns als Familie in einer Wohnung, sondern in einem größeren Gefäß.“

Wie in einer Wagenburg wohnen sie nun in 14 mobilen Einheiten, umgebauten Bauwagen oder auch eigens gebauten Räumen. Diese werden im Bauantrag jedoch „Aufenthaltsräume“ genannt. Nach einer internen Bausatzung soll es möglich sein, dass sie eines Tages weiterziehen können.

Gemeinsame Aktivitäten finden im Sommer im Freien statt. Im Winter jedoch hat ein warmer, ausreichend großer Gemeinschaftsraum gefehlt. Dafür baute die Gemeinschaft das 180 m2 Earthship von September 2015 bis April 2016. Beim Selberbauen halfen dann auch Freiwillige: ungefähr 50 Baubegeisterte erstellten so in vier Wochen den Rohbau für freie Kost und Logis. Außerdem erbrachte ein Crowdfunding der Gemeinschaft stolze 198.000 EUR.

Gemeinsam ein Earthship bauen: hier gibt es ein paar  Regeln zu beachten
Bild: Achim Pilz

Baudaten Earthship

  • Bauherr: Schloss Tempelhof e. G.
  • Architekt (zeichnend): Ralf Müller
  • Bauleitung ab Rohbau: Max Thulé
  • Nutzfläche: ca. 160 m²
  • Dämmung: Schaumglas, Schafwolle
  • Recycelte Baustoffe: Erde, Autoreifen, Glasflaschen, Aluminiumdosen, Biberschwänze
  • Ökologische Baustoffe: Rundhölzer, Holzständer für Innenwände, Stampflehm oder Solnhofer Platten für den Boden
  • Oberflächen: Putze und Spachtel aus Kalk und Lehm, Mosaike aus Bruchfliesen
  • Wärmeversorgung: Nahwärme, Temperierung der Zuluft
  • Lüftung: Zuluft durch den Erdhügel, Dachluken im Wintergarten
  • Grauwasser: 2 Regenwasserzisternen mit 25 m³ fürs Gemüsewaschen, das Schmutzwaschbecken und die Waschmaschine; kleine Pflanzenkläranlage im Wintergarten für die Toilette
  • Strom: Photovoltaik in der Attika

Projekte wie das Earthship zeigen uns, dass es viele nachhaltige Möglichkeiten gibt, wie gemeinschaftlich, ökologisch und nah an der Natur gebaut werden kann!

Text: Achim Pilz

Smart Home – Risiken und Empfehlungen

smart home - risiken und empfehlungen

Was ist ein Smart Home und mit welchen Risiken ist es verbunden? Wir stellen das Konzept der Hausautomation vor und zeigen Ihnen anschließend, wie Sie ein gesünderes Smart Home einrichten können.

In diesem Artikel:

Das Smart Home

Unsere Häuser werden immer ’smarter‘ – Geräte und Installationen funken oder haben ’smarte‘ Funktionen, um sie zu kontrollieren und zu steuern. Doch wer gesundheitlich vorsorgt, reduziert so die Belastung durch Funk.

Beim Smart Home geht es um eine neue Generation der Hausautomation. Haushaltsgeräte, Multimediageräte, Beleuchtung, Installationen oder Haustechnik interagieren miteinander und können oft auch aus der Ferne gesteuert werden. Der dafür erforderliche Datenaustausch erfolgt sehr häufig per Funk, wobei Smartphones oder Tablets oft als ‚Fernbedienung‘ fungieren.

es handelt sich um das Konzept der Home Automation

Es ist zudem Trend, Sendemodule in mehr oder minder jedes Gerät im Haus einzubringen. Einige Anwendungen sind praktisch und sinnvoll, zum Beispiel optimiertes oder automatisiertes Heizen oder Lüften. Vieles ist allerdings schlicht riskant und aus baubiologischer Sicht abzulehnen.

Der Begriff Smart Home umfasst sehr viele verschiedene Geräte, Systeme und Anwendungen. Von einfachen Geräten aus dem Discounter bis hin zu hoch komplexen Systemen aus dem Fachhandel ist alles dabei. Es gibt komplette Hausvernetzungen, aber auch Einzelanwendungen.

Bei Komplettsystemen ist eine Zentraleinheit nötig, welche oft Router, Zentrale oder Gateway genannt wird. Diese kann ein Dauersender sein, muss es aber nicht. Bei Einzelanwendungen hingegen gibt es häufig nur Kontakt zwischen zwei Sendern (beispielsweise zwischen Funkschalter und Lampe oder dem Smartphone und der Kaffeemaschine). Oft, aber nicht immer, ist der Kontakt nur aktionsgesteuert und damit selten funkend.

Smart Home Anwendungsbereiche und -beispiele

Grob zusammengefasst gibt es vier Bereiche bei Smart Home-Anwendungen mit verschiedenen Beispielen:

  • Sicherheit: z.B. Überwachung, Alarmsysteme, Warnmelder, Zugangskontrollen
  • Energie und Klima: z.B. Heizung, Belüftung, Verschattung
  • Komfort: z.B. Haushalt, Elektronikgeräte, Beleuchtung
  • Entertainment: z.B. TV, Audio, Spiele

Viele Installationen können ’smart‘ sein, von Alarmanlagen bis zu Lichtschaltern. Im Entertainment-Bereich werden mittlerweile sogar sehr viele Geräte miteinander verbunden. Selbst Haushaltsgeräte haben schon ’smarte‘ Funktionen. Schließlich gibt es noch diverse und teilweise kuriose ’smarte‘ Geräte: Spielzeuge und Spielekonsolen, Smartwatches, Hörgeräte, Kleidung mit Fitnesskontrolle, Windeln, Tampons, elektrische Zahnbürsten, Toilettensitze, Duschköpfe oder Katzen-/Hunde-Klappen und -Funkchips (im Halsband oder implantiert).

Elektrosmog im Alltag: mögliche Anwendungen in einem Smart Home
Elektrosmog im Alltag: Mögliche Strahlungsquellen im Haushalt
Bild: diagnose:funk

Weitere ergänzende Anwendungen:

  • internetbasierte Sprachassistenten wie Alexa, Siri sowie Google Assistant, welche als Schnittstelle zu den ’smarten‘ Geräten dienen
  • Smartmeter, also ‚intelligente‘ Stromzähler zur Erfassung und Weiterleitung von Strom- und anderen Hausdaten an Versorgungsunternehmen
  • Anbindungen an Cloud-Dienste

Arten der Datenübertragung

  1. Übertragung über Datenkabel. Dabei treten in der Regel keine elektromagnetischen Belastungen auf
  2. Übertragung über Stromleitungen (dLAN, Powerline). Die Strahlungsstärken sind dadurch meist geringer als bei vielen Funksystemen
  3. Übertragung per Funk

Gesundheitsrisiken durch Funk

Risiken durch Funk sind seit Jahren bekannt, sowohl aus der baubiologischen Praxis wie auch durch diverse Studien. Auch bei einem Smart Home bestehen diese Risiken.

Risiken durch Funk eines smarten Gebäudes

Die WHO hat 2011 hochfrequente elektromagnetische Felder in die Gruppe 2B krebserzeugender Substanzen eingestuft. Die medizinische EUROPAEM EMF-Leitlinie forderte 2016 niedrige Werte für WLAN, DECT und Mobilfunk, die den baubiologischen Richtwerten weitgehend entsprechen. Selbst das Bundesamt für Strahlenschutz mahnt: „Wo man Dauerbelastungen durch elektromagnetische Felder herabsetzen kann, da sollte man es tun.“

Weitere Smart Home Risiken

Neben Funkbelastungen werden des Weiteren die Themen Datenschutz und Sicherheit diskutiert – denn bei einem Smart Home besteht das Risiko, in seinen eigenen vier Wänden ‚gläsern‘ zu werden.

Außerdem könnten Kriminelle Zugriff auf hausinterne Geräte und Dienste bekommen.

Auch der Stromverbrauch wird offenbar zu einem Problem: Laut einer aktuellen BUND-Studie sind europaweit langfristig 70 TWh pro Jahr für den zusätzlichen Stromverbrauch bei ’smarten‘ Küchen- und Haushaltsgeräten sowie der Beleuchtung zu erwarten – deutlich mehr als die Stromerzeugung aller deutschen Windkraftanlagen 2013.

Baubiologische Empfehlungen

  • Vor dem Kauf von ’smarten‘ Geräten oder Smart Home-Komponenten überprüfen, was diese tun, insbesondere ob und wann sie funken (Leistung, Dauer, Häufigkeit) – im Zweifel sollten Sie dies nachmessen

  • Möglichst nur leitungsgebundene Geräte und Funktionen einsetzen

  • Bei Neu- oder Umbauten Netzwerk-, BUS- oder sonstige Datenkabel verlegen

  • Funkende Geräte und Komponenten sollten nur kurz und schwach senden, also aktionsgesteuert (wie beim Einschalten eines Gerätes) beziehungsweise nur, wenn eine Aktivität im System notwendig ist und entsprechende Daten übermittelt werden müssen

  • Keinesfalls funkende Geräte und Systeme verbauen, die nicht auszuschalten sind (zum Beispiel Beleuchtungen oder Alarmsysteme)

  • Baubiologisch akzeptable Systeme scheinen hier nach aktuellem Wissenstand am ehesten mit Anbietern wie beispielsweise HomeMatic, EnOcean oder KNX-RF realisierbar
  • ‚Smarte‘ Geräte, die an hauseigene WLAN- oder DECT-Netze angebunden sind, können dauerstrahlen. WLAN-Router, -Repeater und -Access Points sollten zumindest nachts bzw. immer bei Nichtgebrauch abschaltbar sein. Des Weiteren sollte deren Reichweite/Sendeleistung möglichst gering eingestellt werden

Smart Home ganz ohne Funk ist schwierig, denn viele ’smarte‘ Anwendung würden dann nicht mehr möglich sein. Smart Home ohne Dauerfunk ist aber sicher möglich, da sehr viele ’smarte‘ Steuerungen kabelgebunden bzw. mit nur kurzen Funkimpulsen umgesetzt werden können. Dafür gibt es vielfältige Möglichkeiten und Systeme.

Text: Manfred Mierau

Radon messen im eigenen Haus

Mit einem Dosimeter kann Strahlung (von zum Beispiel Radon) auch im eigenen Haus gemessen werden

Was ist Radon und wie kann man es messen?

In diesem Artikel:

Gefahr durch Radon

In Deutschland sterben viele Menschen, nachdem sie jahrelang Radon eingeatmet haben, denn das Gas ist mit den menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbar. Um das persönliche Risiko in den eigenen vier Wänden einzuschätzen, sind Radonmessungen erforderlich.

Symbol von Radon

Radon ist ein radioaktives Gas, das aus tiefen Erdschichten an die Oberfläche kommt, in Gebäude eindringen kann und somit ein Gesundheitsrisiko darstellen kann.

Außerdem kann Radon in geringen Anteilen aus Baustoffen wie Tuff, Phosphatschlacke oder Phosphatgips freigesetzt werden, die heute jedoch keine Verwendung mehr finden.

Radon als Gesundheitsrisiko

Man kann Radon weder sehen noch riechen oder schmecken. Des Weiteren erhöht es im Langzeiteffekt nachweislich das Risiko, an Lungenkrebs zu erkranken. Radioaktive Belastungen in Innenräumen stellen sogar die zweithäufigste Ursache für Lungenkrebs dar.

Auf Grund des langjährigen Einatmens von Radon und seinen radioaktiven Zerfallsprodukten sind allein in Deutschland pro Jahr ungefähr 1.900 Todesfälle zu bedauern. Um dem entgegenzuwirken, besteht seit Dezember 2018 in Deutschland und ganz Europa die gesetzliche Pflicht, radonsicher zu bauen.

Neues Gesetz zu Radon

Mit dem Strahlenschutzgesetz (StrSchG) und der Strahlenschutzverordnung (StrlSchV) wurde dann erstmalig der Schutz der Gebäudenutzer und Arbeitnehmer vor Radon in Gebäuden gesetzlich verankert.

In allen Aufenthaltsräumen und an allen Arbeitsplätzen sind dadurch nur noch geringe Konzentrationen von Radon zulässig. Als Referenzwert gelten 300 Bq/m³ (Becquerel pro Kubikmeter) im Jahresmittel.

Ausführliche Informationen sind beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS.de) erhältlich. Gesetz, Verordnung und ein Radon-Maßnahmenplan sollen durch entsprechende Maßnahmen am Bau die Gesundheit ausreichend schützen.

Radon-Maßnahmenplan 2020

  • Entwicklung einheitlicher Strategien zur Messung in Innenräumen und in der Bodenluft
  • Radonmessungen in Gebäuden und in der Bodenluft
  • Bewertung von baulichen Maßnahmen
  • Förderungen der Eigeninitiative von Bürger*innen

Quelle: BfS

Der Gesetzgeber ist verpflichtet, bis Ende 2020 sogenannte Radonvorsorgegebiete auszuweisen. Dies sind Gebiete, in denen bei einer „beträchtlichen Zahl von Gebäuden“ Überschreitungen der Referenzwerte zu erwarten sind. Aus dieser Gebietsfestlegung resultieren rechtliche Pflichten für Bauvorhaben sowie für Radonmessungen. Das gilt vor allem für Arbeitsplätze in Erd- und Kellergeschossen.

Wie hoch Radonkonzentrationen in Innenräumen sein können, hängt im Wesentlichen von drei Hauptfaktoren ab:

  • Radonkonzentration in der aufsteigenden Bodenluft
  • Gasdurchlässigkeit (Permeabilität) des Untergrundes
  • Zustand der Gebäudehülle mit Erdberührung

Radonkonzentration und Permeabilität sind naturgegebene Größen, aber die bauliche Qualität des Gebäudes können wir direkt beeinflussen. Zudem kann die Konzentration von Radon stark schwanken, je nach Jahreszeit, Wetterlage, Luftdruck und Nutzerverhalten im Gebäude, zum Beispiel durch Lüftung und Luftwechselrate.

Radon professionell messen lassen

Grundsätzlich können alle Gebäude erhöhte Radonwerte aufweisen, neue und bestehende, mit und ohne Keller, im Flach- und im Bergland. Die Konzentration von Radon nimmt jedoch in den meisten Gebäuden von Stockwerk zu Stockwerk nach oben hin ab. Deswegen sind Radonmessungen besonders in Wohnungen im Erdgeschoss, Souterrain oder in häufig genutzten Untergeschossräumen wie Hobbyräumen sinnvoll.

Ein Kamineffekt kann allerdings auch in oberen Etagen von Gebäuden mit offenen Treppenhäusern, Aufzügen und Versorgungs- oder Wäscheschächten die Radonwerte erhöhen.

Die ‚Radon-Karten‘, die man auch im Internet findet, sollten dabei lediglich als Orientierungshilfe im groben regionalen Maßstab dienen. Denn sie lassen keine Vorhersage zu, wie hoch die Konzentration des Radons vor Ort tatsächlich ist. Somit steigt der Bedarf an fachgerechten Messungen in Innenräumen und in der Bodenluft. Potenzielle Eintrittspfade können außerdem mittels ‚Sniffing‘ erkannt werden. Speziell ausgebildete Fachpersonen bieten dafür professionelle Messungen, Begutachtungen und Beratungen an.

Radonkarte des BfS: Konzentration von Radon in der Bodenluft in Deutschland
Radonkonzentration in der Bodenluft
Bild: Bundesamt für Strahlenschutz

Radon messen: die Methoden

Radonkonzentrationen in der Raumluft

Im Wesentlichen werden zwei Messmethoden eingesetzt: kurze und lange. Welche Strategie besser geeignet ist, richtet sind nach den jeweiligen Fragestellungen und dem Einsatzzweck. Oftmals ist eine Kombination dieser Methoden sinnvoll, um die Situation vor Ort am besten einschätzen zu können. Wichtig ist bei allen Messungen, dass sie fachgerecht durchgeführt werden. Private Messungen sind zwar möglich, die Ergebnisse sind aber meist wenig belastbar. Beratungsstellen der Bundesländer zum Thema Radon liefern weitere Informationen.

Radon messen in Innenräumen: digitales Radonmessgerät
Bild: Sarad GmbH
digitales Radonmessgerät
Bild: Sarad GmbH

Digitale Radonmessgeräte für Innenräume gibt es sowohl mit als auch ohne Luftdrucksensor.

Kurzzeitmessung

Kurzzeitmessungen verschaffen einen ersten Eindruck zur Orientierung. Dies ist beispielsweise wichtig für Kontrollmessungen in Neubauten. In Bestandsgebäuden dienen Kurzzeitmessungen zur raschen ersten Einschätzung der Sachlage sowie zur Überprüfung der Wirksamkeit von Maßnahmen zur Abhilfe. Diese können zum Beispiel Maßnahmen wie Abdichtungen und ein verändertes Lüftungsverhalten sein.

Außerdem dienen Kurzzeitmessungen auch zum Aufspüren von Radon-Eintrittspfaden, zum Beispiel an undichten Ritzen, Fugen, Schächten, Kanälen und sonstigen Öffnungen. Dafür werden bevorzugt elektronische Messgeräte mit digitaler Anzeige und Datenspeicherung zur computergestützten Auswertung eingesetzt.

Des Weiteren ermöglichen zusätzliche Daten einen detaillierteren Einblick in die Gesamtsituation im Gebäude. Minimal- und Maximalwerte sowie Quellstärke sind wichtige Parameter zur Einschätzung vor Ort. Lufttemperatur und Luftfeuchte spiegeln das Lüftungsverhalten wider. Der Luftdruck zeigt die Wettereinflüsse.

Kurzzeitmessungen dauern Tage bis Wochen. Je kürzer die Messdauer sein soll (beispielsweise um möglichst schnell einen ersten Eindruck zu erhalten), desto hochwertiger und empfindlicher müssen die verwendeten Messgeräte sein. Mit speziellen Messgeräten können sogar innerhalb von Stunden oder gar Minuten orientierende Radonwerte erhoben werden.

Langzeitmessung

Langzeitmessungen dauern hingegen idealerweise 12 Monate, denn so kann der tatsächliche Jahresmittelwert festgestellt werden. Langzeitmessungen sind zudem für den Abgleich mit gesetzlichen Vorgaben erforderlich. Wenn die Messdauer deutlich kürzer als ein Jahr ist, können saisonale Unterschiede und wetterbedingte Schwankungen in den Radonkonzentrationen zu Abweichungen vom eigentlichen Jahresmittelwert führen.

Für Langzeitmessungen werden bevorzugt Kernspurexposimeter eingesetzt. Diese werden vereinfachend auch ‚Dosimeter‘ oder ‚Messdosen‘ genannt. Wichtig hierbei ist, dass qualitativ hochwertige Dosimeter nach DIN ISO 11665-4 von akkreditierten Laboren verwendet werden. Eine Liste der Labore wird jährlich durch das BfS veröffentlicht.

Größe des Kernspurexposimeters

Kernspurexposimeter – kurz Messdose oder Dosimeter genannt – sind relativ klein und deshalb einfach zu handhaben. Die Messung dauert allerdings mindestens drei Monate.

Bild: Pamela Jentner

Die Messdosen werden mindestens drei Monate während der Heizperiode aufgestellt. Nach Abschluss der Messdauer werden sie dann an das Labor des Herstellers geschickt und ausgewertet, das Ergebnis ist ein Mittelwert. Aussagen über den zeitlichen Verlauf oder Maximalwerte sind mit dieser Messmethode jedoch nicht möglich.

Radon in der Bodenluft messen

Bevor ein Gebäude gebaut wird, kann Radon in der Bodenluft des Baugrundes gemessen werden. Daraus wird dann abgelesen, wie hoch die Radonbelastungen im Untergrund an dieser Stelle zum Messzeitpunkt sind. Davon kann abgeleitet werden, ob erhöhte Schutzmaßnahmen gegen Radon für Neubauten sinnvoll sind.

eine Bodenluftsonde mit einem digitalen Messgerät
Radon-Bodenluftmessung über Bodenluftsonde mit digitalem Messgerät
Bild: Pamela Jentner

Des Weiteren können Radonwerte je nach Untergrund, Jahreszeit und Wetterlage stark variieren. So finden wir in Deutschland Radonkonzentrationen in der Bodenluft von z.B. unter 20.000 Bq/m³ bis über 500.000 Bq/m³. Doch auch innerhalb eines Baugrundstücks können die Radonwerte variieren. Deshalb ist es sinnvoll, auf einem Bauplatz an mehreren Stellen zu messen, um einen zuverlässigeren Eindruck zu bekommen.
Doch Vorsicht vor Missverständnissen: Oftmals werden Radonwerte in der Bodenluft in Kilo-Becquerel (kBq/m³) angegeben, auch in den sogenannten ‚Radon-Karten‘. 1 kBq/m³ entspricht 1000 Bq/m³. Dieser ‚Faktor 1000‘ kann jedoch leicht übersehen werden.

Des Weiteren kann Radon in der Bodenluft aktiv digital oder passiv kurzzeitig gemessen werden. Vorteilhaft sind dafür hochwertige, digitale Messgeräte, die innerhalb von einigen Minuten oder Stunden orientierende Aussagen direkt vor Ort zulassen. Eine Bodenluftmessung mit passiven Messdosen erfordert hingegen eine Messdauer von 2 Wochen, zuzüglich der Zeit für die Laborauswertung. Oftmals sind jedoch raschere Ergebnisse für Bauvorhaben gewünscht.

Wurden erhöhte Werte festgestellt, dann können unterschiedliche Maßnahmen wie Abdichtung und Lüftung durchgeführt werden. Dazu mehr in folgenden Beiträgen.

Text: Pamela Jentner

Digitale Kommunikation – Belastungen im Home-Office

Digitale Kommunikation ist unerlässlich im Home Office

Für eine gesunde digitale Kommunikation im Home-Office ist die Akustik von entscheidender Wichtigkeit.

Corona stellt alles auf den Kopf und zwingt uns dazu, neue Wege zu gehen – auch die digitale Kommunikation betreffend. Bislang ist das Arbeiten von Zuhause nicht so recht etabliert und wir üben uns in der Improvisation. Daher stellt sich die Frage, worauf es für ein gesundheitsförderndes Home-Office wirklich ankommt.

Zwei wesentliche Kriterien für ein gesundes und stressfreies Arbeiten von zuhause finden bislang nämlich kaum Beachtung: die mitunter schlechte Akustik und die ungesunde Strahlung, die beim Telefonieren entstehen kann. Dipl.-Ing. (FH) Architektin und Baubiologin Stefanie Jörgens erklärt, wie Sie sich schützen können.

Architektin Stefanie Jörgens im Interview

Architektin Stefanie Jörgens im Interview

Frau Jörgens, in den letzten Wochen konnten wir verfolgen, wie Millionen von Menschen zum Arbeiten nach Hause geschickt wurden. Sehen Sie in dieser Situation auch Vorteile?

Die Not macht erfinderisch und wir stellen fest, dass viel mehr von zuhause aus geht, als wir dachten. Zum Beispiel fallen die An- und Abreisezeit zum Arbeitsplatz, zum Kunden oder zum Meeting weg. So können wir unsere Arbeitszeit sinnvoller nutzen. Wir sparen also Geld und Zeit und schonen daneben auch die Umwelt. 

Worin würden Sie hingegen Probleme bei der Einrichtung eines Arbeitsplatzes in den eigenen vier Wänden sehen? Liegen die Schwierigkeiten eher bei der Technik oder den persönlichen räumlichen Begebenheiten?

Die technischen Aspekte, also beispielsweise Datenschutz, Cloud-Dienste und Zugriffe auf die Server werden sich in unserem digitalen Zeitalter schnell lösen. Jetzt liegt es an uns, in unserem Zuhause einen abgegrenzten Bereich zu schaffen, an dem wir uns zum Arbeiten wohlfühlen. Es ist bekannt, dass eine gute Ergonomie ein große Bedeutung für unsere Gesundheit hat. Was jedoch bislang unberücksichtigt war, ist sogar am entscheidendsten für einen gesunden und entspannten Arbeitsplatz: die Akustik sowie die strahlungsfreie Telefonie mit dem Handy. Doch strahlungsarmes Telefonieren und eine gute Akustik sind leider selten anzutreffen.

Im Home-Office ist die digitale Kommunikation jedoch unabdingbar. Inwiefern können uns Telekommunikationsmedien denn belasten oder sogar schädigen?

Eine entspannte Kommunikation braucht angemessene akustische Voraussetzungen. Das Ausblenden von Hintergrundgeräuschen für ein konzentriertes Arbeiten kostet uns zum Beispiel ca. 30% unserer Konzentrationsfähigkeit. Wenn ich mir anschaue, wie sich momentan Videokonferenzen abspielen, so macht die Akustik bzw. die Sprachverständlichkeit einer Blechtrommel ernste Konkurrenz. Hinzu kommt die stundenlange Nutzung des Handys, bei der mit oder ohne handelsübliche Kopfhörer telefoniert wird; denn das ist eine Strahlungseinwirkung, die völlig unterschätzt wird und unseren Köper sehr belastet. Die Kombination aus schlechter Akustik und hoher Strahlung führt zu einer schnellen Erschöpfung und mindert unsere Leistungsfähigkeit ungemein.

Reicht ein hochwertiges Produkt aus, um unserer Gesundheit nicht zu schaden?

Wenn wir uns anschauen, was uns der Markt für Akustiklösungen bietet, finden sich fast ausschließlich Produkte, die in ihrer Beschaffenheit mit wiederverwertetem Sondermüll (PET & Co) vergleichbar sind. Die Materialien sind aufgeschäumt, erwärmt, oder mit neuen Chemikalien vermengt und zu neuem, teurem Sondermüll verpresst. Die meisten Optionen sind wahlweise ausschließlich aus Kunststoff oder lediglich mit Naturmaterialien vermengt, oder alternativ aus Steinwolle oder Glaswolle. Ist das die neue Kreislaufwirtschaft, die wir uns für eine bessere Zukunft wünschen? Für uns als Nutzer bedeutet das also, dass wir im Schnitt acht Stunden inmitten eines Chemie Cocktails sitzen, was in Heizperioden im Winter dann besonders prekär ist.

Gibt es Produkte für eine bessere Raumakustik auf dem Markt, die Sie weiterempfehlen können?

Das Fehlen von wirklich gesunden und hochwertigen Akustiklösungen hat mich dazu veranlasst, in enger Zusammenarbeit mit einem Toningenieur ein 100%ig natürliches Akustikprodukt mit ausgezeichnetem Klangerlebnis zu entwickeln. Es schafft eine verständliche und fokussierte Kommunikation, eine „Entstressung“ der Räume, eine Leistungssteigerung durch stressfreies Arbeiten und eine neue Qualität des Hörens und Wohlbefindens. Außerdem reguliert es das Raumklima und bindet Schadstoffe, die evtl. in der Innenraumluft sind.

Möglichkeiten der Raumgestaltung

Beispiel einer gesunden Akustiklösung
Beispiel für eine natürliche und gesunde Akustiklösung

Akustikprodukte an Wänden und Decke, auch für eine verbesserte  Kommunikation verwendbar
So könnten Sie die Raumakustik stilvoll und gesund verbessern. Die Akustikprodukte werden an den Wänden und der Decke befestigt und nehmen so keinen Platz ein.

Wie sieht es mit gesunden Kopfhörern zur Vermeidung der Strahlung aus?

Für die Arbeit im Home-Office gibt es spezielle Lösungen für Laptops. In Verbindung mit einem „Luftleiter Headset“ steht dem entspannten Arbeiten von zuhause aus nichts mehr im Weg. Handys und konventionelle Handy-Headsets verursachen erheblichen Elektrosmog direkt am Kopf. Die Luftleiter-Technik reduziert diese hochfrequente Strahlung um bis zu 98%! Bei der Verwendung des Headsets am PC oder am schnurgebundenen Telefon entsteht aufgrund der Luftleitertechnik für Mikrofon und Lautsprecher dann kein Magnetfeld mehr am Kopf.

Versetzen wir uns nun einmal gedanklich in die Zukunft. Denken Sie, dass zukünftig einige Arbeitsverhältnisse weiterhin am Home-Office Modell festhalten werden?

Die Arbeit aus dem Home-Office vereint so viele Vorzüge. Auch, wenn unsere Kinder zukünftig wieder zur Schule gehen dürfen und ein soziales Privat- sowie Berufsleben wieder möglich ist, könnten wir an einigen Privilegien der Arbeit in den eigenen vier Wänden festhalten. Denn der durch das Coronavirus ausgelöste Ausnahmezustand gibt uns einen Vorgeschmack auf eine Stadt der Zukunft, in der die Straßen von weniger Fahrzeugen befahren sind und unsere altbekannten Abläufe neu gedacht und optimiert werden. Der ersehnten Work-Life Balance sowie einer angestrebten Effizienz in jeglicher Hinsicht kommen wir ein großes Stück näher. Dem Verkehrschaos und der Luftverschmutzung wirken wir entgegen. So birgt diese Form der Arbeit die Chance, für alle eine höhere Lebensqualität zu erreichen!

Mehr Informationen zu Stefanie Jörgens und gesunden Akustiklösungen finden Sie hier.