Leben im Mehrgenerationenhaus – ein Interview

Leben im Mehrgenerationenhaus? Warum sich das lohnt, lesen Sie in unserem Interview mit Katja Bürmann!

Wie gestaltet sich das Leben im Mehrgenerationenhaus? Wir haben mit der Architektin Katja Bürmann gesprochen, denn sie beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit gemeinschaftlichen Wohnprojekten. Welche Gründe es für einen gemeinsamen Lebensraum gibt, was ein gutes Mehrgenerationenhaus ausmacht und warum klare Strukturen dafür so wichtig sind, lesen Sie im Interview!

Über Katja Bürmann

Sie ist Mitgründerin des Beratungsbüros KoWerk, freie Architektin, Master Real Estate Management und Baubiologin. Außerdem ist sie als DGNB Consultant ausgebildet, hat die Gemeinschaft Tempelhof bei Crailsheim beraten und unterstützt aktuell das Wohnprojekt Neuer Norden e.V. in Stuttgart. Mitglied ist sie im Netzwerk Immovielien, wohnbund e.V. und mehreren Genossenschaften. Schließlich engagiert sie sich wohnungspolitisch bei der IBA’27 Region Stuttgart.

Katja Bürmann kann viel über das Leben im Mehrgenerationenhaus berichten.

Leben im Mehrgenerationenhaus: Interview mit Katja Bürmann

Sollten wir alle in Mehrgenerationenhäusern wohnen?

Grundsätzlich muss jede*r entscheiden, wie er/sie wohnen will. Wohnen in Mehrgenerationenhäusern bietet in jedem Fall viele Chancen. Während heute unsere ursprünglichen Familien tendenziell immer kleiner werden und oft weit entfernt wohnen, bilden sich hier neue familienähnliche Zusammenhänge. Unter dem Dach eines Hauses bzw. in nächster Nachbarschaft, mit Menschen, die für Gemeinschaft offen sind, bestehen vielfältige Möglichkeiten der unkomplizierten und bereichernden Begegnung und Unterstützung. Ob ein regelmäßiger Sonntagsbrunch, gegenseitiges Babysitting, Einkaufshilfen, der Plausch an der Haustür oder im Gemeinschaftsraum, vieles ist einfach möglich.

All das lebt immer auch von den Menschen selbst. Gerade für Familien mit Kindern ergeben sich in so einem Projekt tolle Möglichkeiten. Kinder haben Spielgesellen, ohne auf Eltern-Taxis zurückgreifen zu müssen. Sie haben weitere „Geschwister“ und auch andere Erwachsene, die an ihnen teilnehmen und Ansprechpartner sind. Ältere nehmen ganz selbstverständlich an der Vielfalt des Lebens teil. Auch Tausch/Sharing-Konzepte sind aufgrund der Nähe einfach umzusetzen, Car-Sharing, Gästeappartement, Waschmaschinen, aber auch Kleineres. Somit lassen sich auch nachhaltige Ansätze leichter realisieren.

So werden in Mehrfamilienhäusern gute Antworten auf gesellschaftliche Fragestellungen, wie demografischer Wandel, Vereinzelung oder soziale Spaltung gegeben. In den vergangenen Jahrzehnten wurden bereits viele Mehrgenerationenhäuser gebaut und auch in Forschungsprojekten begleitet und teilweise auch über Programme gefördert. Es zeigt sich, dass der Ansatz in vielen Häusern sehr erfolgreich umgesetzt wurde, und die Bewohner*innen sehr zufrieden sind. Aktuell sehe ich, dass Mehrfamilienhäuser – wie insgesamt gute, unterstützende Nachbarschaften – zu einer Resilienz der Bewohner auch unter derzeitigen Pandemiebedingungen beitragen.

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Das Wohnhaus in der Münchner Fritz-Winter-Straße der Wogeno eG der Arbeitsgemeinschaft Zwingel / Dilg und FÄRBINGER ROSSMY Architekten zeigt, wie Leben im Mehrgenerationenhaus geht.

Was macht ein gutes Mehrgenerationenhaus aus?

Grundsätzlich muss gesagt werden, dass Mehrgenerationenprojekte sehr unterschiedlich aufgestellt sein können, von der Größe, von der Organisationsform auch von den Zielsetzungen. Und die Unterschiedlichkeit hat auch ihre Berechtigung.

Größere Projekte bieten die Möglichkeit, dass sich gemeinsame Infrastruktur, wie ein Gästeappartement oder ein Gemeinschaftsraum besser wirtschaftlich tragen. Auch können hier leichter Kooperationen mit z.B. sozialen Trägern geschlossen werden, und z.B. eine Pflege- oder Demenz-WG im Haus etabliert werden. Es gibt aber auch sehr engagierte kleine Projekte, die z.B. die Eltern-Kind-Gruppe organisieren und auch Plätze für Kinder aus dem Stadtteil anbieten. Hier sind oft starke Selbstorganisation und Selbstverwaltung zu finden. Dies ist aber abhängig von den Menschen und auch ihren Möglichkeiten.

Schön ist, wenn sich die Projekte in den Stadtteil öffnen, z.B. mit einem Nachbarschaftscafe oder Angeboten wie ein Quartiersladen in der Münchner Fritz-Winter-Straße der Wogeno eG (s. Bilder).

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Was sehen Sie als einen Nachteil von Mehrgenerationenprojekten an?

Es tut der Bewohnerschaft gut, wenn klare, transparente Strukturen vorhanden sind und gelebt werden. Wenn klar ist, wer was übernimmt. Bestimmtes kann sich natürlich frei ergeben, aber gemeinschaftliche Infrastruktur muss gemeinsam getragen werden. Projekte organisieren das wiederum unterschiedlich, und es kann unterschiedlich gelingen. Mit einer kleinen Stelle, die als Hausmeister geschaffen wird, mit bestimmten Stunden oder Bereichen in die sich jeder einbringt, oder auch mit „professionellen“ Lösungen, die noch eine Anbindung an Mitbestimmung der Bewohnerinnen haben. Wenn diese Strukturen fehlen und auch das Bewußtsein dafür, dann kann es schwierig werden.

Auch empfehlen sich klare Rückzugsräume und ggfs. Absprachen. Die gute Differenzierung zwischen privaten und (halb-)öffentlichen Räumen wird auch durch eine gute Architektur ausgebildet. Wer allerdings einfach keine Lust auf Nachbarschaft hat, der muss auch nicht in einem Mehrgenerationenhaus leben.

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Wo geht Ihre Arbeit über Mehrgenerationenprojekte hinaus?

Mich interessiert immer auch der weite Blick – der Zusammenhang mit gesellschaftlichen Entwicklungen und auch Rahmenbedingungen, wie z.B. der wohnungspolitische Kontext. Seit den 90ern beschäftige ich mich mit Projekten, die das gemeinschaftliche Wohnen umsetzen. Der bauliche Kontext hat sich seitdem geändert, indem sich Bauen immer mehr ökologischen Themen verpflichtet hat und verpflichten musste. Insbesondere seit der Finanzkrise sind Wohnungsbau, Grund und Boden immer mehr in einen internationalen Anlagewettbewerb und -Druck geraten. Wir erleben hier Entwicklungen, insbesondere durch starke Preissteigerungen und knappes Angebot an Wohnraum in deutschen Ballungszentren, die eben auch massiv auf das persönliche Leben der Einzelnen und ihre Entwicklungsmöglichkeiten einwirken.

In Städten, wo der Grund- und Boden sehr teuer ist, können großteils ehrenamtliche Ansätze oft nicht mehr umgesetzt werden. Hohe Grundstücks- und Baukosten legen hohen Druck auf den späteren Betrieb von gemeinsamer Infrastruktur, und erschweren auch massiv eine Mischung der Bewohner*innenschaft. Genau das ist aber für Mehrgenerationenprojekte wichtig, dass sie auch für breite Schichten der Bevölkerung leistbar sind. Deshalb spannen Länder und Kommunen unterstützende Rahmen auf, wie Förderprogramme oder besonderer Grundstücksvergaben und Kooperationen. Wir sehen hier auch wie Genossenschaften mit ihrem Ansatz der Selbstorganisation und Selbsthilfe wieder gemeinschaftliche Wohnprojekte verwirklichen.

Vielen Dank für das Interview, Frau Bürmann!

Achim Pilz spricht im Interview mit Katja Bürmann über das Leben im Mehrgenerationenhaus.
Bild: Carl Bürmann

Das Interview mit Katja Bürmann führte Achim Pilz.