Interview mit Prof. Alexander Rudolphi (DGNB)

Prof. Alexander Rudolphi ist langjähriger Präsident der 'Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen'
Bild: DGNB

Prof. Alexander Rudolphi hat die Entwicklung des nachhaltigen Bauens in Deutschland entscheidend mitgeprägt. Er ist Initiator und Gründungsmitglied und war bis Mitte 2020 Präsident der ‚Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen‚. Nun ist er Teil des Präsidiums der DGNB. Die DGNB wurde 2007 gegründet, hat heute fast 1.300 Mitglieder und bezeichnet sich selbst als Europas größtes Netzwerk für nachhaltige Bau- und Immobilienwirtschaft. Ihre Zertifikate bewerten die nachhaltigen Qualitäten von Gebäuden und Quartieren.

Herr Rudolphi, was ist ihr Lieblingsmaterial?

Ich bin Holzbauingenieur und diesem Material und auch dem Wald eng verbunden. Aber grundsätzlich liebe ich es in der Tat, wenn Material handwerklich gut verarbeitet ist. Das kann ein Kalk sein, zum Beispiel als wunderschön geglätteter Stucco Veneziano oder es kann eine Holzoberfläche sein. Mein Fokus liegt auf der richtigen, guten und fachgerechten Verarbeitung. Das einzige Problem, das ich habe, ist die falsche Verarbeitung und der Versuch, mit synthetischen Materialien einen natürlichen oder historischen Look zu imitieren. Das geht in der Regel schief.

Über Materialehrlichkeit wird ja auch bei Architekten lebendig diskutiert. Gibt es aktuell ein Material, das eine natürliche und moderne Ästhetik erzeugt?

Was verbirgt sich hinter dem Begriff einer natürlichen Ästhetik? Ob Holz, Kalk, Lehm oder Keramik, alle diese Materialien müssen heute in einer normgerechten und modernen Art und Weise verwendet werden. Das heißt, ich muss meine Materialien modifizieren, ich muss sie an die moderne Bautechnik anpassen. Da komme ich nicht drum herum. Das ist in vielen Punkten auch sehr gut gelungen. Inwieweit das dann eine natürliche Optik produziert, hängt wiederum von der Auswahl und der Verarbeitung ab. Wir haben ja den Deutschen Nachhaltigkeitspreis und im letzten Herbst hat ein sehr großes Gebäude in Holz- und Lehmbauweise gewonnen.

Meinen Sie die Alnatura-Arbeitswelt? Was gefällt Ihnen an diesem Projekt in Darmstadt?

Da finde ich zum Beispiel gelungen, die Materialien auf moderne Art und Weise so zu verarbeiten, dass ein Gebäude in der Größenordnung auch gewährleistungstauglich und kalkulierbar möglich wird. Gleichzeitig ist auch die Ästhetik gelungen, die aus den verwendeten Materialien spricht.

An der Alnatura-Arbeitswelt gefällt Prof. Alexander Rudolphi die gelungene Ästhetik, die aus den verwendeten Materialien spricht
An der Alnatura-Arbeitswelt gefällt Prof. Alexander Rudolphi die gelungene Ästhetik, die aus den verwendeten Materialien spricht
Bild: Roland Halbe

Alnatura und die Grüne Erde-Welt haben für Ihre Neubauten sehr viel Abrissmaterial wiederverwendet. Das wird dann auch in dem Rückbauzertifikat der DGNB bewertet?

Ja, das wird sehr hoch und sehr positiv bewertet. Im cradle to cradle-Sinne sollen die Materialien auf funktional gleichwertiger Ebene wiederverwendet werden. Die Herausforderung ist, ein Gebäude beim Abriss so zu trennen, dass ich einen größtmöglichen Anteil von verwertbaren Materialien bekomme und einen kleinstmöglichen Anteil von nicht verwertbaren oder kontaminierten Materialien. Die werden in der Regel mit großen Kosten deponiert. Nichts ist schlimmer und teurer als Gebäude oder bestimmte Bauteile einfach zusammen abzureißen.

Den Innenraum der Alnatura-Arbeitswelt prägen Holz und formvollendeter Stampflehm
Den Innenraum der Alnatura-Arbeitswelt prägen Holz und formvollendeter Stampflehm
Bild: Achim Pilz

Was kommt denn da bei den Wärmedämmverbundsystemen auf uns zu?

Die billigen Wärmedämmverbundsysteme heute sind meistens ein chemisches Gesamtkunstwerk. Da wird alles im Verbund zusammengeführt, was der Markt an Kunststoffen so hergibt und ich kann es dann nicht mehr trennen. Wenn ich vorrechne, was das Deponieren in 10 bis 20 Jahren kosten wird, wird schnell klar, dass sich die Einsparung heute nicht rechnet. Dann kriegen alle sofort Angst. Hier sind mineralische, homogene oder trennbare Systeme gefragt.

(Kommentar der Redaktion: mehr zu den Problemen bei Wärmedämmverbundystemen finden Sie hier.)

Wir bei CRADLE wollen Materialien genau betrachten. Gibt es bestimmte Materialien, die Sie für den Innenbereich empfehlen?

Für den Innenbereich sollte das Material immer in der Lage sein, Feuchte und Wärme abzupuffern.

Im ‚DGNB Blog rund um nachhaltiges Bauen‘ mahnen sie in der ‚Blogserie zum neuen Jahrzehnt‘ Wohnungssanierungen an. Sind Sanierungen für Sie die aktuellen Herausforderungen des nachhaltigen Bauens?

Wir müssen uns um unseren Bestand kümmern, da können wir Energie einsparen. Im Neubau steckt kein signifikantes Einsparpotenzial. Und wir werden uns um die Energiebereitstellung kümmern müssen und natürlich auch um den ständig wachsenden Flächenverbrauch, das ist klar. Das sind die großen Handlungsfelder, mit denen wir hier zu tun haben. Die Größe der Aufgabe wird deutlich, wenn Sie bedenken, dass etwa 50 % unserer Wohngebäude – das sind zirka neun Millionen – heute noch fossile Energie in der Größenordnung von 180 bis 250 Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr verbrauchen.

Was tut die Politik dafür, dass diese Ziele angegangen werden?

Leider viel, viel zu wenig. Auch beim neuen Gebäudeenergiegesetz wird nur wieder an altbekannten Schräubchen gedreht, die alle schon überdreht sind. Die Politik drückt sich eigentlich um einige sehr wichtige aktuelle Forderungen, wie z.B. die Änderung der Zielgröße bei der energetischen Performance von Gebäuden. Bisher heißt es immer Kilowattstunden pro Quadratmeter und Jahr. Die Effektivität kann ich aber nur beurteilen, wenn ich die Umweltwirkung – also z.B. die Treibhausgasemissionen pro Person als Zielgröße oder als Indikator betrachte.

Die ‚2000-Watt-Gesellschaft‘ verpflichtete sich, persönlich höchstens 2000 Watt an Primärenergie zu verbrauchen. Inwieweit ist dieses Schweizer energiepolitische Modell da weiter?

Damit sind sie einen Schritt weiter. Wir müssen einen neuen Indikator überhaupt erst einmal publik und zum Genehmigungs- oder Förderungsthema machen. Das ist ein Paradigmenwechsel! Wichtig dabei ist, dass wir das mit der lebenszyklusumfassenden Bilanzierung von Gebäuden verbinden. Wir fordern ja seit 12 Jahren diesen Bewertungsansatz als Grundlage.

Wir als ‚Deutsche Gesellschaft für nachhaltiges Bauen‘?

Nicht nur wir, das machen auch sehr viele Experten bei der Bundesregierung. Wir haben ja auch das Zertifikationssystem ursprünglich gemeinsam mit dem Ministerium entwickelt. Die Bilanzierung von Gebäuden soll von cradle to cradle, von der ‚Wiege bis zur Wiederverwendung‘, die Vorketten und die Nachketten mit einbeziehen. Heute verschieben wir Umweltgefährdungen wie CO², Flächenverbrauch oder Trinkwasserverbrauch einfach in die Produktionsphasen und Entsorgung vorzugsweise in die Entwicklungsländer.

Das DGNB Zertifikat ‚Innenräume‘ beinhaltet ja einige gesundheitliche Kriterien. Gilt es für Neu- und Altbau?

Das ist übergreifend, ja. Es geht aber eigentlich davon aus, dass man ein bestehendes Gebäude nur teilweise saniert. Im Fokus steht die Nutzungsqualität und die Hygiene, das heißt also Schwerpunkt Materialeinsatz, Produktauswahl, Anforderung der Ausschreibung und die thermische, visuelle und akustische Behaglichkeit.

Das DGNB Zertifikat 'Innenräume' fokussiert auch gesundheitliche Kriterien
Das DGNB Zertifikat ‚Innenräume‘ fokussiert auch gesundheitliche Kriterien
Bild: DGNB

Vielen Dank für das Interview, Herr Rudolphi.

Das Interview mit Prof. Alexander Rudolphi führte Achim Pilz.