Interview mit Cradle to Cradle Pionier Michael Braungart

Portrait Michael Braungart
Foto: Anna Bauer

Ende der 1990-er Jahre hat Michael Braungart zusammen mit seinem Kollegen William McDonough das Cradle to Cradle Prinzip entworfen. Wir haben mit dem Vordenker über Hintergründe, Chancen und Schwierigkeiten einer natürlichen Kreislaufwirtschaft gesprochen.

In diesem Artikel:

Ein Beitrag unserer Redaktion.

Über Michael Braungart

Was bedeutet eigentlich Cradle to Cradle? Wo sind die Vorteile und was macht es aus? Wie kann man es vom Begriff ‘nachhaltig’ abgrenzen und welche Chancen bietet Cradle to Cradle für unsere Zukunft? Niemand kann diese Fragen besser beantworten, als Pionier Michael Braungart, der das Cradle to Cradle Prinzip entwickelt hat.

Michael Braungart ist Verfahrenstechniker und Chemiker. Er entwickelte zusammen mit seinem Kollegen William McDonough Ende der 1990-er Jahre das Cradle to Cradle Konzept. Braungart engagierte sich bereits bei Greenpeace und ist Professor für Öko-Design an der Leuphana Universität in Lüneburg.

Klimaneutral versus Cradle to Cradle

Was bedeutet eigentlich Cradle to Cradle?
Cradle to Cradle bedeutet, dass wir für andere Lebewesen nützlich sein sollen. Es geht darum Dinge zu tun, die nützlich sind und nicht weniger schädlich. Deshalb ist Cradle to Cradle mehr als Umweltschutz.

Also geht es darum, klimaneutral zu wirtschaften?
Was ist klimaneutral? Was für ein Blödsinn neutral sein zu wollen. Kein Baum ist klimaneutral. Wir wollen ja viel mehr gut und nützlich sein – also klimapositiv.

Die Umweltbewegung sagt uns, dass es besser wäre, nicht da zu sein. Dabei müssen wir unser Dasein als Chance und nicht als Belastung empfinden. Hier in Europa sagen uns die Religionen, dass die Menschen böse sind und nur Gott sie erlösen kann und wir nicht gut, sondern nur weniger schlecht sein können.

All das habe ich erst begriffen, als ich zwei Jahre in China war. Wenn man da auf dem Land bei jemandem zu Besuch ist, bleibt man nach dem Essen so lange, bis man die Toilette aufsucht um die Nährstoffe da zu lassen, da wird immer im Kreislauf gedacht.

Das heißt es ist wirklich wichtig seine Rolle neu zu denken. Wir sind keine Schädlinge, sondern nützlich für andere. Uns sagt aber die Umweltbewegung, es wäre besser, nicht da zu sein. In anderen Ländern herrscht eine Kultur der Großzügigkeit, das Leben wird als Chance begriffen nicht als Belastung.

Deshalb geht in China die Tendenz viel mehr zu Cradle to Cradle, weil man das Prinzip viel leichter verstanden hat. Im Islam und Christentum ist der Mensch böse. Deshalb wollen wir hier klimaneutral sein.

Klimaneutral versus Cradle to Cradle

Nachhaltig versus Cradle to Cradle

Welche Unterscheidungen gibt es zwischen der Cradle to Cradle Definition und dem gern verwendeten Begriff „nachhaltig“?
Nachhaltigkeit ist innovationsfeindlich. Echte Innovation ist nicht nachhaltig. Wenn ich Sie frage „wie geht es mit Ihrem Lebensgefährten“ und Sie sagen „nachhaltig“ ist das traurig.

Bei Cradle to Cradle geht es um Qualität und Schönheit und Innovation. Nachhaltigkeit ist gut, um inne zu halten, aber es ist kein Zukunftskonzept. Bei Cradle to Cradle geht es um: rethink, reinvent, redesign. Sprich: man muss alles neu erfinden und nicht weniger schädlich gestalten, sondern nützlich. Das ist einfach eine andere Fragestellung.

In Baden-Württemberg zum Beispiel haben die Grünen massiv Cradle to Cradle verhindert, weil Sie in dem Denken sind, dass es Umweltschutz ist, Müll zu entsorgen. Es geht aber nicht darum zu verzichten und vermeiden, sondern darum, dass man Nützliches macht. Es gibt nichts Böses, nur die Abwesenheit von Qualität. Zu viel Abfall ist ein Qualitätsproblem.

Können Sie das konkretisieren?
Wir machen Stahlbeton und nennen das Recycling, obwohl dabei alle wertvollen Grundmetalle am Ende weg sind. Vor 26 Jahren haben wir eine Waschmaschine vorgestellt, bei der man nicht die Waschmaschine, sondern die Nutzung der Waschmaschine verkauft und dann hochwertige Kunststoffe nimmt.

Wenn der Hersteller das beste Material nehmen kann und die Maschine wieder zurückbekommt, kann er es am Ende wieder neu einsetzten und muss es nicht recyceln.
Wenn Mercedes Stahl nur vermieten, nicht verkaufen würde, dann wäre es billiger und besser.

Ein Windrad enthält 12 Tonnen Kupfer. Aber niemand braucht das Kupfer, sondern nur die Stromleitung. Wenn der Hersteller also die Kupfernutzung verkaufen würde, dann würde ich weniger bezahlen und das Kupfer behält seinen Wert. Gleiches gilt bei Fensterrahmenherstellern. Die 80.000 Tonnen Aluminium in den Fassaden kaufe ich. Damit wird ein Gebäude zur Materialbank und das sollte man eigentlich aus dem Gebäudewert rausrechnen.

Nachhaltig versus Cradle to Cradle

Ist das nicht alles ein sehr langwieriger und umständlicher Prozess?
Das braucht Zeit, und das ist nicht schlimm. Das Mobiltelefon hat 65 Jahre bis zum Endverbraucher gebraucht. Innovationen brauchen eben Zeit. Wir sind aber gut im Zeitplan.

Es gibt mittlerweile 11.000 Cradle to Cradle Produkte. Der Vorstand von BMW hat bei der Bilanzkonferenz vorgestellt, dass ab 2025 alle BMWs nach Cradle to Cradle gebaut werden.

Wie wirtschaftlich ist Cradle to Cradle?

Sind solche Umstellungen nicht unfassbar unwirtschaftlich?
Es gibt viele 100 Cradle to Cradle Produkte in Holland. Man kann damit auch Geld verdienen.

Das erste Cradle to Cradle-Produkt war 1992 ein essbarer Möbelbezug. Normalerweise sind die Zuschnitte hier so giftig, dass sie als Sondermüll verbrannt werden. Wenn die Zutaten essbar sind – was ich übrigens schon rund 60-mal im Fernsehen demonstriert habe – dann können die Zuschnitte an Gärtnereien gehen. Und in der Herstellung sind sie 20 Prozent billiger.

Darüber hinaus gibt es viele Firmen, die das schon machen. Ein Beispiel: in Tübingen werden Cradle to Cradle Druckfarben gemacht, die in Bangladesch produziert werden. Das Wasser, das beim Färben rauskommt, ist trinkbar.

Cradle to Cradle setzt sich durch, weil es kostengünstiger ist. Das sieht man an Elektromotoren, die setzten sich durch, weil es billiger ist, sie zu fertigen.

Wie wirtschaftlich ist Cradle to Cradle?

Ist es Ihrer Ansicht nach ein Konzept für Privatmenschen, die Wirtschaft oder beides?
Es ist wichtig, immer bei uns selbst anzufangen und nicht auf eine Systemänderung zu warten. Jeder kann was tun. Auch fünf Menschen können was ändern.

Wenn man sich zum Beispiel überlegt, dass ein Baby 3.000 Windeln braucht. Das ist eine Gemeinheit, denn Hersteller machen so Profit auf Kosten der Allgemeinheit. Wenn nur fünf Leute zu Aldi zurückkommen würden und die benutzen Windeln zurückgeben würden, weil es nichts anderes als eine Einwegverpackung ist, würde sich vielleicht schon was ändern. Es gibt viele Dinge, wo Menschen handeln können.

Ganz einfach heißt es: Kompost oder Ofen. Sprich: ich verkaufe ein Bett, einen Stuhl, einen Tisch oder einen Bodenbelag mit Pfand und definierter Nutzungszeit. Eine Waschmaschine, die 30 Jahre hält, ist umwelttechnisch eine Katastrophe. Denn Die Innovationszeit eines solchen Geräts liegt bei 9 Jahren. Wenn man Pfand darauf hat, weiß der Hersteller, dass das Produkt zurückkommt und kann das beste Material, nicht das billigste, verwenden und das wiederverwenden.

Was kann jede*r Einzelne tun?

Beim Thema Umweltschutz geht es auch immer um den Verzicht des Einzelnen. Wie viel Verzicht ist bei einer Cradle to Cradle Wirtschaft notwendig?
Wenn ich nur verzichte, zerstöre ich die Welt nur langsamer. Der Planet zerstört sich jetzt schon. Wir brauchen ein anderes Ziel, wir müssen erreichen, dass wir die Treibhausgase von 1900 haben. Dafür reicht es nicht, 10 Prozent weniger Schwein zu sein. Wir brauchen positive Ziele. Der Boden muss wieder aufgebaut werden, eine Landwirtschaft muss Nährstoffe zurückgewinnen.

Wie wirtschaftlich ist Cradle to Cradle? Michael Braungart kennt die Antwort.

Kann das Cradle to Cradle Prinzip aber noch rechtzeitig flächendeckend umgesetzt werden?
Ich mache mir da keine Sorgen. Alle führenden Designschulen machen schon Cradle to Cradle. Außerdem ist für die jüngere Generation Anerkennung wichtiger als Geld. Und das Umweltthema ist ein Moralthema.

Die junge Generation will stolz sein und ihnen ist Anerkennung sehr wichtig. Diese narzisstische Selbstachtung ist gut. Denn wer Müll macht, ist ein Idiot und jemand, der giftiges Spielzeug macht, ist doof. Ich will aber nicht doof sein. Das ist ein Qualitätsproblem und wenn ich giftige Produkte mache, dann macht jemand junges nicht mit. Deshalb setzen sich solche Sachen nicht durch, weil junge Leute stolz auf sich sein wollen.

Das Interview führte Julia Schenkenhofer.
Fotos: Pixabay