Digitales Auge: KI macht Bauschuttrecycling effizienter
Mineralischer Bauschutt ist einer der größten Abfallströme – und gleichzeitig ein Rohstofflager. Was auf dem Lkw liegt, entscheidet oft darüber, ob aus Bauschutt wieder ein hochwertiger Recyclingbaustoff wird. Denn „sauberer“ Betonbruch ist etwas anderes als ein Gemisch mit Gips, Holz, Dämmstoff oder Bitumen.
Ein Ansatz, der aktuell in der Branche an Fahrt gewinnt, ist KI-gestützte Bilderkennung. In Kirchheim/Teck setzt der Recycler Feess seit zwei Jahren auf ein Kamerasystem mit KI-Auswertung: Die Technik hilft, die Zusammensetzung des Bauschutts schneller und einheitlicher einzustufen – auch bei schwierigen Licht- und Wetterbedingungen.
Von der Supermarkt-Idee zum Recyclinghof
Ursprünglich hatte Max Gerken an einer praktischen Lösung für Supermärkte gearbeitet: ein Scanner für Obst und Gemüse, der den Kassierern das Eintippen der Produktnummern und Codes ersparen soll. Über einen Bekannten kam er auf die Idee, seine Technologie − das KI-gestützte Bilderkennungsverfahren Optocycle − in der Recyclingbranche einzusetzen, beim Kirchheimer Bauschuttrecycler Feess.
Walter Feeß hatte 2016 für seine Kreislaufwirtschaftsstrategie den Deutschen Umweltpreis erhalten: Bauschutt etwa zu Rezyklat aufzubereiten, das dem Beton beigemischt wird. Damit gilt er als Pionier der Branche. In der Region Stuttgart betreibt Feess sechs Wertstoffhöfe und Lagerplätze, in denen der angelieferte Bauschutt oder Erdaushub zu Recycling-Baustoffen aufbereitet wird.
KI-Training mit dem Geologen
Damit eine KI zuverlässig arbeiten kann, muss sie trainiert werden. In Stoffstrommanager Eberhard Fritz fand Gerken seinen Sparringspartner. Der Geologe fütterte die Datenbank mit allerlei Materialien, die sich im Bauschutt befinden, die aus allen Richtungen fotografiert und klassifiziert wurden. So lernt die KI, die unterschiedlichen Stoffe zu identifizieren samt deren Beschaffenheit, Körnung, Kantenlänge oder Verschmutzungsgrad.
Gerken: „Wir haben der Bilderkennung zum Beispiel auch beigebracht, wie sich die Optik der Materialien verändert, wenn sie nass sind, die Sonne draufknallt oder der Lkw auf der Waage im Schatten steht.“
So funktioniert die KI-gestützte Bilderkennung
In vielen Betrieben ist die Eingangskontrolle ein Mix aus Wiegedaten, Begleitpapieren und Erfahrungswissen. Digitale Tools bietet hier deutliche Vorteile: mehr Vergleichbarkeit, weniger Schwankungen, bessere Dokumentation. Vor allem unerfahrene und konfliktscheue Prüfer weichen um bis zu 20 Prozent in ihrer Einschätzung voneinander ab.
Das System bei Feess arbeitet mit Kamerabildern, die an der Lkw-Waage aufgenommen und per KI ausgewertet werden. Seit 2025 ersetzt die Kamera die optische Kontrolle des Wiegemeisters und kategorisiert Körnungen bis zu 0,2 Millimeter.
Spannend ist hier auch ein Nebenaspekt, den viele Betriebe aus dem Alltag kennen: „Ob wirklich das drin ist, was wir angenommen haben.“ Eine Ki-gestützte Kamera bei den Annahme sensibilisiert die Anlieferer für Sortenreinheit, weil „der Unterschied massiv ins Geld geht, ob man fürs Entsorgen je Tonne etwas bezahlen muss oder für das Wertstoff-Liefern noch Geld bekommt.“
Bis Ende 2026 erwartet Gerken, dass europaweit mehr als 100 seiner Systeme auf Wertstoffhöfen im Einsatz sind. Er verfolgt dabei ein Mietmodell. Die Geräte bleiben im Besitz des Herstellers. Die Nutzer zahlen eine einmalige Installationsgebühr sowie einen monatlichen Betrag für die Nutzung.
Automatisierung – aber nicht ohne Grenzen
Perspektivisch ist eine weitergehende Digitalisierung denkbar – etwa digitale Lieferscheine, eine automatisierte Zuordnung zu Entladezielen oder ein Einsatz der Kamera bereits auf der Abbruchbaustelle beim Beladen.
So naheliegend der Ansatz klingt: Wie gut ein System im Alltag funktioniert, hängt auch stark von Randbedingungen ab – etwa der Kameraposition, Verschmutzung, Witterung, wechselnden Materialgemischen oder ungewöhnlichen Störstoffen. Ob KI-Kameras am Eingang die neue Norm werden, hängt am Ende auch an handfesten Fragen: Wie robust ist das System im Betrieb? Wie transparent sind die Einstufungen? Und rechnet sich die Technik für unterschiedliche Standortgrößen – vom kommunalen Wertstoffhof bis zur Großanlage?
Urban Mining: Daten als Schlüssel für zirkuläre Baustoffe
Der Stoffstrommanager beobachtet seit zehn Jahren in der Branche eine steigende Sensibilität für sortenreines Trennen beim Rückbau, um Kreisläufe zu schließen und Entsorgungskosten zu reduzieren.
Urban Mining begreift das Gebäude als Materiallager. Diese Bestände werden schon heute auf digitalen Plattformen wie Madaster oder Concular erfasst und können bei Neubauten via BIM auch deren Materiallisten hinterlegen. Angesichts von 230 Millionen Tonnen mineralischen Bauschutts vom Beton über den Ziegel bis zu Keramik und Fliesen, die allein in Deutschland pro Jahr anfallen bedeutet das einen großen Wachstumsmarkt.
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Ausblick: In welche Richtung geht die Branche?
Optocycle testet sein System auch für andere Stoffströme, etwa in Aufbereitungsanlagen von Bioabfällen. Es gibt hier bislang kaum direkte Mitbewerber, viele Lösungen konzentrierten sich bisher allein auf das Identifizieren von Störstoffen innerhalb von Sortieranlagen.
Das Beispiel zeigt, wohin sich die Recyclingbranche entwickelt: weg vom Bauchgefühl, hin zu datenbasierten Entscheidungen. Je besser Materialströme an der Quelle erfasst und dokumentiert werden, desto leichter lassen sich hochwertige Recyclingqualitäten sichern – eine Voraussetzung dafür, dass Urban Mining nicht nur ein Leitbild bleibt, sondern der Praxis zuverlässig funktioniert.
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