Baustoffe neu denken: Lösungen bei Materialknappheit

arrangierte wiederverwendete Baustoffe auf neutralem Hintergrund, alte Ziegel, Holzstücke, Glas, Metallprofile und Betonbruch. eine Hand hält prüfend einen alten Ziegel
Foto: KI-generiert

Der wichtigste Baustoff der Zukunft ist vielleicht längst verbaut. In Häusern, Hallen, Brücken und Quartieren lagern enorme Mengen an Holz, Stahl, Beton, Ziegeln, Glas und Metallen – Materialien, die bisher oft als Abbruchmasse enden, künftig aber zur Rohstoffquelle werden könnten.

Denn Materialknappheit ist nicht nur ein vorübergehendes Lieferkettenproblem. Sie verweist auf eine grundsätzliche Schwäche des Bauens: Die Branche ist stark abhängig von Primärrohstoffen, energieintensiver Produktion und globalen Märkten. Zugleich steigen die Anforderungen an Klimaschutz, Ressourcenschonung und bezahlbares Bauen.

Gefragt sind deshalb neue Materialstrategien: nachwachsende Rohstoffe, Recycling-Baustoffe, Urban Mining und digitale Materialpässe. Sie machen Gebäude als Materialdepots nutzbar – und eröffnen Wege zu einer Bauwirtschaft, die robuster, regionaler und zukunftsfähiger wird.

In diesem Beitrag:

  1. Materialknappheit: Zwischen Entspannung und Unsicherheit
  2. Materialstrategien für eine krisenfeste Bauwirtschaft

Christian Schaar
Fachautor CRADLE und Geschäftsführer der S2 GmbH

Materialknappheit: Zwischen Entspannung und Unsicherheit

Der Zementpreis ist zwischen Januar 2021 und März 2025 um nahezu 60 Prozent gestiegen.
Foto: Pexels/Sururi Ballıdağ Director

Wer heute baut, plant nicht nur mit Entwürfen, Terminen und Budgets – sondern immer auch mit der Frage, wie verlässlich Materialien verfügbar sind. Die extremen Lieferengpässe der vergangenen Jahre haben sich zwar vielerorts entspannt. Doch die Erfahrung bleibt: Materialknappheit zeigt, wie abhängig die Bauwirtschaft von Primärrohstoffen, energieintensiver Produktion und globalen Lieferketten ist.

Die Preise für wichtige Baustoffe reagieren empfindlich auf äußere Einflüsse. Besonders betroffen bleiben energieintensive Materialien wie Zement und Stahl. Holz hat sich dagegen stabilisiert, reagiert aber weiterhin sensibel auf Nachfrageschwankungen.

Die Ursachen der Materialknappheit sind vielschichtig. Während der Pandemie sorgten Produktionsstopps und Personalausfälle zunächst zu erheblichen Rückständen. Heute sorgen geopolitische Spannungen, wie der Ukraine- oder Irankrieg, für Störungen bei Energieversorgung, Transport und Rohstoffhandel.

Hinzu kommen strukturelle Faktoren. Hohe Energiepreise verteuern die Herstellung wichtiger Werkstoffe. Abhängigkeiten von wenigen Lieferländern erhöhen die Anfälligkeit für Störungen. Parallel dazu steigt die Nachfrage nach bestimmten Baustoffen, etwa durch den Ausbau erneuerbarer Energien oder Infrastrukturprojekte.

Das hat tiefgreifende Auswirkungen. Die Materialkosten haben die Baupreise über mehrere Jahre hinweg deutlich steigen lassen. Projekte verzögern sich, weil Lieferungen ausbleiben oder sich verschieben.

Materialstrategien für eine krisenfeste Bauwirtschaft

Die anhaltenden Unsicherheiten bei Preisen, Verfügbarkeiten und Lieferketten machen deutlich, dass kurzfristige Anpassungen allein nicht ausreichen. Gefragt sind strukturelle Ansätze, die Materialströme neu denken und Abhängigkeiten reduzieren. Eine krisenfeste Bauwirtschaft braucht geschlossene Kreisläufe, regionale Baustoffe und verlässliche Daten. Verschiedene Konzepte zeigen bereits, wie sich Ressourcen effizienter nutzen und langfristig sichern lassen.

1. Biobasierte Baumaterialien

Außenansicht des Eckgebäudes: ästhetisch ergänzt das Haus in massiver Holzbauweise das Stadtbild
Die Architekten von ASUNA errichteten in Leipzig ein Wohn- und Geschäftshaus in massiver Holzbauweise. Nur der Treppenhauskern und die Fundamente sind als Stahlbetonkonstruktion ausgeführt.
Foto: Peter Eichler

Nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Hanf, Stroh oder Lehm sind hier als Erstes zu nennen. Sie bieten nicht nur eine Alternative zu energieintensiven Baustoffen, sondern gelten als zentraler Baustein für die Dekarbonisierung des Bauwesens. Studien zeigen, dass naturbasierte Materialien einen entscheidenden Beitrag leisten können, da sie CO2 binden, regional verfügbar sind und eine deutlich günstigere Klimabilanz als konventionelle Materialien wie Beton oder Stahl aufweisen. Kurze Transportwege stärken regionale Wirtschaftskreisläufe und erhöhen die Versorgungssicherheit. Darüber hinaus verbessern viele Naturstoffe das Raumklima und die Bauphysik.

2. Sekundärbaustoffe

Recycling-Beton wird aus aufbereitetem Bauschutt hergestellt.
Foto: Julia Bergmeister

Neben nachwachsenden Baustoffen gewinnen Recycling-Materialien an Bedeutung. Ziel ist es, bereits vorhandene Stoffe im Kreislauf zu halten und sinnvoll wiederzuverwenden. In Deutschland fallen jährlich über 200 Millionen Tonnen mineralische Bauabfälle sowie etwa 10 Millionen Abbruchziegel an, die als Rohstoffquelle genutzt werden können:

  • Recycling-Beton wird aus aufbereitetem Bauschutt hergestellt. Die so gewonnenen Zuschläge können natürliche Kiese und Splitte im Beton teilweise ersetzen. Technisch erfüllt R-Beton vergleichbare Anforderungen wie der Primärrohstoff. Er wird etwa bei tragenden Bauteilen, im Straßenbau oder bei Fundamenten eingesetzt. In diesem Gastbeitrag der Hochschule München wird erklärt, wie Betonrecycling funktioniert »
  • Recycling-Gips entsteht aus Gipsresten, die beim Rückbau vor allem durch alte Gipskartonplatten, Putzreste oder Estriche anfallen. Hierfür wird der Gips von Fremdstoffen befreit, zerkleinert und anschließend zur Herstellung neuer Gipsplatten oder als Bindemittel verwendet.
  • Ziegelabbruch kann entweder direkt wiederverwendet werden oder als Sekundärrohstoff aufbereitet werden. Voraussetzung ist ein möglichst sortenreiner Rücbau. Intakte Ziegel können erneut im Mauerwerksbau eingesetzt werden. Zerkleinerter Ziegelbruch dient zum Beispiel als Zuschlagstoff für neue Baustoffe. Gemahlener Ziegelbruch kann auch in der Produktion neuer Ziegel eingesetzt werden.
  • Glas lässt sich durch Einschmelzen nahezu verlustfrei recyceln. Im Bau wird Altglas zunächst sortiert, gereinigt und zu Glasscherben aufbereitet, die für die Herstellung neuer Glasprodukte dienen. Recyceltes Glas wird aber auch als Zuschlagstoff in Beton, als Bestandteil von Dämmstoffen oder als Granulat im Straßenbau verwendet. Da Scherben bei niedrigeren Temperaturen schmelzen, ist die Herstellung von Recycling-Glas weniger energieintensiv.

3. Urban Mining

Aussortieren von Recyklat
Alte Baumaterialien werden aussortiert und auf ihre Wiederverwendbarkeit geprüft.
Foto: Wopfinger Transportbeton

Sekundärrohstoffe und Kreislaufwirtschaft leisten einen wichtigen Beitrag zum schonenden Umgang mit Ressourcen. Eng damit verbunden ist Urban Mining. Gemeint ist damit das systematische Erfassen, Rückgewinnen und Wiedereinführen von Stoffen in den Kreislauf. Anders als die klassische Abfallwirtschaft setzt es früher an und betrachtet den gesamten Materialbestand. Ziel ist es, den Materialfluss vorausschauend zu steuern, noch bevor Werkstoffe zu Abfall werden. In diesem Beitrag erklären wir ganz konkret, wie Urban Mining funktioniert »

Vor allem im Gebäudebestand liegen erhebliche Mengen an mineralischen Baustoffen und Metallen, die künftig einen wachsenden Anteil der Rohstoffversorgung übernehmen können. Der Nutzen ist vielfältig. Urban Mining spart Primärrohstoffe und schont die Umwelt, da weniger Energie für die Herstellung gebraucht wird. Zudem fördert Urban Mining die regionale Wirtschaft. Die Rohstoffquellen lassen sich gut einplanen und machen Lieferketten sicherer.

Die Umsetzung erfordert jedoch ein methodisches Vorgehen, das Planung, Sammlung, Transport, Aufbereitung und Zwischenlagerung einschließt. Regionale Knotenpunkte bündeln Materialströme, sichern Qualität und gewährleisten kurze Wege zwischen Rückbau und Wiedereinsatz. Ebenso entscheidend ist ein selektiver Rückbau. Nur wenn Bauteile sortenrein demontiert werden, lassen sie sich hochwertig wiederverwenden.

Lese-Tipp: Beim Umbau der Stuttgarter Fußballarena half das Unternehmen Concular dabei, Baustoffe zu identifizieren, die sich wiederverwenden lassen. Hier finden Sie die ausführliche Reportage »

4. Materialpässe und Materialkataster

Eine wesentliche Grundlage für ein funktionierendes Urban Mining sind Materialpässe und Materialkataster. Sie erfassen, welche Werkstoffe in Gebäuden verbaut sind. So dokumentieren Materialpässe Bauteile auf Gebäudeebene und enthalten Informationen zu Qualität, Herkunft, Lage, CO2-Werten und Kreislauffähigkeit. Materialkataster erweitern diesen Ansatz auf Quartiere, Städte oder Regionen und erfassen Bestände über den gesamten Lebenszyklus hinweg.

Anna Braune vor Gebäuderessourcenpass
Foto: DGNB, Collage J.Fink Verlag

Gebäuderessourcenpass: "Ziel ist 100 % Zirkularität"

Der Gebäuderessourcenpass dokumentiert, welche Materialien beim Hausbau verwendet wurden und ob sie recyclingfähig sind. Damit soll erreicht werden, dass Baustoffe besser wiederverwertet werden können. Lesen Sie hier das Interview mit Dr. Anna Braune, die den DGNB-Gebäuderessourcenpass entwickelte.

Welchen Nutzen hat der Gebäuderessourcenpass für Bauherren und Eigentümer? Hier ordnen wir die Möglichkeiten und Grenzen des Gebäuderessourcenpasses ein »

Voraussetzung dafür ist eine durchgängige digitale Erfassung: Bereits in der Planung lassen sich Daten zu den Baustoffen direkt mit BIM-Modellen verknüpfen, sodass Informationen kontinuierlich fortgeschrieben werden. Ergänzend dazu ermöglichen beispielsweise QR-Codes an Bauteilen oder digitales Tracking eine eindeutige Identifikation und Verknüpfung von Materialdaten. Online-Marktplätze ebnen Wege, um verfügbare Werkstoffe zu handeln und wieder in den Kreislauf zu bringen.

Der Mehrwert liegt vor allem darin, dass Materialien besser aufzufinden und nachverfolgt werden können. Das erleichtert nicht nur den Rückbau, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie wiederverwendet werden, statt als Abfall zu enden. Damit Pässe und Kataster ihr Potenzial entfalten, braucht es einheitliche Datenstandards, klare Zuständigkeiten und eine enge Verzahnung mit digitalen Planungsmethoden.

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