Defensive Architektur im öffentlichen Raum

Wer bei dem Begriff "Defensive Architektur" an Burggräben, Stacheldraht oder hohe Mauern denkt, hat natürlich nicht ganz unrecht. Schließlich geht es bei all diesen Vorrichtungen darum, etwas zu verteidigen und Menschen fernzuhalten. Der Begriff beschreibt jedoch einen Trend der letzten Jahrzehnte in den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Design. Dieser Beitrag beschäftigt sich mit der Definition für Defensive Architektur, Beispielen dafür und der Frage nach Alternativen.

In diesem Artikel:

Ein Beitrag unserer Redaktion.

Was ist Defensive Architektur?

Bild: CC0 / Nathan Dumlao / Unsplash

Bei Defensiver Architektur handelt es sich um strategische Baumaßnahmen der Stadt- und Bauplanung gegen unerwünschte Personengruppen. Mit unpraktischem oder unbequemem Design soll dabei verhindert werden, dass sich zum Beispiel obdachlose Menschen, Jugendliche oder Skateboardfahrer*innen an bestimmten Orten aufhalten.

Alternative Begriffe für Defensive Architektur sind:

  • Feindliche Architektur (Hostile Architecture)
  • Anti-Obdachlosen-Architektur
  • Feindliches Design (Hostile Design)

Vor allem öffentliche Sitzflächen und potenzielle Liegeflächen sind davon betroffen. Das sind beispielsweise Parkbänke, überdachte Hausnischen, Freiflächen unter Brücken, Fensterbänke und Wartebereichen für den öffentlichen Nahverkehr. Auch das Fehlen von Möglichkeiten zum Ausruhen an gut besuchten Plätzen, in Parks und an Haltestellen ist Defensive Architektur. Denn so wird von Vornherein unterbunden, dass Personen sich länger als notwendig dort aufhalten.

Feindliches Design fällt einem auf den ersten Blick oftmals gar nicht auf. Doch wer ein bisschen genauer hinschaut wird merken, dass es doch einige Installationen gibt, die sehr bewusst designt sind. Wir haben eine Liste mit den gängigsten Methoden zusammengestellt, die Wohnungslose, Jugendliche und Skater*innen nicht willkommen heißt:

Beispiele für Defensive Architektur

In Innenstädten können zum Beispiel weite Flächen mit modern wirkenden Betonapplikationen wie Pyramiden, Kegeln oder Kugeln versehen oder alternativ leicht abgeschrägt sein, um große Gruppen Jugendlicher und Schlafplatzsuchende fernzuhalten. Auch unter Brücken oder überdachten Hausnischen sind in einigen Fällen klobige und unebene Baumaßnahmen zu finden – Steine, Gitter oder kantiger Beton. Am häufigsten werden jedoch Sitzgelegenheiten so gestaltet, dass sie wirklich nur zum Sitzen verwendet werden können:

Bänke mit Armlehnen in der Mitte

Ein Klassiker der Defensiven Architektur sind Sitzbänke, die in einzelne Sitzabschnitte durch mittig platzierte Armlehnen unterteilt sind. Doch diese Armlehnen sind nicht für den besonderen Komfort für Sitzende gedacht, sondern um obdachlose Personen davon abzuhalten, die Bänke als Liegefläche zu benutzen.

Bild: CC0 / Scott Webb / Unsplash

Bänke aus Metall oder Stein

Im Winter merkt man schnell, warum Bänke aus Metall oder Stein nicht ideal zum Sitzen sind: die Sitzfläche ist kalt und der Körper kühlt schnell aus. Auch diese Methode wird genutzt, um obdachlose Menschen davon abzuhalten, auf den Bänken zu liegen / übernachten.

Bild: CC0 / Marcus Castro / Unsplash

Getrennte und ungerade Sitze

Sitze, die als Gruppe mit Lücken angeordnet sind, bieten ebenso wenig wie Bänke mit Armlehnen oder aus kalten Materialien die Möglichkeit, sich hinzulegen. Auch die Anordnung in Kreisen oder Halbkreisen verhindert eine bequeme Liegeposition.

Bild: CC0 / succo / Pixabay

Alleinstehende Sitze

Während Bänke zum geselligen Verweilen einladen, sind Einzelsitze nicht geeignet, um in einer Gruppe beisammen zu sitzen. So werden nicht nur nach einem Schlafplatz suchende, obdachlose Personen, sondern auch Gruppen von Jugendlichen ferngehalten.

Bild: CC0 / Andrew Whitmore / Unsplash

Sitzbänke mit kleinen Erhebungen

Kleine oder größere Erhebungen oder Metallkanten an Bänken sind so designt, dass Skateboarder*innen keine Chance für Tricks haben. Während glatte Kanten zum Skaten genutzt werden können, verhindern die zusätzlich angebrachten Metallstücke hier ein Vorangleiten des Skateboards.

Bild: CC0 / Lee Campbell / Unsplash

Geländer mit kleinen Erhebungen

Auch Geländer werden gerne genutzt, um eindrucksvolle Tricks mit Skateboards zu performen. Vor allem in Fußgängerzonen soll mit diesen Skate-Stopps verhindert werden, dass Skater*innen den öffentlichen Raum für ihre Übungen nutzen.

Bild: CC0 / Jeff Wu / Unsplash

Fensterbänke mit kleinen Zäunen

Diese kleinen und spitzen Zäune sichern die Fenster nicht vor Einbrüchen, sondern vor Menschen, die sich setzen oder etwas abstellen wollen. Unerwünschtes Verweilen wird so mit Zacken, Spitzen oder Kanten unterbunden.

Bild: Jenny Heim

Neben den oben erwähnten Baumaßnahmen gibt es noch den Einsatz von Dauerbeschallung. An Bahnhöfen oder in Einkaufspassagen wird dann durchgehend gut hörbar Musik abgespielt, sodass Personen, die sich länger dort aufhalten oder sogar schlafen wollen, keine Ruhe finden. Eine weitere Methode wird gezielt gegen junge Menschen eingesetzt : Störgeräuschsender, die Hochfrequenztöne spielen, die nur von Kindern und Jugendlichen gehört werden können. Die hohen Töne klingen wie ein Tinnitus und werden von Menschen über 25 Jahren wegen nachlassender Hörleistung nicht mehr gehört.

Was ist die Alternative?

Das Problem von Defensiver Architektur ist, dass das feindliche Design die Probleme nicht verhindert, sondern verdrängt und verlagert. Die Personen oder Gruppen, die durch die unbequeme oder exklusive Beschaffenheit ausgeschlossen werden sollen, sind dann gezwungen, sich einen anderen Ort zu suchen. Außerdem werden durch diese Praktik auch weitere Teile der Bevölkerung benachteilt:

  • Alte und erkrankte Menschen, die sich ausruhen wollen und keine Parkbank finden, beziehungsweise sich nicht anlehnen können
  • Menschen mit eingeschränkter Mobilität
  • Menschen, die soziale Treffpunkte außerhalb der eigenen vier Wände im Freien suchen (zum Beispiel Familien mit Kindern oder Freundesgruppen)

Sollte öffentlicher Raum nicht inklusiv sein und alle Menschen willkommen heißen?

Bilder: CC0 / links: Benjamin Thomas / rechts: Viktor Talashuk / Unsplash

Während die Ansätze defensiver Architektur durchaus ihre Berechtigung haben (schließlich sind Sitzbänke in Parks nicht zum Schlafen oder Skateboarden installiert worden), lösen sie nicht das eigentliche Problem. Die Menschen, die durch feindliches Design aus dem öffentlichen Raum vertrieben werden sollen, verschwinden nicht, sondern wechseln nur den Ort. Weder das Bauen besonders unbequemer Parkbänke noch das Installieren von Skatestopps auf langen Steinkanten lösen das eigentliche Problem; das Fehlen sozialer und sicherer Räume für diese Personengruppen.

Es ist also keine Lösung, exkludierende Strukturen zu bauen. Die Lösung liegt vielmehr in der Schaffung von Orten, an denen die verdrängten Personen den so dringend benötigten Raum bekommen. Politik, Stadt- und Bauplanung sollten daher neue Konzepte entwickeln und alternative Angebote schaffen: Skateparks können dort errichtet werden, wo sie andere Personen nicht stören. Für Menschen ohne Wohnung sollten es temporäre Schlafplätze geben, sodass diese nicht gezwungen sind, sich in Hauseingänge oder auf Bänke zu legen. Und Jugendliche brauchen sichere Orte, an denen sie sich treffen können.

Nur durch nachhaltige und sozial inklusive Stadtplanung werden die Probleme gelöst, die von Defensiver Architektur ansonsten nur räumlich verschoben werden. Öffentlicher Raum sollte zukünftig so gestaltet werden, dass sich alle Menschen wohl fühlen und gerne gemeinsam dort aufhalten!

Text: Jenny Heim
Titelbild: CC0 / Adam Bentley / Unsplash