Bauen im Paragrafendschungel – was Europas Nachbarn besser machen

Ein Haus steht im Papierdschungel, ein schmaler Weg führt heraus aus dem Labyrinth
Foto: KI-generiert

Bürokratie und Normen bremsen den Wohnungsbau in Deutschland. Zu viele Regeln, zu wenig Bauen. Doch es geht auch einfacher, digitaler und flexibler. Die Niederlande, Estland, Finnland und Belgien machen es vor. Wir zeigen, was Deutschland von Europa lernen kann.

In diesem Beitrag:

  1. Bürokratie als Hürde für nachhaltiges Bauen
  2. Zwischen Wohnungsdruck und Genehmigungsstau
  3. Neue Wege beim Bauen: Wie es bei EU-Nachbarn funktioniert
  4. Fazit: Weniger Vorgaben ermöglichen schnelleres und günstigeres Bauen

Christian Schaar
Fachautor CRADLE und Geschäftsführer der S2 GmbH

Bürokratie als Hürde für nachhaltiges Bauen

Das deutsche Bau- und Planungsrecht gilt als eines der komplexesten Regelungssysteme Europas. Bauherren, Planer und Unternehmen müssen eine Vielzahl von Vorschriften aus dem Baugesetzbuch (BauGB), den einzelnen Landesbauordnungen (LBO), dem Gebäudeenergiegesetz (GEG), Umwelt- und Naturschutzgesetzen sowie zahlreichen technischen Normen berücksichtigen.

Für viele Bauvorhaben bedeutet dies einen erheblichen Verwaltungsaufwand. Es sind etliche Genehmigungen erforderlich, und die Bearbeitung von Bauanträgen und Bebauungsplänen kann sogar mehrere Jahre dauern. Gleichzeitig fehlen in vielen Bauämtern Fachkräfte, sodass sich Genehmigungen verzögern können. Unterschiedliche Zuständigkeiten und Abstimmungsprozesse zwischen Behörden verlängern die Verfahren weiter.

Viel Papierkram, wenig Digitalisierung

Ebenfalls erschwerend: Vielerorts bleibt die Digitalisierung hinter den Anforderungen zurück. Genehmigungsprozesse laufen oft noch in Papierform oder über nicht kompatible IT-Systeme. Medienbrüche und unterschiedliche digitale Standards verhindern reibungslose Abläufe.

Auch die Regulierung im Kontext der Klimawende sorgt für Herausforderungen. Bund und Europäische Union formulieren ambitionierte CO2-Einsparziele für den Gebäudesektor, wie etwa die novellierte EU-Gebäuderichtlinie (EPBD). Die Umsetzung erfolgt jedoch häufig über detaillierte Vorgaben, Nachweispflichten und Dokumentationsanforderungen.

Deutlich werden diese Herausforderungen auch in der Kreislaufwirtschaft. Damit Baustoffe künftig wiederverwendet und Gebäude als Rohstofflager genutzt werden können, müssen Materialien systematisch erfasst und dokumentiert werden. Ein wichtiges Instrument dafür ist der Materialpass bzw. Gebäuderessourcenpass der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Er dokumentiert, welche Baustoffe in einem Gebäude verbaut wurden und welche Eigenschaften sie besitzen. Dadurch sollen Materialien am Ende ihrer Nutzungsdauer leichter zurückgewonnen und erneut eingesetzt werden.

Die Idee gilt als wichtiger Baustein für eine zirkuläre Bauwirtschaft. In der Praxis gestaltet sich das jedoch recht aufwendig. Es müssen umfangreiche Daten zusammengetragen werden, die häufig nicht vollständig verfügbar sind. Zudem existiert bislang kein einheitlicher, rechtlich verbindlicher Standard.

Gebäuderessourcenpass
Was wurde recycelt, was kann recycelt werden? Wo ist es wann verbaut worden? Holz, Kunststoffe, Elektronik, Metalle, Glas, Gips oder mineralische Baustoffe – alles findet sich dank Gebäuderessourcenpass dereinst wieder.
Foto: DGNB

Gebäuderessourcenpass: Wie realistisch ist die Umsetzung?

Welchen Nutzen hat der Gebäuderessourcenpass für Bauherren und Eigentümer? Hier ordnen wir die Möglichkeiten und Grenzen des Gebäuderessourcenpasses ein »

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Recycling und Urban Mining ist häufig baurechtlich nicht vorgesehen

Ähnlich sieht es bei der zirkulären Beschaffung aus. Öffentliche Ausschreibungen orientieren sich an festen Vorgaben und vorformulierten Leistungsbeschreibungen. Für wiederverwendete und recycelte Baustoffe fehlen jedoch häufig verbindliche Prüf- und Qualitätsstandards. Unternehmen, die Sekundärbaustoffe einsetzen möchten, müssen strengere Nachweise erbringen und tragen ein höheres Haftungsrisiko.

Ein großes Problem: Viele rückgebaute Baustoffe gelten rein rechtlich als Abfall. Bevor sie wieder verbaut werden dürfen, müssen sie Genehmigungsverfahren durchlaufen. Weil klare Zertifikate und Haftungsregeln fehlen, nutzen viele Unternehmen die wiederverwende Baustoffe gar nicht erst. Das baut hohe Hürden auf, genau dort, wo es eigentlich darum geht, nachhaltiger und kreislauffähiger zu bauen.

Beim Urban Mining sollen Materialien, die beim Abriss und Rückbau von Gebäuden anfallen, in einem Kreislaufsystem konsequent als Rohstoffquelle für neue Bau- oder Sanierungsprojekte genutzt werden.

Damit das funktioniert, braucht man aber zunächst einen Überblick, welche Art von wiederverwertbaren Materialien wo und in welchen Mengen im Gebäudebestand künftig anfallen werden. Digitale Gebäude-Materialkataster wie Madaster sollen diese Lücke schließen.

Hier erfahren Sie mehr zu diesem spannenden Ansatz: So funktioniert Urban Mining »

Was ist zirkuläres Bauen?

Wenn heute über Nachhaltigkeit diskutiert wird, fallen immer häufiger die Begriffe "zirkuläres Bauen" oder "Kreislaufwirtschaft". Doch was genau ist damit gemeint? Wir erklären, welche Ziele die Kreislaufwirtschaft verfolgt und welche Chancen sie bietet »

Zwischen Wohnungsdruck und Genehmigungsstau

Die Auswirkungen der hohen Regulierungsdichte sind inzwischen deutlich sichtbar. Investitionen in Neubau und Sanierung sind rückläufig, während die Nachfrage nach Wohnraum weiter steigt. Für das Jahr 2026 erwartet der Zentrale Immobilien Ausschuss e.V. (ZIA) lediglich rund 215.000 fertiggestellte Wohnungen. Der tatsächliche Bedarf liege bei 258.000 Wohneinheiten bis 2040.

Dass die Produktivität der Bauwirtschaft in Deutschland im internationalen Vergleich hinterherhinkt, zeigt auch ein Gutachten des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Während im Zeitraum 2011 bis 2019 die Produktivität im EU-Durchschnitt konstant blieb, verzeichnete Deutschland spürbare Rückgänge.

Um die Baukrise zu bewältigen, arbeitet die deutsche Politik bereits an verschiedenen Reformen. Mit dem „Bauturbo“ und der geplanten Novelle des Baugesetzbuches sollen Planungsverfahren verkürzt, digitalisiert und transparenter gemacht werden. Ein weiterer Ansatz ist der Gebäudetyp E. Das „E“ steht für einfaches Bauen. Das Konzept soll es möglich machen, unter bestimmten Voraussetzungen auf kostenintensive Zusatzstandards zu verzichten, ohne Sicherheit oder Funktionalität zu gefährden. Dass es aber noch ganz andere Lösungsansätze gibt, zeigt ein Blick in die europäischen Nachbarländer.

Gebäudetyp E – was steckt dahinter?

Der Traum vom Eigenheim droht oft an den Kosten zu scheitern, doch nun gibt es ein neues Hoffnungsmodell für alle, die günstig bauen wollen: den Gebäudetyp E. Das neue Baukonzept verspricht einen Ausweg aus dem Dschungel teurer Normen. Auf der Website Mein Eigenheim wird einfach und kompakt erklärt, was hinter dem Begriff steckt und worauf man beim sogenannten „einfachen Bauen“ achten muss »

Neue Wege beim Bauen: Wie es bei EU-Nachbarn funktioniert

Holzhaus in Modulbauweise, im Hintergrund sieht man eine Europakarte
Vor allem nordeuropäische Ländern wie Niederlande, Estland, Finnland und Belgien zeigen, wie Bauen einfacher, schneller und günstiger werden kann.
Foto: KI-generiert

Niederlande: Serielles und standardisiertes Bauen macht das Bauen einfacher, günstiger und schneller

Die Niederlande setzen seit Jahren auf das sogenannte „Einfache Bauen“, oder auch „eenvoudig bouwen“. Es steht für einen stark standardisierten und industrialisierten Bauansatz. Modulare Gebäude werden mit wiederkehrenden Typen, digitalen Planungsdaten und teilweise vorab geprüften Standardlösungen entwickelt. Nicht jedes Projekt muss vollständig neu bewertet werden.

Des Weiteren ist zirkuläres Bauen fest in der niederländischen Bauwirtschaft verankert. Oft kommen wiederverwendbare und nachhaltige Baustoffe wie Holz, Hanf oder Flachs zum Einsatz. Auch Selbstbau- und Gemeinschaftsprojekte mit vorgefertigten Bausätzen, wie etwa Holzblocksysteme, werden gefördert.

Fassadenelemente werden bei einer Sanierung mit Hebebühnen an einem Haus montiert
"Energiesprong" ist ein innovatives Sanierungskonzept in Modulbauweise aus den Niederlanden.
Foto: Renowate

Serielles Sanieren: So funktioniert der "Energiesprong"

Altbauten zu sanieren ist zeitaufwändig, teuer und bringt am Ende gar nicht so viel Energieeinsparung? Es geht auch anders – das zeigen serielle Sanierungsansätze wie das aus den Niederlanden stammende Konzept des Energiesprong. Mit digitaler Planung und vorgefertigten Bauelementen sind in kürzester Zeit und bei moderaten Kosten tatsächlich wahre „Energiesprünge“ machbar.

In dieser Reportage zeigen wir, wie wir vom niederländischen Konzept des "Energiesprong" lernen können »

Estland und Finnland: Digitalisierung vereinfacht die Bauprozesse

Ein anderes Beispiel ist Estland: Es setzt stärker auf eine digitalisierte Bauverwaltung. Über eine zentrale E-Construction-Plattform (E-ehituse platvorm) werden Bauanträge, Planungsdaten und Katasterinformationen zentral gebündelt. Behörden greifen auf dieselben Datensätze zu, wodurch Mehrfacherfassungen entfallen. Dank eines digitalen 3D-Zwillings des Gebäudes kann die Einhaltung von Vorschriften teilweise automatisiert überprüft werden.

Europäischer Vorreiter bei der Digitalisierung der Bauwirtschaft ist jedoch Finnland. 95 Prozent der Baugenehmigungen werden papierlos vergeben. In Vorreiter-Städten wie Järvenpää können Bauherren das selbst online erledigten: Sie erstellen ein digitales Modell ihres Bauprojekts und reichen dieses online zur Prüfung ein. Über eine zentrale Plattform können Baubehörden, Bauherren, Planer und Architekten alle Informationen zu einem Bauprojekt einsehen.

Computerbildschirm zeigt den einfachen Weg eines digitalen Bauantrags, der online eingereicht werden kann, im Hintergrund ist ein Bauamt zu sehen
Estland und Finnland machen's vor: Eine Baugenehmigung kann auch ganz einfach digital beantragt und erteilt werden.
Foto: KI-generiert

All-in-one-Bauvergabe in Belgien

Aber nicht nur bei der Digitalisierung zeigen sich Unterschiede im Ländervergleich. Anders als in Deutschland überwinden EU-Nachbarn die strikte Trennung zwischen Planung und Bauausführung. Belgien verfolgt beispielsweise einen integrierten Ansatz bei der Auftragsvergabe und eine enge Verzahnung der beteiligten Disziplinen. Besonders im öffentlichen Raum werden Aufträge vergeben, bei denen Planung und Ausführung aus einer Hand angeboten werden. Die Lebenszyklus-Betrachtung wird direkt mitberücksichtigt.

Dänemark: Zielvorgaben statt Normen ermöglichen mehr Flexibilität beim Bauen

Ein anderer Punkt betrifft die standardorientierte Regulierung. In Deutschland definieren detaillierte Normen wie die DIN-Normen den „Stand der Technik“. Bauunternehmen haben oft sehr konkrete Vorgaben wie sie bauen müssen. Abweichungen gelten rechtlich als Mangel. In Ländern wie den Niederlanden, Irland, Belgien oder Dänemark gelten dagegen funktionale Zielvorgaben. So legt der dänische Gesetzgeber beispielsweise in erster Linie Mindeststandards fest, ohne Materialien oder Konstruktionsweisen vorzuschreiben. Zielwerte sind etwa ein definierter maximaler Energiebedarf des Gebäudes, einzuhaltende Schallschutzwerte oder maximale Vibrationswerte. Wie diese erreicht werden, bleibt weitgehend der Entscheidung der Bauunternehmen überlassen. Das schafft starke Anreize für Innovationen, während Behörden mehr Spielraum erhalten, gleichwertige Alternativen zu akzeptieren.

Green Solution House Aufmacher
Das Green Solution House 2.0 ist ein ideales Beispiel für nachhaltiges Bauen in Serie.
Foto: 3XN/GXN/Adam Mørk

Erfolg in Serie: Dänemarks Bauwerk des Jahres als Beispiel für nachhaltigen, seriellen Modulbau

Dieses Hotel auf der Insel Bornholm ist vollständig aus Holz gebaut und vereint wichtige Elemente der Cradle-to-Cradle-Architektur. Besonders eindrucksvoll: die serielle Fertigung mit minimalem Materialverlust. Das Green Solution House 2.0 im Jahr 2022 wurde mit dem renommierten dänischen Architekturpreis „Årets Byggeri“ ausgezeichnet.

In dieser Reportage stellen wir das Erfolgsrezept des Green Solution House genauer vor »

Fazit: Weniger Vorgaben ermöglichen schnelleres und günstigeres Bauen

Der Blick zu unseren europäischen Nachbarn zeigt: Schnellere Genehmigungen entstehen vor allem durch klarere Zuständigkeiten, digitale Verfahren und mehr Vertrauen in funktionale Lösungen. Deutschland könnte davon profitieren, Prozesse zu bündeln, Standards zu vereinheitlichen und häufiger das Ziel vorzugeben statt jeden einzelnen Weg dorthin. So würde Bürokratie nicht zum Selbstzweck, sondern wieder zu dem, was sie sein sollte: ein verlässlicher Rahmen, der gutes, nachhaltiges Bauen ermöglicht.

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