Interview mit Winfried Schneider (IBN)

Interview mit Winfried Schneider
Bild: IBN

Winfried Schneider ist nachhaltig bauender Architekt und Geschäftsführer des Institutes für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN in Rosenheim, Bayern. So, wie es schon sein Vater tat, bildet er hier Baubiolog*innen aus, für die er gleichzeitig ein wichtiger Netzwerker ist.

„[Baubiologie] beschäftigt sich mit den Auswirkungen auf den Menschen in seiner gebauten Umgebung und verbindet Ökologie, Nachhaltigkeit und Gesundheit mit Architektur und Gestaltung.“

Winfried Schneider, IBN
Hier arbeitet Winfried Schneider: das  Institut für Baubiologie und Nachhaltigkeit in Rosenheim
Das Institut für Baubiologie und Nachhaltigkeit in Rosenheim stockte für seinen naturnahen Neubau einen Bestandsbau mit einer Vollholzkonstruktion auf
Bild: IBN

Herr Schneider, Sie sind Architekt und beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit nachhaltigem und gesundem Bauen. Was haben Sie selbst schon in dieser Richtung gebaut?

1989 plante ich mit meiner Frau ein Haus in Holzrahmenbauweise. Damals waren solche Häuser noch Pilotprojekte und erforderten viel Bauleitung. Es folgten Sanierungen und weitere Neubauten als Holzrahmen, mit Massivholz oder Ziegel.

Berücksichtigt man die aktuelle Pandemie, was verstehen Baubiologen unter einem attraktiven Zuhause?

Wir bauen Räume, die das Immunsystem stärken, statt schwächen. Ein Zuhause ist die eigene „Arche“ zum Wohle der Regeneration und zur Stärkung der Gesamtkonstitution.

Wie zum Beispiel?

Mit Baustoffen, welche ein wohltuendes Raumklima ermöglichen. Mit Möbeln, die mit handwerklichem Können und Freude am Detail erstellt wurden. Mit Strahlungswärme zur Beheizung und naturnaher Beleuchtung durch flimmerfreie Leuchtmittel, um nur wenige Beispiele zu nennen. Weiteres ist in den „25 Leitlinien der Baubiologie“ formuliert.

Wie lange gibt es die Baubiologie schon und was genau ist sie?

Seit rund 50 Jahren. Sie beschäftigt sich mit den Auswirkungen auf den Menschen in seiner gebauten Umgebung und verbindet Ökologie, Nachhaltigkeit und Gesundheit mit Architektur und Gestaltung. Ziel der Baubiologie ist es, eine gesunde, nachhaltige, schöne und soziale Wohn- und Arbeitsumwelt zu schaffen.

Garten des IBN: zum Wohlfühlen und leicht zu pflegen
Das schwungvolle Gebäude aus Naturbaustoffen ergänzt ein schöner, leicht zu pflegender Garten
Bild: IBN

Wie wird baubiologisch gebaut – kurz umrissen?

Beim baubiologischen Bauen werden über ökologische Aspekte hinaus auch gesundheitliche und soziale Aspekte berücksichtigt.

Kann man auch ökologisch, aber nicht gesund bauen?

Leider ja. Es werden immer mehr Gebäude erstellt, die mit sehr wenig Energie auskommen, z.B. sogenannte Passiv- oder Plusenergiehäuser. Gesundheitliche Aspekte spielen aber bei deren Konzeption oft keine oder nur eine zweitrangige Rolle.

Gibt es Normen, Richtlinien und Institutionen, die gesundes Bauen befördern?

Es gibt weit verstreut viele Einzelvorschriften, die auch baubiologischen Anforderungen entsprechen. So heißt es zum Beispiel im deutschen Baugesetzbuch: ‚Die allgemeinen Anforderungen an gesunde Wohn- und Arbeitsverhältnisse … sind zu berücksichtigen.‘
Institutionen, die mir spontan einfallen, sind das Umweltbundesamt, der Berufsverband Deutscher Baubiologen VDB, der Verband Baubiologie VB oder die WHO.

Was wird oft falsch gemacht?

Viele der heute verwendeten Baustoffe und Bauweisen sind nicht nur mit Umweltproblemen verbunden, sondern können auch zu Schlafstörungen, Beschwerden und nicht selten zu Krankheiten führen.

Was gibt es da für konkrete Beispiele?

Die Liste ist leider lang und so kann ich hier nur einige Beispiele nennen: Asbest, andere lungengängige Fasern und Feinstäube, Lösemittel, Formaldehyd, Weichmacher, Pestizide, Schwermetalle, Schimmelpilze, Radongas, Elektrosmog, schlechte Beleuchtung oder schlechtes Raumklima.

Wie sieht es aus, wenn man Altbestand saniert?

Häufig findet man im Altbestand hochgiftige Holzschutzmittel, Formaldehyd, Asbest, Schimmel, Elektrosmog oder hohen Energieverbrauch.

Wodurch wird Wohlbefinden bei Bewohnern erzielt?

Das Wohlbefinden kann durch die Verwendung natürlicher und ästhetisch ansprechender Materialien, die häufig auch gut riechen und Feuchtigkeit puffern können, spürbar verbessert werden. Weitere Kriterien sind hohe Oberflächentemperaturen wie etwa durch Wandheizung, gute Luftqualität, naturgemäße Licht- und Beleuchtungsverhältnisse oder gute Akustik.

Welche Baumaterialien empfehlen Sie da besonders?

Wir empfehlen vorrangig nachwachsende und mineralische Materialien wie z.B. Holz, Hanf, Lehm und Kalk.

Auch im Inneren des IBN wurden ausschließlich gesunde und ästhetische Materialien wie geöltes Vollholz und Lehm als Bauplatte, Putz und Farbe verwendet
Auch im Inneren des IBN wurden ausschließlich gesunde und ästhetische Materialien wie geöltes Vollholz und Lehm als Bauplatte, Putz und Farbe verwendet
Bild: Jan Kobel

Anmerkung der Redaktion: ein Beispiel für eine Sanierung mit Lehm finden Sie hier.

Welche Technik kommt in gesunden Gebäuden zum Einsatz?

Empfehlenswert sind zum Beispiel flächige Strahlungsheizungen wie eine wassergeführte Wandheizung, nach baubiologischen Kriterien erstellte Lüftungsanlagen, eine abgeschirmte Elektroinstallation zumindest im Schlafbereich – dabei Nieder- und Hochfrequenz beachten, die Nutzung erneuerbarer Energiequellen, Frischwassertechnik für das Brauchwasser, Regenwasserbewirtschaftung, Trinkwasserleitungen aus Edelstahl.

Welches Auto fahren Sie?

Meist gar keins. Ins Institut kann ich zu Fuß laufen, in die Innenstadt von Rosenheim ebenso. Oder ich nehme das Fahrrad. Weitere Strecken fahre ich meist mit dem Zug. Wir haben aber auch seit gut vier Jahren ein kleines Elektroauto, vorrangig für Fahrten in der Region. „Getankt“ wird mit eigenem Photovoltaikstrom.

Vielen Dank für das Interview, Herr Schneider.

Text: Achim Pilz