Erhalten statt abreißen: Mehr Wert im Bestand
Ein Gebäude abzureißen ist vielerorts noch immer eine pragmatische Lösung. Aus Sicht des Klimaschutzes und dem schonenden Umgang mit Ressourcen gehört der Abriss aber zu den folgenreichsten Entscheidungen im Bauwesen, die einer Logik des Verbrauchs folgt. Doch es gibt Alternativen, bei denen die Wiederverwendung von Bauteilen und Ressourcen im Vordergrund steht.
In diesem Beitrag:
Hohe Materialverluste trotz rückläufiger Abrisszahlen
Kaum ein Sektor verbraucht so viele Ressourcen wie das Bauwesen. Es benötigt große Mengen mineralischer Rohstoffe und verursacht einen großen Teil der globalen Treibhausgasemissionen. Zudem verantwortet der Bausektor rund 55 Prozent des gesamten deutschen Abfallaufkommens. Ein erheblicher Anteil davon entsteht beim Gebäudeabriss. Beton, Ziegel, Gips, Dämmstoffe, Metalle und Holz verlassen als Bauschutt den Kreislauf – häufig in qualitativ schlechter Verwertung oder als Deponiematerial. Das Volumen des Materialverlusts ist enorm.
Wird ein Gebäude abgerissen, geht aber auch graue Energie verloren: jene Energie, die bereits in Herstellung, Transport und Verarbeitung der Baustoffe sowie in der Errichtung des Hauses steckt. Hinzu kommen die Emissionen des Rückbaus selbst, der Abtransport des Materials und der Neubau. Der ökologische Fußabdruck verdoppelt sich: Erst wird bestehende Substanz entsorgt, anschließend werden neue Materialien produziert, geliefert und verbaut.
Zwar sind die Abrisszahlen in den vergangenen Jahren eher rückläufig. Laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) sind die Gebäudeabgänge in Deutschland zwischen 2007 und 2021 um 26,3 Prozent zurückgegangen. Bei Wohngebäuden ist der Rückgang mit 35,6 Prozent deutlich höher als bei Nichtwohngebäuden. Allerdings zeigen Forschungsergebnisse, dass rund 17,3 Prozent der Wohngebäude abgebrochen werden, bevor sie älter als 42 Jahre sind.
Warum wird eher abgerissen als saniert?
Dass trotz Klimadebatte und Materialknappheit weiterhin abgerissen wird, hat verschiedene Ursachen. Ein wesentlicher Faktor sind die Kosten. Muss ein Gebäude umfassend energetisch oder technisch modernisiert werden, erscheint der Neubau oft attraktiver. Die Kosten für Rückbau und Neubau lassen sich in der Regel klar regulieren. Sanierungen hingegen bergen Unsicherheiten: versteckte Schäden, Schadstoffe oder statische Anpassungen können Budgets schnell überschreiten.
Ein weiterer, nicht unerheblicher Faktor sind aktuelle Normen und Standards, die sich vielfach am Neubau orientieren. Anforderungen an Brandschutz, Schallschutz oder Barrierefreiheit lassen sich im Bestand nicht ohne baulichen und finanziellen Aufwand erfüllen – selbst dann, wenn die Substanz robust und grundsätzlich erhaltenswert wäre.
Oft ist daher nicht die Konstruktion selbst das Problem, sondern die Wahrnehmung, sie passt nicht mehr zu den aktuellen Anforderungen. Laut BBSR ist mit 54,3 Prozent die häufigste Ursache für den Abriss von Wohngebäuden die Errichtung eines neuen Hauses an gleicher Stelle.
Nicht zuletzt spielt die lineare Organisation der Bauwirtschaft eine Rolle: bauen, nutzen, abreißen, entsorgen ist ein bewährtes Modell, das der Logik des Verbrauchs folgt. Vor dem Hintergrund ambitionierter Klimaziele steht dieses Vorgehen jedoch zunehmend infrage – trotz rückläufiger Abrisszahlen. Soll der Gebäudebestand bis 2050 klimaneutral werden, braucht es einen anderen Umgang mit Bestehendem.
Urban Mining statt Abriss
Eine zirkuläre Bauwirtschaft setzt auf Erhalt, Anpassung und Wiederverwendung. Ziel ist es, den Bestand als Materiallager und zukünftige Ressource zu begreifen (Urban Mining). Dafür stehen bereits heute konkrete Werkzeuge zur Verfügung.
1. Selektiver Rückbau
Wo ein Erhalt nicht möglich ist, bietet der selektive Rückbau eine Alternative zum klassischen Abriss. Gebäude werden kontrolliert und sortenrein in umgekehrter Reihenfolge zur Errichtung demontiert. Vor dem eigentlichen Rückbau werden Materialien und Schadstoffe in einem Bauteilkatalog erfasst. Schädliche Baustoffe wie Asbest werden zuerst entfernt. Anschließend folgen Fenster, Türen, Haustechnik und nichttragende Bauteile. Erst danach wird die Gebäudestruktur schrittweise zurückgebaut.
Es geht in erster Linie darum, Baustoffe wie Beton, Holz oder Stahl getrennt zu gewinnen und wieder in den Werkstoffkreislauf zurückzuführen. Hochwertige Bauteile, wie zum Beispiel Stahlträger, Holzbalken oder historische Ziegel lassen sich direkt wiederverwenden. So sinken Abfallmengen, Emissionen und der Bedarf an Primärrohstoffen.
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2. Bauteilbörsen
Materialien und Bauelemente, die bei Rückbauprojekten anfallen und andernorts erneut eingesetzt werden, können über Bauteilbörsen weitervermittelt werden. Sie machen Urban Mining praktisch nutzbar. Zum Angebot gehören Dachziegel, Türen, Fenster, Treppen, Heizkörper oder Holzbalken. Solche Plattformen gibt es sowohl in Form von Lagern als auch digital. Sie tragen wesentlich dazu bei, den Lebenszyklus von Produkten zu verlängern und graue Energie zu erhalten.
3. Rückbau-Audits
Bevor ein Gebäude zurückgebaut wird, können Rückbau-Audits das Wiederverwendungspotenzial systematisch erfassen. Grundlage dafür bietet unter anderem die DIN SPEC 91484, die seit 2023 erstmals ein standardisiertes Verfahren zur Identifikation wiederverwendbarer Bauprodukte beschreibt. In diesen Pre-Demolition-Audits werden Materialien, Bauteile und Schadstoffe dokumentiert und bewertet. So gelingt es, hochwertige Komponenten frühzeitig zu sichern und für Folgeprojekte verfügbar zu machen. Es entsteht Planbarkeit, sowohl für den Rückbau als auch für Wiederverwendung und Recycling.
4. Reversible Konstruktionen
Noch konsequenter ist es jedoch, Gebäude von Beginn an so zu planen, dass sie später demontiert werden können. Reversible Konstruktionen arbeiten mit lösbaren Verbindungen wie Schraub-, Steck- und Klicksystemen statt Verklebungen oder dauerhaft gegossenen Verbindungen. Bauteile bleiben dadurch trennbar. Fassaden, Tragwerk, Dämmung und technische Gebäudeausrüstung lassen sich unabhängig voneinander warten, austauschen und ersetzen. Das verlängert Nutzungszyklen und reduziert spätere Eingriffe.
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5 „Design for Disassembly“ als Vertragsbestandteil
Zirkuläres Bauen beginnt nicht erst auf der Baustelle, sondern bereits in der Ausschreibung und Vertragsgestaltung. Wird „Design for Disassembly“ als Konstruktionsprinzip von vornherein vertraglich festgeschrieben, entsteht Verbindlichkeit. Dazu gehören beispielsweise
- klare Anforderungen an lösbare Verbindungen,
- der Verzicht auf schwer trennbare Verbundmaterialien,
- Materialkataster sowie
- definierte Prüf- und Nachweispunkte während der Planung und Ausführung.
Der Rückbau kann damit planbar gemacht werden, nicht als Ende eines Gebäudes, sondern als nächste Nutzungsphase seiner Materialien.
Fazit: Bestand als Ausgangspunkt zirkulären Bauens
Der Umgang mit Abriss entscheidet wesentlich darüber, ob die Bauwirtschaft erfolgreich zum Erreichen der Klimaziele beitragen kann. Solange Gebäude als kurzfristige Nutzungsgüter behandelt werden, bleiben Ressourcenverbrauch, Emissionen und Abfallaufkommen hoch. Wird dagegen der Bestand als Wert verstanden, verschiebt sich die Perspektive. Die nachhaltigste Form des Bauens beginnt mit der Frage, was bereits vorhanden ist und wie sich daraus Zukunft bauen lässt.
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