Die produktive Stadt – Vision der Zukunft

Die produktive Stadt der Zukunft – diese Vision setzte Marc Rieser im Rahmen seiner Masterarbeit in einem umfangreichen Projekt um – und gewann dafür den ersten Platz im Europan 15 Wettbewerb.

Der Fokus für eine nachhaltige Stadtplanung liegt dabei auf einer durchmischten und vielfältigen Nutzung, einer ökologischen Quartiersentwicklung und der Schaffung von Synergieeffekten. Anhand von vier Beispielen im Bergischen Land zeigt Marc Rieser die Umsetzbarkeit seiner Vision auf.

In diesem Artikel:

  1. Die Vision der produktiven Stadt
  2. Grundsätze der produktiven Region
  3. Maßnahmen auf Ebene der Quartiersentwicklung
  4. Beispiele für produktive Stadtregionen

Ein Gastbeitrag von Marc Rieser.

Die Vision der produktiven Stadt

Das Konzept ‚the productive region‘ verfolgt das Ziel der Darstellung des Verlaufes von der regionalen Strategie über die Adaption in ein städtebauliches Konzept bis hin zur exemplarischen Implementation des Konzeptes in den Quartieren der jeweiligen Standorte. Das Programm soll auf der regionalen Ebene erste Leitplanken für die zukünftige kooperative Planung bieten. Auf der städtebaulichen Ebene geht es schließlich um die individuelle Auseinandersetzung mit den jeweiligen Standorten und deren standortspezifischen Talenten in Verbindung mit dem anpassungsfähigen Konzept.

Das Konzept umfasst vier Maßnahmen-Cluster:

  1. konkrete räumliche Maßnahmen im Quartier (SPACE)
  2. vielfältige Belebung dieser Räume (LIFE)
  3. ökologische und nachhaltige Entwicklung der Quartiere (ECOLOGY)
  4. Maßnahmen, die den Zugang zu den geschaffenen Qualitäten ermöglichen (MOBILITY).

Durch eine genaue Auseinandersetzung mit den jeweiligen Gebieten und eine darauf aufbauende Skalierung der Maßnahmen-Cluster soll so eine gleichwertige Qualität mit individuellem Charakter an allen Standorten der Region erreicht werden.

Hinzu kommen Prozesse, die Synergien innerhalb der Quartiere schaffen und optimieren. Die Bestandteile an sich bauen aufeinander auf und funktionieren durch ihre Synergien am produktivsten. Allerdings kann und muss sich das Konzept flexibel und resilient für Veränderungen aufstellen. So ist eine Entwicklung in mehreren Phasen mit jeweils einer neuen bedarfsgerechten Skalierung der Maßnahmen-Cluster notwendig.

Grundsätze für eine produktive Region

Think as one region, not as many cities

Für eine effiziente Umsetzung der Gesamtplanung ist es von höchster Priorität sich als gemeinsame Region zu verstehen und dementsprechend zu handeln. Um eine nachhaltige Sicherung der gesamten Region zu gewährleisten, müssen Entwicklungen regional betrachtet und bewertet werden. Danach folgt die individuelle Umsetzung auf den jeweiligen Standorten. Diese beinhalten neben Mobiltätsthemen auch die strategische Raumentwicklung für Gewerbe- , Wohn-, und Landschaftsflächen. Darüber hinaus sind soziale Themen, wie die Verteilung von Kultur- oder Bildungseinrichtungen, zu berücksichtigen.

Boost & demand

Auf Grund der massiven Wohnungsnot werden in Großstädten wie Köln und Düsseldorf viele produzierende Gewerbe aus der Stadt verdrängt. Diese Gewerbe gilt es zu akquirieren und in die Region zu integrieren. Junge und innovative Unternehmen müssen gefördert werden, um ihnen zum einen eine Möglichkeit zu geben, aber auch um sie in der Region zu halten. Dies benötigt Raum sowie Infrastruktur. Große und finanzstarke Unternehmen springen gerne auf einen gut fahrenden Zug auf; sie sollten sich jedoch auch an der Entwicklung der Region beteiligen.

Urbanity for every scale

Urbanität wird oft mit einer hohen Einwohnerdichte im städtischen Kontext verstanden. Geprägt wurde dieser Begriff durch das Leitbild ‘Urbanität durch Dichte’. Im modernen Kontext geht es jedoch vielmehr um die lebendige Vielfalt an kulturellen und sozialen Einrichtungen sowie diverse Angebote für Bildung, Arbeit und Wohnen. All jenes soll in den unterschiedlichsten Synergien koexistieren. Das bedeutet für die Region eine skalierbare und maßstabsgetreue Umsetzung dieser Urbanität auf städtischer und ländlicher Ebene. Dazu gehören neben der individuellen Möglichkeit der Raumnutzung auch ein flächendeckender Zugang zum technologischen Standard.

Develop networks & Circulations, on every level

Der Übergang von einer linearen Wirtschaft hin zu einer Kreislaufwirtschaft schont in erster Linie den Ressourcenverbrauch. Darüber hinaus verbindet diese auch unterschiedlichste Teilnehmer lokal und regional miteinander und bestärkt zudem eine dezentrale Versorgung. Dies benötigt ein Zusammenspiel aller Akteure auf den unterschiedlichen Ebenen. Hierzu gehört auch die Sensibilisierung für das Bewusstsein der Kreislaufwirtschaft, sowohl bei den Unternehmen als auch bei den Bewohnern der Region. Eine nicht mindere Hauptrolle nimmt hierbei auch die Mobilität ein; diese muss regional abgestimmt sein, damit eine effiziente Etablierung von Alternativen stattfinden kann.

Homogeneous heterogeneity

Regionales Denken in Kombination mit lokalen Eigenschaften lässt eine gleichmäßig nachhaltige, faire aber dennoch durch eine Variation an Eigenarten geprägte und attraktive Region entstehen. Diese ausgeglichene Diversität sollte vom regionalen Maßstab bis hin in das Quartier mit dessen Milieus, Nutzungen und Bebauungen gedacht werden. Monofunktionale Strukturen sind komplett zu vermeiden.

Innovative thinking & supporting innovative thoughts

Innovatives Planen sollte Grundstein einer zukunftsfähigen Region sein. Auch hierbei sind regionale Themen wie Mobilität, Nachhaltigkeit oder Soziales im Fokus. Darüber hinaus sollte auch die Möglichkeit bestehen, dass sich Einzelpersonen oder Gruppen innovativ engagieren können. Dies benötigt meist Raum und Infrastruktur, die dafür geben sein sollte.

Bring together what belongs together

“Unterschiede ziehen sich an”, “Gleich und gleich gesellt sich gern”; Wie man sieht, gibt es keine feste Regel, wer wie zusammen passt. Dies sollte individuell für jeden Standtort ermittelt werden, um Synergien zwischen Nutzern und/oder Nutzungen herzustellen. Beispielhaft können durch die Kombination von Thinkers & Makers in einem gemeinsamen räumlichen Element sowohl die Produktivität erhöht als auch soziale Differenzen minimiert werden.

Know your identity

Wer als Region voran denkt sollte sich seiner lokalen Identität bewusst sein. Das Bergische Land und seine Städte und Dörfer besitzen viel Charisma sowie die unterschiedlichsten räumlichen Charaktere. Diese sind zu bewahren, zu integrieren und aufzuzeigen. Dazu gehören neben räumlichen ebenso soziale Strukturen, die auch außerhalb des Planungsraumes zu berücksichtigen sind.

Vom strategischen Ansatz auf der Ebene der Region stellt sich anschließend die Frage: wie bringt man diese übergeordnete, informelle Vorgehensweise in einen konkreten räumlichen Bezug, der für die Neu- und Umentwicklung von Transformationsflächen von Bedeutung ist. Da wir uns auf der Ebene der Quartiersentwicklung befinden, geht es hierbei um präzise und überzeugende städtebauliche bis architektonische Maßnahmen.

Maßnahmen auf Ebene der Quartiersentwicklung

SPACE

Menschen prägen Räume, Räume prägen Menschen. Der räumliche Input befasst sich konkret mit der gebauten Umwelt und deren Wirkung. Dabei geht es nebst unterschiedlichen Raumangeboten auch um den richtigen Maßstab, Management und um die Zugänglichkeit.

Space als Aspekt der produktiven Stadt

LIFE

Produktivität in städtischen Räumen und Quartieren darf nicht als Produktionskette verstanden werden, bei der am Ende ein materielles Ergebnis steht. Vielmehr geht es um eine produktive und effiziente Ausnutzung jeglicher Räume durch unterschiedlichste Aktivitäten, die in Symbiose miteinander koexistieren.

Life als Aspekt der produktiven Stadt

ECOLOGY

Der ökologische Input des Konzeptes befasst sich mit den Wechselwirkungen zwischen den unterschiedlichen Nutzern, Nutzungen sowie deren Umwelt. Dabei stehen insbesondere die Kreisläufe innerhalb eines Quartiers im Fokus. Ein Fokus liegt dabei auf Klima, Energie, Wasser-, Ressourcen- und Abfallmanagement, Nahrungsproduktion und die Wertschätzung der bestehenden Natur.

 

Ecology als Aspekt der produktiven Stadt

MOBILITY

Sowohl die Art des Wohnens und Arbeitens als auch die Ansprüche an die Fortbewegung sind im Wandel – Mobilität muss neu definiert werden. Weg von einer autoorientierten Planung hin zu einer multimodalen Mobilität mit flexiblen Alternativen. Dabei muss jeder Nutzer barrierefrei inkludiert sein. Die Mobilität muss dabei flächendeckend und nachfrageorientiert zugänglich sein.

Mobility als Aspekt der produktiven Stadt

SPACE, LIFE, ECOLOGY und MOBILITY beschreiben in diesem Konzept den Input für eine produktive Stadt. Dabei wurden diese vier Maßnahmencluster ortsungebunden entwickelt. In den folgenden Schritten werden diese Maßnahmencluster auf die bestehenden Strukturen der jeweiligen Standorte und deren angedachte, zukünftige Entwicklung angepasst sowie skaliert.

Beispiele für produktive Stadtregionen

Die Interpretation der Maßnahmencluster und die daraus folgende konzeptionelle Vision soll kein Baukasten-Prinzip darstellen, welches sich durch das Heraussuchen geeigneter Maßnahmen universell anwenden lässt. Vielmehr soll es dabei um die richtigen Impulse für die Entwicklung der Quartiere in der Region gehen und aufzeigen, welche Schwerpunkte von besonderer Bedeutung sind. Die Maßnahmencluster als solche müssen adaptiv und resilient für Veränderungen und Weiterentwicklungen sein.

1. Die produktive Stadt: Solingen

Die produktive Stadt: Solingen

Ein Gebiet, was schon seit je her Produktivität verkörperte, muss sich nun im Zuge einer Transformation neu strukturieren. Der bestehende Industriecharme soll Grundlage der Planung sein und mit modernen baulichen Ergänzungen und dem Einzug von kleinteiligem lokalen Gewerbe das Quartier mit Leben füllen. Der zusätzlich geschaffene, divergente Wohnraum und die attraktiven Außenräume sorgen für eine Lebensqualität, die durch die ökologischen Prozesse nachhaltig gesichert und durch das Mobilitätsangebot für jeden erschlossen wird.

Ein Blick ins Viertel: die produktive Stadt Solingen
Solingen als produktive Stadt: ein Blick ins Viertel

Bei der Planung wird der geschichtliche Hintergrund berücksichtigt und durch die Erhaltung einzelner baulicher Strukturen verdeutlicht. Die Strukturen werden jedoch neu und kleinteiliger gegliedert. Durch moderne Architektur werden sie ergänzt, sodass eine zeitgemäße Produktion zusammen mit diversen Lebens- und Wohnformen ein neues urbanes Quartier entstehen lässt. Hochwertige Außenräume bieten zum einen qualitativen Zugang zur Naherholung, stehen darüber hinaus aber auch – zusammen mit einem individuellen Mobilitätskonzept – für eine nachhaltige, produktive Stadtentwicklung.

Raumplanung für Solingen als produktive Stadt

Der neu entwickelte Quartiersgrundriss von Solingen

Das Konzept versucht so vielen diversen Raumansprüchen wie möglich gerecht zu werden. Der neu entwickelte Quartiersgrundriss wird schrittweise und adaptiv umgesetzt. Dadurch kann er eine Vielzahl von Wohn- und Arbeitsformen etablieren und miteinander vereinbaren. Die neugeschaffene Architektur integriert sich in die erhaltenen Bestandsbauten und stellt dabei einen ansehnlichen Kontrast dar. Die ehemaligen Produktionshallen werden umfunktioniert und sind zukünftig durch ihre flexiblen Strukturen multifunktional nutzbar.

Die Produktion soll weiterhin ein Teil des Areals bleiben und für die Nutzer des öffentlichen Raums spür- und sichtbar sein. Multifunktionale Flächen bieten nicht nur Platz für die gewerbliche Nutzung, sondern können auch für gesellschaftliche Aktivitäten genutzt werden. Der öffentliche Raum bietet eine hohe Aufenthaltsqualität und unterschiedliche Möglichkeiten der aktiven Aneignung – für jede Altersgruppe. Durch die hohe Nutzungsvielfalt und -Dichte ermöglicht das Quartier eine Erfüllung der alltäglichen und auch speziellen Bedürfnisse.

Die zu einem Park umgewandelte Produktionshalle im Zentrum stellt die neue Lunge des Quartiers dar. Sie sorgt zusammen mit den anderen kleinteilig verteilten Grünflächen für ein angenehmes Mikroklima und einen qualitativen Zugang zur Naherholung. Neben der Begrünung von Dächern und Fassaden kann so auch eine lokale Lebensmittelproduktion stattfinden. Durch die räumlich dichte Vereinbarung von Produktion und Wohnraum können bereits auf Gebäudeebene Synergien hinsichtlich des Energiemanagements entwickelt werden.

Bedingt durch die Nutzungsdiversität gehört der logistische Verkehr mit zum Quartier, wird aber auf kleine, elektrische und möglichst geteilte Fahrzeuge reglementiert. Durch eine Konzentration von Parkflächen (samt Umstiegsmöglichkeiten) wird das Auto weitestgehend aus dem Areal gehalten und begünstigt damit den Fuß- und Radverkehr. Für private und geteilte Fährräder bestehen Parkmöglichkeiten sowie Ladestationen.

 

2. Die produktive Stadt: Hilden

Die produktive Stadt: Hilden

Der Standort Hilden umfasst eine gut angebundene Blockrandbebauung samt Innenbereich. Durch die attraktive Lage bietet sich dieses Gebiet zur Nachverdichtung für Wohnraum an. Die bereits heutige, stark kleinteilige Nutzung des Innenbereiches verdeutlicht darüber hinaus auch den Bedarf an Nutzflächen für unterschiedliche private und gewerbliche Tätigkeiten. Zukünftig soll hier ein ökologisches und lebhaftes Quartier für diverse Wohn- und Arbeitsformen entstehen.

Blick ins Viertel: die produktive Stadt Hilden
Hilden als produktive Stadt: ein Blick ins Viertel

Der Entwurf bietet die Möglichkeit einer Optimierung der bestehenden Strukturen und Nutzungen mit einer charakteristischen Ergänzung – besonders hinsichtlich wohnungsnahen Grün- und Freiflächen.

 

Raumplanung für Hilden als produktive Stadt

Räumlich orientiert sich der Entwurf an den bestehenden Strukturen und verbindet die Blockrandbebauung mit der intensiven kleinteiligen Nutzung der Erdgeschosszone. Zwei- bis dreigeschossige Bebauungen mit vereinzelten Hochpunkten sorgen zusammen mit einer durchmischten Architektur für eine attraktive Nachverdichtung. In der Erdgeschosszone konzentriert sich die gewerbliche Nutzung und sorgt so für eine erlebbare Produktion an der Schnittstelle zum öffentlichen Raum. In den darüber liegenden Geschossen wird bedarfsgerecht Wohnraum geschaffen.

Neben den unterschiedlichen Raumangeboten für kleine Unternehmen bestehen darüber hinaus auch Flächen zur gemeinschaftlichen Nutzung, beispielsweise Co-Working Büros. Diese lassen sich gut mit anderen Nachbarschaftsangeboten wie Cafés oder Gemeinschaftsräumen verbinden und aktivieren so den neugeschaffen öffentlichen Raum. Die Durchquerungsmöglichkeit des Quartiers lädt die umliegende Nachbarschaft zur Teilnahme ein. Gemeinschafts- und Dachgärten bieten zusätzliche Flächen für die Quartiersbewohner.

Erhöhung der Grünflächen in Hilden

Neben der baulichen Nachverdichtung wird der Anteil an Grünflächen deutlich erhöht. Auch Fassaden und Dachflächen bieten sich zur Begrünung oder zur kleinteiligen Nahrungsmittelproduktion an. Das neugeschaffene Parkhaus schließt die Baulücke hin zur Bahn. Damit sorgt es sowohl für eine Verminderung der Immissionen als auch für eine Aufwertung des Mikroklimas.

Mit dem direktem Anschluss an den ÖPNV ist das Quartier optimal angebunden. Das neue Parkhaus bietet die Möglichkeit, das Auto weitestgehend aus dem Blockinnenbereich zu entfernen und dieses zusammen mit Sharing-Angeboten an einem Ort zu konzentrieren. Dadurch kann der Fokus im weiteren Gebiet auf die Qualifizierung des öffentlichen Raums gelegt werden. Besonders der fußläufige Verkehr kann davon profitieren und barrierefrei ermöglicht werden. Mehrere ebenerdige und gesicherte Fahrradgaragen begünstigen dazu den Umstieg auf das Fahrrad.

3. Die produktive Stadt: Ratingen

Die produktive Stadt: Ratingen

Das Plangebiet in Ratingen befasst sich mit einem 46 Hektar großem Gewerbegebiet im Anschluss an die Innenstadt. Durch einen neuen Bahnhaltepunkt soll sich der Standort prozesshaft neu definieren und attraktiv für innovative Unternehmen aufstellen. Dabei soll sich das Plangebiet prototypisch so entwickeln, dass wohnen und arbeiten miteinander vereinbar ist. Darüber hinaus berücksichtigt es ökologische und soziale Belange über die Gebietsgrenzen hinaus.

Blick ins Viertel: die produktive Stadt Ratingen
Ratingen als produktive Stadt: ein Blick ins Viertel

Der Entwurf betrachtet in erster Linie das vom neuen Bahnhof ausgehenden Potenzial. Dieser Raum steht als Keimzelle einer allmählichen und sukzessiven Entwicklung für das gesamte Gebiet. Strukturell soll sich das Gelände von der großen Monofunktion hin zu einem kleinteiligen, durchmischten Gebiet entwickeln. Langfristig soll so ein innovativer Gewerbestandort entstehen, der nicht nur seinen Bewohnern und Nutzern, sondern auch den umliegenden Nachbarschaften einen Zugang zu urbanen und ökologischen Qualitäten bietet.

 

Raumplanung für Ratingen als produktive Stadt

städtebaulicher Grundriss von Ratingen

Der städtebauliche Grundriss wird durch eine kleinteilige und flexible Grundstückseinteilung neu definiert. Dieser soll es Unternehmen ermöglichen, sich dynamisch zu entwickeln. Baulich wird das Gebiet ein durchmischtes Angebot für unterschiedliche Raumansprüche stellen. Dabei setzt das Konzept auf die angedachten Synergien zwischen den neuen und bestehenden Nutzern. Gemeinschaftlich genutzte Flächen sparen Ressourcen und fördern die produktive Interaktion.

Mit dem Thinkers & Makers Campus wird Ratingen ein innovativer Bildungsstandort für Studenten und Auszubildende, die mit- und voneinander lernen sollen. Zusätzlich bietet sich hier die Möglichkeit zur intensiven Kooperation mit ansässigen und neuen Unternehmen. Dabei ist die Freizeitgestaltung aller Nutzer von besonderer Bedeutung für die Gestaltung. Sport-, Kultur- und gesellschaftliche Angebote beleben den Raum und bieten dabei auch den umliegenden Bezirken einen qualitativen Anlaufpunkt.

In einer produktiven Stadt werden ungenutzte Flächen neu genutzt

Ehemals untergenutzte Flächen wie die zentrale Parkfläche und Parkanlage werden zukünftig qualifiziert und haben dabei eine besondere Bedeutung für die Retention. Multifunktionale Grün- und Sportflächen sollen sowohl natürlich, als auch baulich einen geregelten Umgang mit dem anfallenden Niederschlag ermöglichen. Nebst Dach- und Fassadenbegrünung kann lokaler Nahrungsmittelanbau großflächig (gemeinschaftlich und gewerblich) etabliert werden. Temporäre Flächen bieten die Möglichkeit zur Erforschung von innovativen Lösungen für eine nachhaltige Zukunft.

Durch die neue Bahnstation ergibt sich ein völlig neues Potenzial für das Areal. Die Haltestelle wird ausgestattet mit einem Mobilitätshub, der mit einem Parkhaus für Fahrrad, PKW, Sharing-Angeboten sowie Ladenmöglichkeiten optimal für eine multimodale Nutzung ausgestattet ist. Die bestehende Rad-und Fußgängerbrücke wird mit einer leicht befahrbaren Rampe und einem daran anschließenden Radschnellweg erweitert. Sie schafft so eine attraktive Verbindung zwischen den unterschiedlichen Stadtteilen.

4. Die produktive Stadt: Wülfrath

In Wülfrath-Düssel wird das Konzept in einem ländlichen Kontext umgesetzt. Dabei geht es um die nachhaltige Entwicklung einer Ortserweiterung auf der grünen Wiese, die behutsam mit den vorhandenen baulichen, landschaftlichen sowie sozialen Strukturen umgeht. Dabei wird das Quartier bedarfsgerecht mehr als nur Wohnraum bieten und den ländlichen Raum attraktiv für kleine und lokale Unternehmen machen. Bewohner und Nutzer können den Raum und die umgebende Natur attraktiv erleben und sorgen so zu einer skalierten Urbanität im ländlichen Raum.

Ein Blick ins Viertel: die produktive Stadt Solingen
Solingen als produktive Stadt: ein Blick ins Viertel

Der Entwurf sieht eine Dorferweiterung vor, die sich verantwortungsvoll mit der Besonderheit des Bauens auf der grünen Wiese befasst. Der dörfliche Charakter soll aufgegriffen und behutsam aber modern weiterentwickelt werden. Das neue Quartier wird ein vitaler Treffpunkt für neue und alte Bewohner. Er soll bedarfsgerecht mit einer Vielzahl von sozialen Einrichtungen die Interaktion fördern. Mit zusätzlichen Arbeitsangeboten wird vermieden, dass sich das Dorf zu einer Schlafstätte entwickelt. Dabei soll die umgebende Landschaft Teil des Dorfes bleiben.

 

Raumplanung für Wülfrath als produktive Stadt

Wülfrath als produktive Stadt

Räumlich orientiert sich die Planung des Neubaugebietes an der bestehenden Morphologie des Dorfes. Sie wird dabei neu und unter nachhaltigen Gesichtspunkten interpretiert. Eine größtenteils ein- bis zweigeschossige Bauweise ermöglicht so eine Dichte, die dem Ort nicht fremd ist aber dennoch dem Bauen auf der Grünen Wiese gerecht wird. Flexible Wohn- und Arbeitsräume und unterschiedliche Finanzierungsoptionen sorgen für eine diverse Nutzung des Quartiers.

Der Schwerpunkt hier ist die soziale Interaktion der neuen Bewohner untereinander und mit der bestehenden Bewohnerschaft. Kleinteilige Produktionen – Home Offices, Co-Working Spaces sowie kleine Werkstätten und Manufakturen – bieten Platz zur Produktivität. Gemeinschaftsflächen und -räume etablieren ein Angebot zur Freizeitgestaltung und fördern das Zusammenleben. Das Gebiet soll auch für ansässige Bewohner Alternativen bieten, die ihre Ansprüche an den Wohnraum neu definieren möchten.

Durch den entstehenden Flächenverbrauch gilt es das Quartier besonders umweltschonend zu entwickeln. Eine optimierte bauliche Dichte kann den Versieglungsgrad gering halten und so der Natur den Einzug ermöglichen. Die erlebbare Landschaft und deren produktive Nutzung, beispielsweise durch Gemeinschaftsgärten, sorgt für ein nachhaltiges Bewusstsein. Das Plangebiet selbst liegt in einer nach Süden fallenden Hanglage und bietet somit die besten Voraussetzungen für die Energiegewinnung durch Photovoltaikanlagen.

Zwar bietet der neue Bahnhof enormes Potenzial, er muss aber durch weitere Angebote besser erschlossen werden. Ein neuer Radschnellweg mit Fahrradbrücke erschließt das Quartier für den lokalen sowie regionalen Radverkehr. Im Quartier selbst setzt man auf verkehrsberuhigte Bereiche und quartierseigene Sharing-Angebote. Moderne Technologie bringt Pakete bis vor die Haustür oder zum MobilityHub. Körperlich eingeschränkte Nutzer bekommen durch autonome Busse on-demand einen Zugang zur Mobilität.

Die produktive Stadt: Synergien zwischen Akteuren und Umwelt

Daily life system

Das Daily Life System basiert auf der Komprimierung diverser Angebote an bestimmten Schnittstellen, sogenannten Hubs, und einer Verknüpfung durch das Mobilitätsangebot. Durch die unterschiedlichsten Ansprüche der Nutzer an diese Schnittstellen bieten die Hubs verschiedene Möglichkeiten. Die kleinsten Bestandteile dieses Systems sind die Räume mit individuellen Ansprüchen, wie der Wohnraum. Dieser wird jeden Tag von den Nutzern frequentiert. Der nächst größere Baustein ist der CommunityHub. Hier werden Ansprüche der umliegenden Nachbarschaft aufgegriffen, wie zum Beispiel der Zugang zu Shared Mobility Angeboten oder Co-Working Räumen mit einer ganztägigen Kinderbetreuung.

Der größte Baustein ist der DistrictHub, welcher eine Anlaufstelle für das ganze Quartier ist. Hier werden Belange konzentriert offeriert, die zwar von vielen frequentiert werden aber nicht zwingend täglich benötigt werden. Der Hub ist ein Treffpunkt für das gesamte Quartier und bietet Raum für gemeinsame Aktivitäten. Hier soll zudem das Parken konzentriert werden, damit der Rest des Quartiers frei von Parkflächen bleibt. Damit dies funktionieren kann, wird auch hier der Umstieg auf Shared-Mobility-Angebote ermöglicht.

Die produktive Stadt: darstellung des daily life systems

Urban metabolism

Durch die Vereinbarung von unterschiedlichen Nutzungen in einem dichten Raum ergeben sich neue Optionen hinsichtlich des Ressourcenmanagements. Es ergeben sich prozessuale Synergien, die sich optimal in eine zirkuläre Kreislaufwirtschaft integrieren lassen. Das Prinzip des urban metabolism befasst sich mit den Stoffwechselvorgängen in den urbanen Räumen. Der urbane Raum und dessen Nutzer werden dabei als autarkes Ökosystem gesehen. Dieses besteht aus diversen Konsumenten und Produzenten. Produzierte Ressourcen werden dem Kreislauf hinzugefügt sowie auf unterschiedliche Weisen konsumiert.

Dabei entstehen oftmals neue Ressourcen, die in den Kreislauf zurückgeführt werden und somit anderen Nutzern zur Verfügung stehen. So ergibt sich ein System, das durch technische, natürliche sowie soziale Infrastrukturen nur minimal bis gar nicht auf äußere Einflüsse angewiesen ist. Durch die optimale Nutzung und den stetigen Austausch der Ressourcen werden der Verbrauch minimiert und Abfallprodukte vermieden.

urban metabolism der produktiven Stadt

Text und Bilder: Marc Rieser

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