Was steckt hinter dem Cradle to Cradle Prinzip?

Symbolfoto nachhaltiger Kreislauf
Bild: Adobe Stock

Cradle to Cradle (oder kurz: C2C) ist ein neuer Ansatz für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Es ist eine der wichtigsten nachhaltigen Bewegungen der letzten Jahre. Dahinter steckt die Idee, in Kreisläufen zu denken: Wie in der Natur sollen keine Abfälle produziert werden, indem Produkte von Anfang an so gestaltet werden, dass alle Materialien und Inhaltsstoffe in den Kreislauf zurückgeführt werden können, aus dem sie entnommen wurden.

Hier erfahren Sie, was das Cradle-to-Cradle-Prinzip konkret bedeutet und was C2C-Produkte so besonders macht.

In diesem Artikel:

Ein Beitrag unserer Redaktion.

Was bedeutet Cradle to Cradle (C2C)?

Computerschrott
Cradle-to-Grave: Viele technische Bauteile landen in unserer Wirtschaft meist im Müll, dabei enthalten sie wertvolle Rohstoffe, die wiederverwertet werden können (Bild: Adobe Stock).

Die Idee hinter dem Cradle-to-Cradle-Prinzip ist Nachhaltigkeit – aber in einer weit konsequenteren Herangehensweise, als wir es üblicherweise kennen.

Die meisten von Menschen hergestellten Produkte basieren auf dem Prinzip „Cradle to Grave“: Sie landen nach ihrem Produktleben auf der Müllhalde. Und obwohl die Produkte dann wert- und nutzlos sind, verschwinden ihre Einzelteile nicht. Sie sind toxischer Müll, der Natur und Umwelt gefährdet. Unmengen von Stahl, Stoff oder Plastik liegen in Massen unter Mülldeponien begraben. Wie viele wertvolle Ressourcen und wie viel Energie wurden für die Herstellung all dieser Abfälle aufgewendet? Ganz klar: Der übliche Lebenszyklus eines Produkts ist zerstörerisch und alles andere als nachhaltig.

Die Cradle-to-Cradle-Definition

Alle Bestandteile eines Produktes können wiederverwertet werden. Jede Komponente hat ein zweites, drittes, viertes Leben als Grundlage für ein weiteres Produkt.

  • Von der Wiege zur Wiege (englisch: cradle).
  • Von einem Produkt zum nächsten Produkt.
  • Nichts wird weggeworfen.

In der Natur gibt es keinen Müll. Wenn ein Baum aus Kohlendioxid, Wasser und Lichtenergie Nährstoffe bildet, wächst er, bildet Blätter und Früchte. Im Herbst stößt er die Blätter ab und lässt die Früchte fallen, aber nichts davon ist Abfall. Alles wird von anderen (Mikro-)Lebewesen genutzt und weiterverwendet. Es ist eine perfekt eingerichtete Kreislaufwirtschaft aus Wachsen, Gedeihen und Vergehen. Das Problem endlicher Rohstoffe gibt es nicht, weil alles Vergängliche in veränderter Gestalt erneut genutzt werden kann.

Hände umarmen einen Baum
Die Natur kennt keinen Müll: Jeder Baum ist in einen perfekte Kreislauf eingebettet (Bild: Adobe Stock).

C2C: Nicht klimaneutral, sondern klimapositiv

Viele Unternehmen versuchen heute, klimaneutral zu sein. Denn das haben wir gelernt: Klimaneutralität verringert die negativen Folgen auf unsere Atmosphäre, die Natur und Umwelt. Daraus hat sich eine gedankliche Schleife entwickelt, die vor allem auf Verzicht ausgelegt ist: Verzicht auf Ressourcen, Verzicht auf Kunststoffe, Verzicht auf Energie. Cradle to Cradle möchte aber kein Weniger, sondern ein Mehr an Lebensqualität erreichen − durch eine neue Nutzung der vorhandenen Rohstoffe.

Nun könnte man sich fragen: Ist die Natur klimaneutral? Keinesfalls. Sie ist klimapositiv! Jedes natürliche Wachstum führt zu Nützlichkeit für das Gesamtsystem. Diese positive Sichtweise soll die Entwicklung und Gestaltung von Produkten beherrschen – sie ist eines der Designfundamente des Cradle-to-Cradle-Prinzips.

Regenwald und Wasserläufe
Die Natur ist klimapositiv. Cradle to Cradle sollte sich daran orientieren (Bild: Adobe Stock).

Verzicht und Einschränkung führen zur "Ökoeffizienz". Damit ist gemeint, dass die Menschen nicht mehr als nötig verbrauchen. Das reicht aber nicht.

Wir müssen über die "Ökoeffizienz" hinausgehen und zur "Ökoeffektivität" gelangen. Das ist ein Zustand, in dem menschliche Produkte die Umwelt sogar bereichern. Der Fokus verlagert sich dann von der Sparsamkeit auf die Fülle – ja sogar Verschwendung wäre denkbar, weil die verschwendeten Ressourcen regenerativ sind und keinerlei Schaden anrichten. Ein Beispiel ist der natürliche Jahreszeitenzyklus eines Baumes oder die Fülle, mit der die Sonne Energie abgibt.

Cradle to Cradle bedeutet nicht Verzicht, sondern Weiterentwicklung

Bei Cradle to Cradle stehen Verbesserungen im Vordergrund. Nicht Vermeiden und Sparen spielen die größte Rolle, sondern Innovationen. Im Grunde genommen geht es dabei um Qualität: Produkte sind dann von hoher Qualität, wenn sie komplett in die Kreislaufwirtschaft zurückgegeben werden können.

Ökoeffizienz muss also von Anfang an Teil der Produktgestaltung sein. Dabei muss der gesamte Produktions- und Entsorgungsprozess berücksichtigt werden.

»Das Konzept der Verschwendung zu eliminieren bedeutet, die Dinge – Produkte, Verpackungen und Systeme – von Anfang an so zu gestalten, dass es keine Verschwendung gibt.«

Michael Braungart und William McDonough

(Bild: Adobe Stock)

Cradle to cradle: Die Idee und ihre Schöpfer

Cradle to Cradle (C2C) ist eine Idee des deutschen Chemikers Michael Braungart und des amerikanischen Architekten William McDonough. Das Time Magazine machte McDonough 1999 zum "Hero of the Planet". Er erhielt außerdem den „Presidential Award for Sustainable Development.“ Dabei handelt es sich um die höchste Umweltauszeichnung der USA.


Bild: Cradle to Cradle NGO

Michael Braungart (rechts auf dem Bild) gründete die Environmental Protection Encouragement Agency (EPEA) in Hamburg. Zuvor leitete er den Bereich Chemie von Greenpeace. Er hat zahlreiche Auszeichnungen, Ehrungen und Stipendien erhalten. 1994 wurde er Professor für Verfahrenstechnik an der Leuphana Universität in Lüneburg. Heute hat er dort die Professur für Öko-Design inne.

Im Interview mit Cradle erklärt Michael Braungart unter anderem, wie sich das Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C) von anderen Nachhaltigkeitsideen unterscheidet.

Das Cradle-to-Cradle-Prinzip der zwei Kreisläufe

Cradle to cradle verfolgt das Ziel, dass alle Produkte, die wir herstellen, vollkommen schadstofffrei produziert und zerlegt werden könnten.

Das Gegenteil ist aber meist der Fall: Ein Sportschuh wird beispielsweise mit giftigen Chemikalien behandelt. Mit gefährlichen Klebstoffen werden die Einzelteile untrennbar miteinander verschmolzen. Selbst wenn es natürliche Materialien, wie etwa eine Ledersohle gibt, bilden sie mit nicht verrottendem Plastik eine Einheit. Die Produktion der Schuhe erfolgt obendrein in Entwicklungsländern, wo es sehr laxe Umweltschutzauflagen und geringe soziale Standards gibt.

Cradle to cradle möchte es besser machen. Dabei ist klar, dass nicht alles auf natürlichem Wege verrotten kann. Daher gibt es beim Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C) nicht einen, sondern zwei Kreisläufe:

  1. einen biologischen Kreislauf für Verbrauchsprodukte und
  2. einen technischen Kreislauf für Gebrauchsprodukte.

Bereits bei der Gestaltung von Produkten sollten die Designgrundlagen für Cradle to Cradle (C2C) beachtet werden, sodass die Rohstoffe der beiden Kreisläufe innerhalb ihrer Kreisläufe möglichst unbegrenzt zirkulieren können. Wenn ein Rohstoff den Kreislauf verlässt, dann soll er nicht Müll, sondern ein weiterhin wertvoller, nutzbringender Stoff sein. Das Prinzip lautet: von der Wiege zur Wiege, statt in den Müll.

Der biologische Kreislauf

Bild: Cradle to Cradle NGO

Der biologische Kreislauf besteht aus Verbrauchsgütern, die zu Produkten zusammengesetzt werden können. Wenn ihre Nutzungszeit zu Ende ist, können ihre Bestandteile biologisch abgebaut werden. Sie werden zu Nährstoffen, von denen sich beispielsweise Pflanzen ernähren können und so erschaffen sie neue biologische Stoffe, die erneut geerntet und zu neuen Produkten umgewandelt werden können. Dieser biologische Kreislauf ist unbegrenzt und produziert überhaupt keinen Abfall. Alle verwendeten und umgewandelten Stoffe können auch nach ihrer Nutzung weiterhin nützlich sein.

Der technische Kreislauf

Bild: Cradle to Cradle NGO

Technische Rohstoffe wie Metalle oder Kunststoffe können natürlich nicht verrotten und müssen daher in einer zweiten Kreislaufwirtschaft bewegt werden: dem technischen Kreislauf.

Beide Kreisläufe treffen sich in der Produktion und es werden neue Produkte aus beiden Sphären hergestellt, die sich aber nach der Nutzung auch wieder problemlos trennen lassen müssen. Die technischen Bauteile werden nach der Nutzung vom Hersteller zurückgenommen und demontiert, sortiert und sind fortan als „technische Nährstoffe“ neue Grundsubstanzen für weitere Produkte.

Wenn beide Kreisläufe konsequent genutzt und Produkte unter Beachtung der Kreisläufe gestaltet werden, gäbe es keinen Müll mehr – so wie beim Vorbild Natur.

Cradle-to-Cradle-Zertifizierung

Cradle-to-Cradle-Miterfinder Michael Braungart hat einmal in einem Interview gesagt, dass eine Waschmaschine, die 50 Jahre hält, die größte Pest sei. Warum? Das langlebige Haushaltsgerät würde die verwendeten Materialien im Markt zementieren, die Stoffe könnten nicht in die Kreislaufwirtschaft zurückgeholt werden – und vor allem wäre diese Maschine ein innovationsfeindliches Produkt.

Die Weiterentwicklung der Technik, die Verbesserungen und Einsparungen könnten sich nur durchsetzen, wenn sie auch verwendet werden. Technologie muss sich weiterentwickeln dürfen. Daher ist auch bei Cradle to Cradle (C2C) das Nutzungsprinzip ein einleuchtender Weg: Nicht das Produkt wird verkauft, sondern nur die Nutzung. Michael Braungart: „Wir haben eine Waschmaschine entwickelt, bei der man den Kunden nur 3.000 Mal Waschen verkauft. In der Produktion komme ich dann mit nur fünf bis acht hochwertige Komponenten aus, statt 150 billige Kunststoffe zu verwenden.“

Um den Designprozess zu fördern und Verbrauchern und Industriepartnern einen verlässlichen Hinweis zu geben, ob ein Hersteller das Cradle-to-Cradle-Prinzip (C2C) berücksichtigt hat und als Beleg für seine Umweltintelligenz ausgelegt werden kann, können Produkte eine Cradle-to-Cradle-Zertifizierung erhalten. Vergeben werden diese C2C-Zertifizierungen vom amerikanischen Cradle to Cradle Products Innovation Institute. Die Überprüfung geschieht mit akkreditierten Partnern wie etwa der EPEA in Deutschland.

5 Prüfkriterien für die C2C-Zertifizierung

Produkte erhalten das C2C-Zertifikat in den Abstufungen Basis, Bronze, Silber, Gold und Platin. Sie werden anhand von fünf Kriterien überprüft:

  1. Verwendung gesunder Materialien für Mensch und Umwelt
  2. Wiederverwendbarkeit von Produkten: Hier geht es um die Rückführbarkeit der Komponenten in die Kreislaufwirtschaft
  3. Klimaschutz: Verwendung von erneuerbaren Energien und Vermeidung von schädlichen Emissionen
  4. Verantwortungsvoller Umgang mit Böden und Wasser: Die Hersteller müssen sicherstellen, dass kein Wasser verunreinigt und Böden gesund erhalten werden
  5. Soziale Fairness: Achtung der Menschenrechte und Beitrag zu einer fairen und gerechten Gesellschaft.

Beispiele für gelungene C2C-Produkte

C2C zertifizierte Teppichfliesen
Bild: Modulyss

Teppichfliesen von Modulyss erhielten das C2C-Zertifikat in Gold.

Der Teppichrücken ist so konzipiert, dass er am Ende der Lebensdauer des Teppichs entfernt und recycelt werden kann. Die Fliesen sind frei von PVC und Bitumen und bestehen selbst zu mindestens 75 Prozent aus recycelten Materialien.

C2C-zertifizierte Küchenarmatur
Bild: Grohe

Armaturen von Grohe wie die Eurosmart-Küchenarmatur erhielten das C2C-Zertifikat in Gold. Die Abfall-Recyclingrate der Armatur beträgt 99 Prozent und der Recyclinganteil im Messing bis zu 80 Prozent.

C2C-zertifizierte Sitzmöbel
Bild: Andreu World

Sitzmöbel von Andreu World erreichten mit ihren aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammenden Holz gefertigten Rahmen das C2C-Zertifikat in Bronze.

Fazit: Cradle-to-Cradle (C2C) als nachhaltiger Denk- und Designgrundsansatz

  • Cradle-to-Cradle ist ein Designansatz für nachhaltige Produkte.
  • Produkte sollen nach dem Vorbild der Natur gestaltet sein, die keinen Abfall kennt.
  • Kreislaufwirtschaft: Jedes verwendete Material soll nach seiner Nutzung in einen biologischen Kreislauf gegeben oder in einem technischen Kreislauf wiederverwertet werden.
  • Nicht Ökoeffizienz, sondern Ökoeffektivität steht im Zentrum von Cradle to Cradle (C2C): Innovationen sollen Produkte hervorbringen, die auf positive Effekte hin optimiert werden.
  • Die C2C-Zertifizierung ist Beleg für die Umweltintelligenz von Herstellern.

Text: Christian Mascheck