Baustoffe neu denken: Lösungen bei Materialknappheit

arrangierte wiederverwendete Baustoffe auf neutralem Hintergrund, alte Ziegel, Holzstücke, Glas, Metallprofile und Betonbruch. eine Hand hält prüfend einen alten Ziegel
Foto: KI-generiert

Knappe Baumaterialien waren in den Jahren 2020 bis 2022 ein wesentlicher Kostenfaktor, der auch Bauprojekte verzögerte. Inzwischen hat sich die Lage entspannt. Engpässe treten seltener auf, Lieferketten funktionieren zuverlässiger. Dennoch bleiben die Materialpreise hoch, Lieferzeiten schwanken und strukturelle Abhängigkeiten bestehen fort. Die sichere Versorgung mit Baustoffen ist jedoch unabdingbar für die termingerechte Fertigstellung von Gebäuden. Umso wichtiger ist ein bewusster Umgang mit Ressourcen.

In diesem Beitrag:

  1. Materialknappheit: Zwischen Entspannung und Unsicherheit
  2. Materialstrategien für eine krisenfeste Bauwirtschaft

Christian Schaar
Fachautor CRADLE und Geschäftsführer der S2 GmbH

Materialknappheit: Zwischen Entspannung und Unsicherheit

Der Zementpreis ist zwischen Januar 2021 und März 2025 um nahezu 60 Prozent gestiegen.
Foto: Pexels/Sururi Ballıdağ Director

Die Preise für wichtige Baustoffe reagieren empfindlich auf äußere Einflüsse. Besonders betroffen bleiben energieintensive Materialien wie Zement und Stahl. Holz hat sich dagegen stabilisiert, reagiert aber weiterhin sensibel auf Nachfrageschwankungen.

Die Ursachen der Materialknappheit sind vielschichtig. Während der Pandemie sorgten Produktionsstopps und Personalausfälle zunächst zu erheblichen Rückständen. Heute sorgen geopolitische Spannungen, wie der Ukraine- oder Irankrieg, für Störungen bei Energieversorgung, Transport und Rohstoffhandel.

Hinzu kommen strukturelle Faktoren. Hohe Energiepreise verteuern die Herstellung wichtiger Werkstoffe. Abhängigkeiten von wenigen Lieferländern erhöhen die Anfälligkeit für Störungen. Parallel dazu steigt die Nachfrage nach bestimmten Baustoffen, etwa durch den Ausbau erneuerbarer Energien oder Infrastrukturprojekte.

Das hat tiefgreifende Auswirkungen. Die Materialkosten haben die Baupreise über mehrere Jahre hinweg deutlich steigen lassen. Projekte verzögern sich, weil Lieferungen ausbleiben oder sich verschieben.

Materialstrategien für eine krisenfeste Bauwirtschaft

Die anhaltenden Unsicherheiten bei Preisen, Verfügbarkeiten und Lieferketten machen deutlich, dass kurzfristige Anpassungen allein nicht ausreichen. Gefragt sind strukturelle Ansätze, die Materialströme neu denken und Abhängigkeiten reduzieren. Eine krisenfeste Bauwirtschaft braucht geschlossene Kreisläufe, regionale Baustoffe und verlässliche Daten. Verschiedene Konzepte zeigen bereits, wie sich Ressourcen effizienter nutzen und langfristig sichern lassen.

1. Biobasierte Baumaterialien

Außenansicht des Eckgebäudes: ästhetisch ergänzt das Haus in massiver Holzbauweise das Stadtbild
Außenansicht des Eckgebäudes (Bild: Peter Eichler)

Nachwachsende Rohstoffe wie Holz, Hanf, Stroh oder Lehm sind hier als Erstes zu nennen. Sie bieten nicht nur eine Alternative zu energieintensiven Baustoffen, sondern gelten als zentraler Baustein für die Dekarbonisierung des Bauwesens. Studien zeigen, dass naturbasierte Materialien einen entscheidenden Beitrag leisten können, da sie CO2 binden, regional verfügbar sind und eine deutlich günstigere Klimabilanz als konventionelle Materialien wie Beton oder Stahl aufweisen. Kurze Transportwege stärken regionale Wirtschaftskreisläufe und erhöhen die Versorgungssicherheit. Darüber hinaus verbessern viele Naturstoffe das Raumklima und die Bauphysik.

2. Sekundärbaustoffe

Neben nachwachsenden Baustoffen gewinnen Recycling-Materialien an Bedeutung. Ziel ist es, bereits vorhandene Stoffe im Kreislauf zu halten und sinnvoll wiederzuverwenden. In Deutschland fallen jährlich über 200 Millionen Tonnen mineralische Bauabfälle sowie etwa 10 Millionen Abbruchziegel an, die als Rohstoffquelle genutzt werden können:

  • Recycling-Beton wird aus aufbereitetem Bauschutt hergestellt. Die so gewonnenen Zuschläge können natürliche Kiese und Splitte im Beton teilweise ersetzen. Technisch erfüllt R-Beton vergleichbare Anforderungen wie der Primärrohstoff. Er wird etwa bei tragenden Bauteilen, im Straßenbau oder bei Fundamenten eingesetzt.
  • Recycling-Gips entsteht aus Gipsresten, die beim Rückbau vor allem durch alte Gipskartonplatten, Putzreste oder Estriche anfallen. Hierfür wird der Gips von Fremdstoffen befreit, zerkleinert und anschließend zur Herstellung neuer Gipsplatten oder als Bindemittel verwendet.
  • Ziegelabbruch kann entweder direkt wiederverwendet werden oder als Sekundärrohstoff aufbereitet werden. Voraussetzung ist ein möglichst sortenreiner Rücbau. Intakte Ziegel können erneut im Mauerwerksbau eingesetzt werden. Zerkleinerter Ziegelbruch dient zum Beispiel als Zuschlagstoff für neue Baustoffe. Gemahlener Ziegelbruch kann auch in der Produktion neuer Ziegel eingesetzt werden.
  • Glas lässt sich durch Einschmelzen nahezu verlustfrei recyceln. Im Bau wird Altglas zunächst sortiert, gereinigt und zu Glasscherben aufbereitet, die für die Herstellung neuer Glasprodukte dienen. Recyceltes Glas wird aber auch als Zuschlagstoff in Beton, als Bestandteil von Dämmstoffen oder als Granulat im Straßenbau verwendet. Da Scherben bei niedrigeren Temperaturen schmelzen, ist die Herstellung von Recycling-Glas weniger energieintensiv.

3. Urban Mining

Sekundärrohstoffe und Kreislaufwirtschaft leisten einen wichtigen Beitrag zum schonenden Umgang mit Ressourcen. Eng damit verbunden ist Urban Mining. Gemeint ist damit das systematische Erfassen, Rückgewinnen und Wiedereinführen von Stoffen in den Kreislauf. Anders als die klassische Abfallwirtschaft setzt es früher an und betrachtet den gesamten Materialbestand. Ziel ist es, den Materialfluss vorausschauend zu steuern, noch bevor Werkstoffe zu Abfall werden.

Vor allem im Gebäudebestand liegen erhebliche Mengen an mineralischen Baustoffen und Metallen, die künftig einen wachsenden Anteil der Rohstoffversorgung übernehmen können. Der Nutzen ist vielfältig. Urban Mining spart Primärrohstoffe und schont die Umwelt, da weniger Energie für die Herstellung gebraucht wird. Zudem fördert Urban Mining die regionale Wirtschaft. Die Rohstoffquellen lassen sich gut einplanen und machen Lieferketten sicherer.

Die Umsetzung erfordert jedoch ein methodisches Vorgehen, das Planung, Sammlung, Transport, Aufbereitung und Zwischenlagerung einschließt. Regionale Knotenpunkte bündeln Materialströme, sichern Qualität und gewährleisten kurze Wege zwischen Rückbau und Wiedereinsatz. Ebenso entscheidend ist ein selektiver Rückbau. Nur wenn Bauteile sortenrein demontiert werden, lassen sie sich hochwertig wiederverwenden.

4. Materialpässe und Materialkataster

Eine wesentliche Grundlage für ein funktionierendes Urban Mining sind Materialpässe und Materialkataster. Sie erfassen, welche Werkstoffe in Gebäuden verbaut sind. So dokumentieren Materialpässe Bauteile auf Gebäudeebene und enthalten Informationen zu Qualität, Herkunft, Lage, CO2-Werten und Kreislauffähigkeit. Materialkataster erweitern diesen Ansatz auf Quartiere, Städte oder Regionen und erfassen Bestände über den gesamten Lebenszyklus hinweg.

Voraussetzung dafür ist eine durchgängige digitale Erfassung: Bereits in der Planung lassen sich Daten zu den Baustoffen direkt mit BIM-Modellen verknüpfen, sodass Informationen kontinuierlich fortgeschrieben werden. Ergänzend dazu ermöglichen beispielsweise QR-Codes an Bauteilen oder digitales Tracking eine eindeutige Identifikation und Verknüpfung von Materialdaten. Online-Marktplätze ebnen Wege, um verfügbare Werkstoffe zu handeln und wieder in den Kreislauf zu bringen.

Der Mehrwert liegt vor allem darin, dass Materialien besser aufzufinden und nachverfolgt werden können. Das erleichtert nicht nur den Rückbau, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass sie wiederverwendet werden, statt als Abfall zu enden. Damit Pässe und Kataster ihr Potenzial entfalten, braucht es einheitliche Datenstandards, klare Zuständigkeiten und eine enge Verzahnung mit digitalen Planungsmethoden.

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