Chronik eines vermeidbaren Abrisses
Der Abriss der ophelis-Ausstellungshalle, gerade einmal drei Jahre nach ihrer Fertigstellung, hat nicht nur in Architekturkreisen für einen großen Aufschrei gesorgt. Ist der hochprämierte Vorzeigeholzbau doch eigentlich angetreten, um dem linearen Wirtschaftsmodell des Take-Make-Waste etwas entgegenzusetzen. Was also ist hier passiert? Und was können wir aus diesem verunglückten Kreislaufprojekt lernen?
In diesem Bietrag:
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Ein Architekturjuwel im Industriegebiet
Die Lobeshymnen überschlagen sich förmlich, als 2022 im Gewerbegebiet von Bad Schönborn ein Holzbau aufschlägt, mit dem man an diesem Ort nicht gerechnet hätte. Im traditionellen Hoheitsgebiet der Trapezblechfassaden und der stilbefreiten Zweckmäßigkeit wirkte die neue Ausstellungshalle zwar eher wie ein Fremdkörper, doch die Begeisterung und der Stolz unter den Bewohnern und Gemeindevertretern wachsen mit jeder Auszeichnung, die der außergewöhnliche Gewerbebau erntet.
Erst bekommt er einen renommierten Hugo-Häring-Preis verliehen, dann folgt die Nominierung zum DAM-Preis, der an „herausragende zeitgenössische Architektur“ in Deutschland vergeben wird. Bei öffentlichen Gemeindeveranstaltungen, die in der 1.200 Quadratmeter großen Halle stattfinden, können sich die Menschen vor Ort ein Bild von diesem unverhofften Architekturjuwel im Industriegebiet des badischen Kurortes machen.
Die Poesie der Lastabtragung
Was den nachhaltigen Holzbau derart auszeichnet, ist seine ausgeklügelte Konstruktion, die auf einer elementierten, vorgefertigten Bauweise basiert und eine atmosphärische Wirkung entfaltet. Nach dem Entwurf des Berliner Büros Ludloff Ludloff Architekten wird eine Massivholzdecke von sieben Y-förmigen Holzstützen getragen. Verstärkt durch strahlenförmig angeordnete Holzrippen entsteht eine mehrachsig gespannte Deckenkonstruktion, die mit wenig
Material auskommt. Das Ergebnis ist ein skulpturales Tragwerk, das Funktion und Ornament zugleich ist. Schöner und eleganter kann man Lasten eigentlich nicht abtragen.
Die geschaffene Szenerie hat etwas von einem stilisierten Wald, bekräftigt wird der Eindruck durch punktuell von oben einfallendes Tageslicht. Architekturkenner fühlen sich atmosphärisch an das Johnson Wax Gebäude von Frank Lloyd Wright in Wisconsin erinnert. Insgesamt entsteht ein Backdrop, der wie geschaffen ist für die wohnlichen Büromöbel und New-Work-Landschaften des traditionsreichen Handwerksbetriebs, der seit den späten 1970er-Jahren existiert. Trotz der ökonomischen Grenzen, denen ein Gewerbebau immer unterworfen ist, steht der Showroom auch den heutigen Ansprüchen an effizienter und nachhaltiger Haustechnik in nichts nach.
Vom gefeierten Bauwerk zum Trümmerhaufen
Doch die Corona-Pandemie und die gestiegenen Energiekosten setzen dem Unternehmen massiv zu und treiben ophelis im November 2024 schließlich in die Insolvenz. Gut ein halbes Jahr später, im Juni 2025, verwandelt ein Abrissbagger den hochgepriesenen Holzbau in einen wertlosen Trümmerhaufen. Und das, obwohl man in der Planung alles dafür vorgesehen hat, um genau das zu verhindern.
„Der Hallenbau wurde nutzungsoffen geplant und so vorelementiert, dass die Bauteile als Ganzes wiederverwendbar oder zerlegbar sind“, unterstreicht Jens Ludloff, der gemeinsam mit Laura Fogarasi-Ludloff die Zirkularität des Projekts erarbeitet hat. Bauherrschaft, Anwohner und Architekten sind fassungslos.
Wie konnte das passieren?
Das Firmengelände des Möbelherstellers, samt Verwaltung, Produktion und Ausstellungshalle, wird nach dessen Konkurs kurzerhand an einen texanischen Immobilienentwickler namens Hillwood verkauft. Dieser zieht dort im Schnellverfahren ein Logistikzentrum mit über 30.000 Quadratmetern Mietfläche hoch, das schon im Herbst 2026 eröffnet werden soll. Dass der ortsfremde Developer kein Interesse an der regionalen Baukultur hat, liegt wohl in der Natur der Sache. Für ihn steht fest: Die Bestandsbauten müssen weg.
Und das geht in der Praxis sehr schnell, denn der Abriss von freistehenden Gebäuden der Klassen 1 bis 3 ist in Deutschland nach wie vor verfahrensfrei und nicht anzeigepflichtig.
Forderung nach Abrissgenehmigung
Als die Architekten von dem Abriss erfahren, können sie nur noch zusehen, wie der Bagger die Halle zertrümmert und in sogenannten Baumischabfall verwandelt. „Dabei hätte man mit Hilfe des digitalen Zwillings die Halle ganz einfach rückbauen und woanders wieder aufbauen können“, sagt Ludloff. „Den Nachnutzungsideen so eines Gebäudes sind eigentlich keine Grenzen gesetzt. Man hätte es nur an Selbstabholer auf Ebay versteigern müssen.“ So könnte sich jetzt eine andere Gemeinde freuen – über eine kostengünstige Kita, eine schöne Eventlocation oder neue Büroflächen.
Doch in Bad Schönborn liegt die Nachhaltigkeit in Trümmern. Der Schock darüber, wie brutal hier neuwertige Bauteile blind zerstört wurden, sitzt tief. Dass es aber alltägliche Praxis ist, zeigt ein Blick auf die Statistik des Umweltbundesamtes. Jedes Jahr werden in Deutschland über 14.000 Gebäude abgerissen, und 61 Prozent des gesamten Abfalls gehen auf das Konto der Baubranche.
Nach dem verunglückten Kreislaufprojekt fragen sich viele: Wäre es im Hinblick auf Klimakrise und Emissionsziele nicht an der Zeit, für jeden Abriss eine Genehmigung samt Recyclingkonzept einzufordern? „Oder man einigt sich auf einen vernünftigen CO2-Preis, dann wäre das Abreißen nicht so billig“, nennt Ludloff eine weitere mögliche Stellschraube.
An der Dr.-Alfred-Weckesser-Straße im Ortsteil Langenbrücken steht heute ein 280 Meter langer Kasten, der das Gewerbegebiet dominiert. Anstelle der Holzfassade von ophelis ist nun wieder die gewohnte Tristesse eingezogen: Trapezblech, so weit das Auge reicht.
Fotos: Ludloff Ludloff Architekten
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