Schrägdach begrünen: Neues System macht es möglich

Gründachverlegung
Foto: Mygreentop

Gründächer gibt es schon lange − doch bislang zumeist nur für Flachdächer. Bei der DGNB Sustainability Challenge 2022 wurde jetzt mit „Mygreentop“ ein neuartiges System ausgezeichnet, mit dessen Hilfe sich nun auch Schrägdächer begrünt werden können. Die besonderen Vorteile von begrünten Dächern sind so auch nachträglich und relativ einfach zum Beispiel auf einem bestehenden Satteldach möglich.

  1. Grüne Schrägdächer sind eine nachhaltige Innovation
  2. Das Gründach kann auf Bestandsgebäuden nachgerüstet werden
  3. Gründach im Neubau spart viel CO2
  4. So funktioniert’s: Jede Dachpfanne ist ein Mini-Beet
  5. Gründächer fördern die Biodiversität und haben noch weitere Vorteile
  6. Wie nachhaltig ist die Dachbegrünung für Schrägdächer?

Ein Beitrag unserer Redaktion.

Grüne Schrägdächer sind eine nachhaltige Innovation

DGNB-Pressebild_Sustainability-Challenge-Gewinner-Start-Up
Gewinner in der Kategorie "Start-up" der DGNB Sustainability Challenge 2022: Dirk Kieslich von „Mygreentop (rechts im Bild) nimmt für sein Team die Siegerurkunde entgegen.
Foto: DGNB e.V.

Begrünte Dächer gibt es schon lange. Doch meist schmücken diese Mini-Biotope die Flachdächer von Bungalows oder Gewerbebauten. Das klassische Satteldach und seine schrägen Spielarten, die in vielen Regionen Deutschlands dominieren, kommen eher selten in den Genuss einer Begrünung. Und wenn doch, dann war es bislang eher schwierig und teuer, die Pflanzen gegen das Abrutschen zu sichern.

Erfinder aus dem Sauerland haben sich eine Lösung ausgedacht, die so gut funktioniert, dass sie – kaum nach der Gründung – bereits den ersten Preis beim DGNB Sustainability Challenge 2022 in der Kategorie „Start-up“ gewonnen haben.

Der DGNB-Nachhaltigkeitspreis

Die Sustainability Challenge der „Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen eV“ (DGNB) ist ein jährlich verliehener Nachhaltigkeitspreis, bei dem es um nachhaltige Innovationen in der Bau- und Immobilienwirtschaft geht. Der Preis wird in drei Kategorien verliehen.

  • In der Kategorie „Innovation“ geht es um teilweise revolutionäre Neuerungen und Verbesserungen, um zum Beispiel das Cradle-to-Cradle-Prinzip in der Bauwirtschaft zu verbessern.
  • In der Kategorie „Start-up“ treten junge Unternehmen an und
  • in der Kategorie „Forschung“ bewerben sich Wissenschaftler mit ihren Forschungsprojekten, die mit einem wichtigen Beitrag zur Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft hin zu mehr Nachhaltigkeit leisten. In der Forschungskategorie wird zusätzlich ein studentisches Projekt prämiert.

Darüber hinaus gibt es noch einen Publikumspreis, der am „Tag der Nachhaltigkeit“ über Votings ermittelt wird.

Das Gründach kann auf Bestandsgebäuden nachgerüstet werden

partiell belegtes Gründach
Das grüne Dach kann die bestehenden Dachziegel ganz oder teilweise ersetzen.
Foto: Mygreentop

Der Gewinner 2022 in der Kategorie heißt „Mygreentop“. Der Name ist Programm: Das grüne Dach weist einige Besonderheiten auf, die es von anderen Gründächern unterscheidet. Die von dem Unternehmertrio Dirk Kieslich, Steffen Reeder und Oliver Stolzenberg entwickelte Dachpfanne „Mygreentop Complete“ kann auch für Bestandsgebäude eingesetzt werden.

Zwar ersetzt die bepflanzte Gründachpfanne vorhandene Dachsteine, das vorhandene Dachtragwerk muss aber nicht angefasst werden. Einzelne oder ganze Reihen von Dachpfannen werden durch die Gründach-Pfanne komplett ersetzt. Ursprünglich gab es auch eine Variante, die auf die bestehenden Dachpfannen aufgesetzt wurde. Das scheint sich aber nicht bewährt zu haben, denn bis auf Weiteres wird diese nicht mehr angeboten.

Beim Bestandsgebäude ist der Vorteil, dass sehr individuell ein Dach neu grün gedeckt werden kann – auch teilweise. An schwierigen Stellen wie Ortgängen oder Dachfenstern kann die vorherige Dachpfanne einfach belassen werden. Die begrünten Dachpfannen sind mit der sogenannten „Frankfurter Pfanne“, dem meistverkauften Betondachstein, kompatibel. Die Bepflanzung von Altbauten ist ein entscheidender Vorteil für eine vergleichsweise rasche Durchsetzung der Idee der Dachbegrünung.

Wieviel kostet das Gründach?

Der Hersteller gibt einen Quadratmeterpreis von 66 oder 77 Euro an. Der Preisunterschied ergibt sich aus der Qualität und Anzahl der verwendeten Bepflanzung. Damit sind die bepflanzten Schrägdächer rund dreimal so teuer wie eine herkömmliche Dacheindeckung (ca. 25 Euro pro Quadratmeter).

Im Vergleich zu einem herkömmlichen Gründach jedoch – so rechnet es das Unternehmen vor – lägen die begrünten Dachziegel etwa bei der Hälfte der gängigen Preise. Die würden bei anderen Systemen etwa 150 Euro pro Quadratmeter betragen. Das Gründach ist zumindest bei der Startinvestition nicht günstig. Es geht seinen Besitzern aber natürlich vor allem um das Nachhaltigkeitsprinzip. Kosteneinsparungen, etwa durch geringere Abwassergebühren, und Komfortgewinne, etwa durch besseren Hitzeschutz im Sommer, könnten die Mehrkosten in der Zukunft aber teilweise aufwiegen.

Gründach im Neubau spart viel CO2

Kran am Dach mygreentop
Die Verlegung der begrünten Dachziegel kann durch jeden Dachdeckerbetrieb erfolgen.
Foto: Mygreentop

Auch beim Neubau bietet das Gründach Vorteile, denn es sind keine Pfannen als Unterkonstruktion nötig. Das spart viel CO2, weil die entsprechenden Dachpfannen gar nicht erst hergestellt werden müssen.

„Mit unserem System ist es möglich, Schrägdächer schnell und vor allem kostengünstig zu begrünen,“ erklären die Gründer in ihrem Pitch-Video zur DGNB Sustainability Challenge 2022. Die mit Glasfaser verstärkte Dachpfanne sei für Schrägdächer mit Dachneigungen von 20 bis 60 Grad geeignet. Das ermöglicht eine sehr weiträumige Abdeckung.

Sie bringt kein hohes zusätzliches Gewicht aufs Dach: Auch das ermögliche eine einfache Montage. Die beiden Gründer sprechen werbewirksam sogar von einem „Plug-and-Play-System“. Es sei für jeden Dachdecker möglich, die begrünten Dachpfannen zu verlegen – Spezialfirmen brauche man nicht. Das könnte die Verbreitung zusätzlich fördern.

So funktioniert’s: Jede Dachpfanne ist ein Mini-Beet

Detailaufnahme einer Gründachpfanne
Sieht aus wie ein normaler Dachziegel, besteht aber aus Kunststoff und besitzt ein kleines Beet und einen Überlauf: die Gründachpfanne von „Mygreentop“.
Foto: Mygreentop

Die neuartigen, zum Patent angemeldeten Dachpfannen enthalten kleine Wannen, die direkt bepflanzt werden. Sie besitzen einzelne kleine Beete, die mit den niedrig wachsenden Sukkulenten einer extensiven Dachbegrünung bepflanzt werden: Im unteren Bereich der Wanne liegt ein Pflanzgranulat, das Feuchtigkeit speichert. Darauf kommt eine Matte, die mit den Pflanzen bewachsen ist. Erst die Durchwurzelung der Matte in den Pfannen gewährleistet eine hohe Stabilität.

Deshalb werden die Dachpfannen nicht in Reinform, sondern immer bepflanzt verkauft. Die Dachsteine kommen also bereits begrünt zum Kunden. Sie besitzen kleine Ablaufrinnen, die dafür sorgen, dass vollgesogene Mini-Beete das überschüssige Wasser an die darunterliegenden Dachziegel weitergeben: einen Kaskaden-Überlauf.

Gründächer fördern die Biodiversität und haben noch weitere Vorteile

Hummelgast mygreentop
Das Gründach ist ein beliebtes Trittbrett-Biotop für Hummeln und andere fliegende Insekten.
Foto: Mygreentop

Die Vorteile der Dachbegrünung sind vielfältig:

  • Sie sorgt für ein sehr angenehmes Mikroklima unmittelbar am Haus.
  • Gründächer regulieren die Temperatur und können die Sonneneinwirkung auf die Wohnräume – also die sommerliche Hitze – reduzieren.
  • Sie filtern die Luft.
  • Sie dämmen Schall und sorgen für mehr Ruhe im Haus.
  • Begrünte Dächer verbessern die Biodiversität: Insbesondere für Bienen, Hummeln und Schmetterlinge sind Gründächer kleine Oasen in der Stadt.
  • Gründächer schützen auch die Dachhaut vor Wettereinflüssen und Temperaturschwankungen und verbessern die Wärmedämmung im Winter.
  • Gründächer spielen eine wichtige Rolle für das Regenwassermanagement. Die Pflanzen saugen Niederschläge auf, die sonst ungehindert in die Kanalisation fließen würden. Das Regenwassermanagement von Gründächern ist besonders wertvoll im urbanen Umfeld, wo viele Flächen versiegelt sind und das Thema Starkregen und Hochwasserschutz eine wichtige Rolle spielen. Gründächer sind ein Baustein der sogenannten Schwammstadt, wie wir sie hier ausführlich vorgestellt haben.

Mehr zu Gründächern

Was bei einer Dachbepflanzung zu beachten ist, welche Pflanzen sich dafür eignen und wie die Umsetzung gelingt, wird in diesem Beitrag erklärt: Extensive Dachbegrünung: Aufbau und Bepflanzung »

In vielen Fällen lohnt es sich, ein Gründach mit einer Photovoltaikanlage zu kombinieren. Das ist an Nachhaltigkeit fast nicht mehr zu übertreffen – zumal sich beide Systeme hervorragend ergänzen. Mehr dazu in unserem Artikel: Photovoltaikanlage und Gründach kombinieren »

Wie nachhaltig ist die Dachbegrünung für Schrägdächer?

Extensive Dachbegrünung mygreentop
Nach rund 3,3 Jahren ist die Dachpfanne CO2-neutral. Anschließend wirkt die Begrünung klimapositiv.
Foto: Mygreentop

Wir gehen der Frage nach, wie nachhaltig die Gründach-Elemente − abgesehen von ihrem Beitrag zur Biodiversität, zum Klimaschutz und zum Regenwassermanagement − sind.

Im Vergleich mit herkömmlichen Tondachziegeln oder Betondachsteinen kann sich das Ergebnis sehen lassen. Gemäß einer Untersuchung des Öko-Instituts über die Ökobilanz von Dachsteinen und Tondachziegeln kommen beide Produkte auf CO2-Emissionen von 13,6 kg pro Dachziegel und 6,2 kg pro Dachstein. Dabei werden die CO2-Emissionen bei Rohstoffbereitstellung, Produktion, Verpackung und Logistik mitberücksichtigt. Die Gründachpfannen von „Mygreentop“ benötigten pro Element lediglich 1,673 kg CO2 für ihre Herstellung. Aufgrund von Berechnungen des Umweltbundesamtes hinsichtlich der CO2-Bindung von Dachbegrünungen ergebe sich daraus eine CO2-Reduktion von circa 500 g pro grünem Dachziegel.

Die Rechnung: Nach rund 3,3 Jahren haben die grünen Dachziegel ihren CO2-Verbrauch wieder wettgemacht. Anschließend sind sie klimapositiv, weil sie CO2 in Sauerstoff verwandeln und in Biomasse speichern. Bei einer geschätzten Lebensdauer auf dem Dach von 20 Jahren ist das keine schlechte Bilanz.