Das Sonnenhaus in Hof an der Saale

Das Sonnenhaus von Uwe und Susanne Fickenscher in Hof an der Saale ist ein Green Building, das mit einer nachhaltigen Bauweise und einem effizienten Energiekonzept überzeugt.

Das Sonnenhaus von Uwe und Susanne Fickenscher in Hof an der Saale ist ein Green Building, das mit einer nachhaltigen Bauweise und einem effizienten Energiekonzept überzeugt.

In diesem Artikel:

Ein Gastbeitrag von Uwe und Susanne Fickenscher.

Das Hofer Sonnenhaus

Das Hofer Sonnenhaus ist ein Green Building, welches als Wohn- und Geschäftshaus mit nachhaltigem Bau- und Energiekonzept konzipiert wurde. 2017 war es Ausstellungsinhalt im Deutschen Pavillon auf der Expo-Weltausstellung unter dem Titel „Future Energy“; 2019 wurde es in die Sammlung der Beispielhaften Bauten des Bayerischen Bauministeriums und der Bayerischen Architektenkammer aufgenommen.

Ab 2021 wird das Projekt in der neuen Wanderausstellung „Nachhaltiges und Energieeffizientes Bauen“ der Bayerischen Architektenkammer zu sehen sein. Es wurde zudem mit dem Bürgerenergiepreis ausgezeichnet und findet im In- und Ausland große Beachtung.

Beim Sonnenhaus fällt vor allem auf, dass die Primärenergiekennzahlen sehr niedrig sind. Das führt zu einer hohen Wirtschaftlichkeit des Baukonzeptes und beruht auf dem Einsatz von Naturbaustoffen, beispielsweise Holz, Stroh, Ziegel, Lehm, aber auch von Recyclingmaterial. Hinzu kommt ein regeneratives Energieversorgungskonzept, das auf die Nutzung und Speicherung von Solarenergie setzt.

Das Sonnenhaus überzeugt mit natürlichen Baustoffen wie Holz, Stroh, Lehm, Ziegeln und zusätzlich Recyclingmaterial
Stampfbeton im Sonnenhaus
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Steckbrief Sonnenhaus

Das Sonnenhaus als Green Building
– nachhaltig-ökologische Bauweise
– Einsatz von Solarwärmespeichertechnik
– CO2-neutrales Heizkonzept für ein Wohn- und Geschäftshaus
– Langzeitspeicherung von Solarenergie
– Wärmedämmung aus nachwachsenden Rohstoffen Stroh und Holzfaser
– Einsatz von Recycling-Glasschaumschotter als Wärmedämmung
– 90% Unterschreitung des gesetzlich zulässigen Primärenergiebedarfes (Stand 2014 – ein revolutionärer Wert)
– wirtschaftliches Roh = Fertig-Designkonzept (Einsparung von Oberflächenveredelungen in der Architektur)

Das Sonnenhauskonzept

Das Wohn- und Geschäftshaus mit 3 Wohneinheiten und einem Architekturbüro steht in Hof an der Saale. Das Bauvorhaben ist ein Pilotprojekt für die Nutzung von Sonnenwärme zur ganzjährigen Beheizung von Gebäuden. Der experimentelle Charakter des Projektes wird außerdem durch die Verwendung von Strohballen beim Wandaufbau des Büroteils und durch den innovativen Einsatz weiterer Naturbaustoffe unterstrichen.

Architekturbüro im Hofer Sonnenhaus
Architekturbüro im Hofer Sonnenhaus

Das nicht unterkellerte Bauwerk hat 4 Nutzungseinheiten. Es besteht nach Westen aus einem abgestuften kubischen Baukörper mit 3 Ebenen (EG, OG und DG) sowie einem östlichen Flachdachbau (EG) mit darüber angeordnetem Solardachboden (2 Ebenen). Das Gebäude fügt sich als eigenständig und modern gestalteter Solitär in das städtebauliche Umfeld ein. Das Konzept zeigt ein Beispiel, wie verdichtetes Bauen in einer Baulücke im Zentrum der Stadt Hof möglich ist. Außerdem demonstriert es, wie attraktive Wohneinheiten zukunftsfähig und flexibel nutzbar in der Innenstadt entstehen können.

Die Wohneinheiten sind als Standardwohneinheiten separat vermietbar, eignen sich aber auch für Mehrgenerationenwohnen. Die Wohneinheiten bieten sich zudem ideal in Kombination mit freiberuflicher oder gewerblicher Tätigkeit. Durch Teilbarkeit und Kombinierbarkeit der 4 Nutzungseinheiten sowie durch angedachte Erweiterungsmöglichkeiten wird ein hohes Maß an Zukunftsfähigkeit, Flexibilität und Nachhaltigkeit des Immobilienprojektes erreicht.

Die Wohneinheiten des Sonnenhauses sind als Standardwohneinheiten separat vermietbar aber auch für Mehrgenerationenwohnen geeignet und ideal in Kombination mit freiberuflicher oder gewerblicher Tätigkeit zu nutzen.

Ziele des Projektes

Bei dem Projekt wurden folgende Ziele verfolgt:

  • Errichtung einer flexibel nutzbaren Immobilie zum Wohnen und Arbeiten sowie als Altersvorsorge
  • höchstmögliche solare Deckung des Wärmebedarfes
  • Verwendung von örtlich verfügbaren Energiequellen (Sonne, Holz, Wind)
  • Bauen mit möglichst natürlichen oder naturnahen Baustoffen (baubiologische Grundsätze)
  • Bauen mit regionalen Ressourcen (Baustoffe und Bauleistungen aus der Gegend)
  • Option der regenerativen Stromerzeugung zum Eigenverbrauch (Kleinwindkraftanlage und Solarstrom).
  • Vermeidung von Neulandverbrauch – Bau auf einer Industriebrachfläche
  • Innerstädtische Nachverdichtung – Leben der kurzen Wege
  • Errichtung eines Bauwerkes, das es in der gleichen Form nicht schon einmal gibt.

[Einschub der Redaktion: mehr zum Thema Baubiologie finden Sie hier]

Das Haus wird größtenteils mit Sonnenwärme ganzjährig beheizt: die Idee folgt dem Sonnenhausprinzip. Die Ernte der Sonnenwärme erfolgt mit einer 112 qm großen Solarwärmekollektoranlage, die ideal nach Süden orientiert und 64° steil geneigt ist, um im Winter und in den Übergangszeiten (Heizperiode) optimale Solarerträge zu erreichen. Die Wärme wird als Warmwasser in einen 40.000 Liter großen, wärmegedämmten Solarspeicher eingelagert, der als Schichtenspeicher konzipiert ist.

Dieses Wärmereservoir wird über Wärmetauscher und Niedertemperatur-Fußbodenheizungen an die zu beheizenden Räume abgegeben. Es wird dabei eine solare Deckung in Höhe von bis zu 90% erreicht. Die Restenergiemenge, die für Brauchwassererwärmung und Raumheizung erforderlich ist, wird aus einem kleinen Pelletkessel weitgehend CO2-neutral bereitgestellt. Auf Wohnraumlüftungstechnik mit Wärmerückgewinnung wird bewusst verzichtet.

Die Entwicklung vom Bauhaus zum Sonnenhaus

Die Entwicklung der Architektur sieht vor, dass die Form vom jeweiligen Zeitgeist bestimmt wird. Energieversorgungsfragen und Fragen der Wirtschaftlichkeit spielten dabei immer eine entscheidende Rolle. Der amerikanische Architekt Louis Sullivan behauptete um 1900: form follows function. Ludwig Mies van der Rohe ergänzte in den 1920er Jahren: Weniger ist mehr. Er untermauerte damit den Ansatz der Moderne und den Minimalismus in der Architektur. Er und andere verzichteten auf Verzierungen und Schmuckwerk bei Bauwerken und reduzierten die Form auf die notwendigen und funktionalen Bauteile.

Der deutsche Designer Hartmut Esslinger hat mit seiner in Kalifornien gegründeten Frog-Design-Gruppe in den 80er Jahren unter anderem für Apple und auch für Rosenthal gearbeitet. Er stellte die These auf: form follows emotion. Das Sonnenhaus vertritt die Idee des angehenden 21. Jahrhunderts: form follows energy!

Wir glauben allerdings auch, dass es zur Evolution gehört, dabei nicht die zurückliegenden Entwicklungsstufen zu vergessen; Funktion und Emotion sind in unserem Büro beim Bauen wichtige Grundlagen. Darüber hinaus müssen baubiologische Grundsätze, Fragen der Herkunft von Baumaterialien, Lebenszyklusbetrachtungen sowie andere Nachhaltigkeitsfragen am Anfang und am Ende jeder Bauplanung stehen.

Alter Charme mit neuer Technik

Der Bautypus Aktiv-Sonnenhaus mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Mitteln der Solarkollektoren, Saisonalspeicher und elektronischen Steuerung befindet sich relativ am Anfang seiner Entwicklung. Diese Entwicklung wird seit 30 Jahren vor allem durch den Solarpionier Josef Jenni in der Schweiz, den bayerischen Architekten Georg Dasch und den Solaringenieur Wolfgang Hilz vorangetrieben.

Die Bauaufgabe Sonnenhaus mit den heute zur Verfügung stehenden technischen Mitteln der Solarkollektoren, Saisonalspeicher und elektronischen Steuerung befindet sich relativ am Anfang seiner Entwicklung.

Innovative mittelständische Betriebe sind mit der Weiterentwicklung der Solarwärmespeichertechnik beschäftigt. Weit in der Vergangenheit liegt allerdings schon das „Haus des Sokrates“ als erstes Sonnenhaus, von dem berichtet wird, es wäre ein Pultdachbau mit einem Dachüberstand, der so ausgebildet war, dass er die Wohnräume gegen die hochstehende Sommersonne abschattete und die flachstehende Wintersonne bis in die Wohnräume hineinließ. Die sich daraus ergebenden Grundsätze bleiben bis heute gültig für das Ziel der passiven Sonnenenergienutzung.

Wenn wir ein aktives Sonnenhaus mit zugehörender Anlagentechnik entwerfen, müssen wir jedoch weitere physikalisch-technische Grundlagen in die Planung einbeziehen.

Hofer Sonnenhaus: Entwurfsgrundlagen und Vorgaben

Die Ausgangsposition ist die Erkenntnis, dass in unseren Breiten (Hof, rd. 50° Nord) eine auf den Solarertrag in der Übergangszeit optimierte Kollektorfläche mit circa 64° Neigung aufweisen sollte. Voraussetzung für eine hohe solare Deckung bei der Wärmeversorgung sind niedrige Wärmeverluste der Gebäudehülle. Beim monolithischen Außenwandaufbau mit seinen vielen Vorzügen liegt ein guter u-Wert bei etwa 0,18 W/qmK. Das wird durch den Einsatz von modernem porosierten Leichtziegelmauerwerk mit Wandstärken von 42,5 cm, Leichtmauermörtel und Leichtputzen ermöglicht. Bei Fenstern wird teilweise mit 3-fach-Isolierverglasung gearbeitet.

[Einschub der Redaktion: einen weiteren Bericht zu einem Wohnhaus in monolithischer Bauweise mit Poroton-Ziegeln finden Sie hier]

Energetisch sinnvolle Konzepte sehen die thermische Aktivierung der Betonbodenplatte eines Gebäudes vor. Das wird durch den heute möglichen Einsatz von druckbelastbaren Wärmedämmungen unter den Bodenplatten, z.B. durch Glasschaumschotter (einem Recyclingprodukt) ermöglicht.

Die optimale Ausrichtung

Ein Sonnenhaus erfordert die optimale Südausrichtung für die Solaranlage und eine dauerhaft verschattungsfreie Kollektoranlage. Das innerstädtische Grundstück in Hof mit der Flurnummer 2057 weist in dieser Hinsicht nicht ganz einfache Rahmenbedingungen auf. Südlich vorgelagerte Nachbarbebauung, alter hoher Baumbestand und der Grundstückszuschnitt sind Voraussetzungen, mit denen im Entwurf umzugehen war. Es entstand eine eigentümliche Form des Solardaches mit einer steil geneigten Kollektorfläche; Die Formgebung folgt dem Energiekonzept.

Ein Sonnenhaus erfordert eine optimale Südausrichtung für die Solaranlage und eine dauerhaft verschattungsfreie Kollektoranlage. Es entstand eine eigentümliche Form des Solardaches mit einer steil geneigten Kollektorfläche: Die Formgebung folgt dem Energiekonzept.

Die rund 112 qm große Kollektorfläche arbeitet mit einem rund 40.000 Liter fassenden Heizungswasserpufferspeicher als Saisonal-Wärmespeicher. Im Sommer und in der Herbst-Übergangszeit wird damit Sonnen-Energie „geerntet“ und gepuffert, die dann in der Heizperiode genutzt werden kann. Das bedeutet für die Baugestaltung, dass sie mit einem Behälter von 2,50 m Durchmesser und 8,5 m Bauhöhe
umgehen musste.

Fragen der Grundrissgestaltung, der winterliche aber auch der sommerliche Wärmeschutz sowie die optimale Speicherbewirtschaftung werfen die Diskussion über die optimale Positionierung des Speichers, die optimale Dämmung und eine kontrollierte Bewirtschaftung auf. Beste Ergebnisse für die Beheizung eines Sonnenhauses werden mit einer Niedertemperaturheizung, also zum Beispiel einer Fußbodenheizung erreicht.

Letztlich sind bei allen technischen Vorgaben zur funktionalen, wirtschaftlichen und ökologischen Optimierung noch weitere Qualitäten gefragt:

  • Einfügung in die Umgebung (Bauform, Baumasse, Gestaltung)
  • Wohnqualität, Belichtung und Atmosphäre von Räumen
  • Auswahl der Materialien und Farben
  • Ausstattung
  • Außenanlagengestaltung
  • Erschließung
  • persönliche Wünsche

Entwurfskonzept

Das Gebäude gliedert sich in zwei klar ablesbare Baukörper, dem „Wohnhaus“ im Westen zur Saale hin und dem nach Osten zur Heiligengrabstraße hin orientierten „Büroflügel“ mit Loftwohnung im Solardachboden. Die beiden Baukörper sind durch gemeinsame Funktionen miteinander verbunden. Im Grundriss ergibt sich durch die Form eines „T“ eine „Hammerform“.

Das Grundstück ist von Osten her erschlossen. Die Zugänge für die Nutzungseinheiten befinden sich alle im Norden. Die Planung ermöglicht ein zeitgemäßes und generationenübergreifendes Wohnen, wo Familienleben und Nachbarschaft funktionieren, wo man gemeinsam lebt und dennoch jeder seine Freiräume hat. Das Haus ist nicht unterkellert und hat auf die erdgeschossigen Baukörper aufgesetzte, loftartige Dachgeschosse.

Das Sonnenhaus gliedert sich in zwei klar ablesbare Baukörper, dem "Wohnhaus" im Westen zur Saale hin und dem nach Osten zur Heiligengrabstraße hin orientierten "Büroflügel" mit Loftwohnung im Solardachboden.
Das Dachzimmer des Sonnenhauses

Erdgeschoss und Obergeschoss

Die Erdgeschoss- und Obergeschossumfassungswände des westlichen Baukörpers bestehen aus massivem und monolithischem Leichtziegelmauerwerk. Die Wände erhalten außen einen Leichtputz und innen einen 2-lagigen Kalkputz und erreichen dadurch die geforderten Dämmwerte ohne zusätzliche Wärmeschutzmaßnahmen.

Zwischenwände sind aufgrund der guten Wärmespeicherung und sommerlichen Behaglichkeit ebenfalls massiv aus Ziegeln gemauert. Die meisten Decken sind aus Kreuzlagenholzplatten hergestellt. Massivholzelemente aus Brettsperrholz spielen auch bei der Decke über OG sowie bei Außenwänden und Dachdecke des aufgesetzten Dachgeschoss-Lofts eine Rolle.

Massivholzelemente aus Brettsperrholz spielen auch bei der Decke über OG sowie bei Außenwänden und Dachdecke des aufgesetzten Dachgeschoß-Lofts eine Rolle.
Aufgang zum Loft-Wohnraum

Treppenaufgang zum Loft-Wohnraum

Der Wärmeschutz wird hier durch die Anordnung von außen aufgebrachten Holzkonstruktionen mit Holzfaserdämmungen ergänzt. Der Witterungsschutz besteht aus einer klassischen senkrechten Boden-Leisten- Schalung, wie sie seit Jahrhunderten im Frankenwald und im Vogtland verwendet wird. Dächer sind hier als Flachdächer konzipiert und erhalten Gefälledämmungen, Folienabdichtungen und Bekiesungen bzw. extensive Begrünung.

Büro und Loftwohnung

Der Büroflügel mit Loftwohnung im Solardachboden ist eine Holzkonstruktion auf einer Stahlbetonbodenplatte, die für Heizzwecke mit Warmwasserleitungen ausgerüstet ist (Prinzip Industriebodenheizung). Die Umfassungswände im Erdgeschoss bestehen beim Büro aus einer Holzständerkonstruktion mit Ausfachungen aus Holzfaser (bzw. Strohballen, die raumseitig einen Lehmputz erhalten). Der Wetterschutz wird über diffusionsoffene Fassadenbahnen und eine hinterlüftete Lärchenholzverkleidung hergestellt.

Das Büro im Sonnenhaus
Das Sonnenhaus eignet sich auch für Büroeinheiten

Die Decke über dem Erdgeschoss ist als mehrfeldrig gespannte Massivholzdecke aus Kreuzlagenholz konzipiert. Darüber steht ein 64° steil geneigter „Solardachboden“, der als Loftwohnung ausgebaut ist. Der Flachdachteil ist extensiv begrünt und die Steildachflächen sind mit Kollektormodulen abgedeckt bzw. mit Zinkblech eingedeckt. Fenster werden als moderne Mehrkammer-Kunststoffprofilfenster ausgeführt und 2-fach beziehungsweise teilweise 3-fach isolierverglast.

Aufbau Sonnenhaus: Die Decke über dem Erdgeschoss ist als mehrfeldrig gespannte Massivholzdecke aus Kreuzlagenholz konzipiert. Darüber steht ein 64° steil geneigter "Solardachboden", der als Loftwohnung ausgebaut ist.

Die Innenräume des Wohnhauses sind lichtdurchflutet, großzügig und offen gestaltet. Die Mischbauweise aus Ziegel, Putz, Stahlbeton, Stahl, und viel Massivholz führt zu behaglichen und außergewöhnlichen Raumgestaltungen. Der rund 40.000 Liter Heizungswasser fassende Schichtenspeicher ist als Stahltank in einem turmartigen Bauteil untergebracht. Er ist nach der neuesten Erfahrung des Architekturbüros isoliert und wärmegedämmt. Dieser „Solarturm“ steht nach Osten etwas aus dem Gebäude heraus, und macht so das Sonnenhauskonzept des Hauses von außen ablesbar.

Der rund 40.000 Liter Heizungswasser fassende Schichtenspeicher wird als Stahltank in einen turmartigen Bauteil eingemauert und nach der neuesten Erfahrung des Architekturbüros isoliert und wärmegedämmt.
Turm für den Solarwärmespeicher im Zentrum des Hauses

Zur Ergänzung der Solarheizung ist ein kleiner Pelletkessel im Haustechnikraum an den Solarspeicher angebunden. Durch die Verwendung von Holzpellets als Energieträger für Heizlastspitzen weist das Wohnhaus eine neutrale günstige CO2-Bilanz und niedrigsten Primärenergieverbrauch auf. Es wird damit das Ziel der kommenden Energieeinsparverordnung EnEV 2020 erreicht.

Die Familie Uwe und Susanne Fickenscher will an die Zukunft für das Leben und Arbeiten in der Stadt Hof glauben.

Videotour durch das Sonnenhaus

Baudaten Sonnenhaus

Hofer Sonnenhaus, Hof
Heiligengrabstraße 13-15, 95028 Hof
Green Building als Multifunktionsgebäude mit Büro
Ausstellung, Workshop und Wohnhaus.

Projekttitel
Hofer Sonnenhaus

Bauherrin
Susanne Fickenscher

Architektur
Fickenscher Architektur + Architekten, Stadtplaner und Energieberater ByAK, Uwe Fickenscher, Hof,
Homepage
Facebook

Anschrift Projekt
Heiligengrabstraße 13-15, 95028 Hof

Nutzfläche
537 m²

Nutzungsfläche der einzelnen (Wohn-)Einheiten
1: 122,43 qm
2: 139,29 qm
3: 89,91 qm
Büro: 139,33 qm

Bauzeit
2012-2015

Energiekonzept
Sonnenhaus mit 40.000 Liter Solarspeicher, klimaneutrale Heizung und Warmwasserbereitung

Eingehaltener Standard
Kfw 55 und Sonnenhausstandard

Angewandte EnEV
2009

Endenergiebedarf ist (berechnet)
28,50 kWh/qma

Primärenergiebedarf ist (berechnet)
7,69 kWh/qma

CO2-Ausstoß (berechnet)
gesamt 360,00 kg/a (Kompensation über Baumbestand direkt auf dem Grundstück)
spezifisch 0,48 kg/qma (bezogen auf die EnEV-Nutz-Fläche)

Fotos
Feig FotoDesign

Mehrgenerationenhaus – Definition, Vorteile, Nachteile

Leben in einem Mehrgenerationenhaus? Ob als Single, junge Familie oder Senior; gemeinsames Wohnen und gemeinsames Leben haben viele Vorteile. So schaffen Mehrgenerationenhäuser Orte für Gemeinsamkeit. Dort unterstützt man sich gegenseitig, nutzt gemeinsame Infrastruktur und lebt somit resilienter – in der Stadt und auf dem Land.
Bild: holzius

Leben in einem Mehrgenerationenhaus? Ob als Single, junge Familie oder Senior; gemeinsames Wohnen und gemeinsames Leben haben viele Vorteile. So schaffen Mehrgenerationenhäuser Orte für Gemeinsamkeit. Dort unterstützt man sich gegenseitig, nutzt gemeinsame Infrastruktur und lebt somit resilienter – in der Stadt und auf dem Land.

In diesem Artikel:

Ein Beitrag unserer Redaktion.

Was ist ein Mehrgenerationenhaus?

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Heute sind bereits 17 Millionen Menschen älter als 65 Jahre, Tendenz steigend. Auf der anderen Seite gibt es zunehmend junge Familien und Alleinerziehende, für die die Kinderbetreuung eine echte Herausforderung darstellt. Singles fühlen sich einsam und freuen sich über Anschluss. Wenn die Generationen wieder gemeinsam leben, gewinnen alle. Ein Mehrgenerationenhaus (MGH) bietet den Rahmen dazu.

Mehrgenerationenhäuser gibt es in zwei Bereichen:

Im Privaten ist ein Mehrgenerationenhaus eine langfristig „angelegte Lebensform für das freiwillige Zusammenleben mehrerer unabhängiger und verschieden alter Personen in einer sehr großen Wohnung oder einem Haus“, wie es Wikipedia definiert. Sie wohnen dabei in der Regel in separaten Einheiten, wie beim Familienwohnhaus Modica.. Weitere Nutzungen wie Werkstatt, Toberäume, Gemeinschaftsküche, Gästezimmer, Sauna und Gartenflächen können so einfacher erstellt und nach vereinbarten Regeln gemeinsam genutzt werden.

Auf der Ebene der Kommunen sind Mehrgenerationenhäuser Orte der Begegnung der Generationen. Sie bieten Raum für gemeinsame Aktivitäten und schaffen ein nachbarschaftliches Miteinander. Jüngere helfen dort Älteren und umgekehrt. Das ‚Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser‘ des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen, und Jugend fördert Bundesweit rund 540 Mehrgenerationenhäuser, wie das AWO-Mehrgenerationenhaus Landsberg. Über die Internetseite www.mehrgenerationenhaeuser.de lassen sich Häuser in der Nähe finden.

Wenn die Generationen wieder gemeinsam leben, gewinnen alle. Ein Mehrgenerationenhaus  bietet den Rahmen dazu.
Wenn die Generationen wieder gemeinsam leben, gewinnen alle. Ein Mehrgenerationenhaus bietet den Rahmen dazu.
Bild: holzius

Aktionsprogramm Mehrgenerationenhäuser

Die vom Bund geförderten Häuser sind als Schwerpunkt offene Treffs. Sie sind Caféstube, Erzählsalon, Spielzimmer, Treffpunkt der Generationen und Wohnzimmer für alle. Zudem gibt es in solchen Häusern familienorientierte Aktivitäten und Dienste für Jung und Alt. Beispiele sind Betreuungs-, Lern- und Kreativangebote für Kinder und Jugendliche, Weiterbildungskurse für berufliches und privates, Unterstützungsangebote für Pflegebedürftige und deren Angehörige oder Sprachkurse für Migrantinnen und Migranten.

Zudem fördern MGH Hilfe zur Selbsthilfe. Dabei lebt das Haus durch freiwilliges Engagement. Freiwillige sind Leihgroßeltern, geben Computer-Nachhilfe oder organisieren Theaterprojekte. Alle Interessierten können sich mit ihren Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen und zugleich vom Wissen und Können der anderen profitieren. Die Kommune vernetzt mit weiteren Akteuren wie Freiwilligenagenturen, Verbänden oder Kultur- und Bildungseinrichtungen. Einmal im Jahr gibt es Aktionstage bei dem die Häuser zu besonderen Veranstaltungen einladen. Seit 2018 werden mit dem Wettbewerb „DemografieGestalter 2018 – Der Mehrgenerationenhauspreis“ besonders kreative Projekte ausgezeichnet.

Vorteile Mehrgenerationenhaus

Das Leben in einem Mehrgenerationenhaus bietet viele Vorteile; die Kosten sind Kosten geringer, es gibt eine soziale Vielfalt und die Bewohner werden potenziell entlastet.

Geringere Kosten

Da die Grundstücks- und die Baukosten zwischen den Akteuren aufgeteilt werden, wird das Projekt für jeden einzelnen günstiger. Gemeinsam lassen sich auch zusätzliche Räume für die Gemeinschaft, Kinder oder Gäste realisieren. Auch wohnbegleitenden Dienstleistungen und Sharing-Angebote wie Car-Sharing lassen sich so einfacher realisieren.

Soziale Vielfalt

MGH erleichtern es, soziale Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Ein gemeinschaftliches Zusammenleben mehrerer Generationen unter einem Dach bietet eine Vielzahl an Möglichkeiten, das Sozialleben zu stärken und sich gegenseitig zu unterstützen. Austausch und Unterhaltung gibt es bei gemeinsamen Aktionen wie Feiern zu Silvester oder Sommerfeste. Bewohner*innen von größeren Projekten wie beim Haus Mobile in Stuttgart organisieren auch gemeinsame Ausflüge und sogar einen Kurzurlaub.

Entlastung der Bewohner

Durch das Zusammenleben von Erwerbstätigen und Senioren ergeben sich Synergien. Berufstätige Eltern finden im Haus leichter Betreuungsmöglichkeiten für ihren Nachwuchs wie Babysitter, Leihgroßeltern oder Spielgefährten. In manchen Häusern wird abwechselnd einmal die Woche in der Gemeinschaftsküche gekocht. Manche Gemeinschaften wie Schloss Tempelhof bereiten täglich Essen zu, die auch Gäste bestellen können. Im Tempelhof gibt es auch ein Café, in dem selbstgebackene Kuchen und eigener Apfelsaft verkauft werden. Hat das Projekt eine gewisse Größe, so können auch Räume zur medizinischen Versorgung bereitgestellt werden.

Vorteile: geringere Kosten, soziale Vielfalt, Entlastung der Bewohner

Nachteile Mehrgenerationenhaus

Es gibt jedoch auch ein paar Nachteile, die man beachten sollte. Zum Beispiel gibt es einen größeren Organisationsaufwand, man braucht mehr Zeit zum Planen und es kann zu Streitigkeiten zwischen den Beteiligten kommen.

Größerer Organisationsaufwand

Bis sich die Baugruppe gefunden hat, vergeht meist schon Zeit. Jedes Mitglied benötigt die Kreditzusage seiner Bank und es kommt vor, dass zuletzt noch jemand deshalb ausfällt. Denn nach der Firmierung muss erst einmal ein passendes Grundstück gefunden werden, vor allem in Städten oft kein einfaches Unterfangen. Das Vertragswerk wird in der Regel von einem Anwalt ausgearbeitet. Zum Notartermin wird dann oft der umfangreiche Vertrag vor allen Beteiligten verlesen und unterschrieben. Näheres dazu im Artikel MGH gründen und bauen.

Mehr Planungszeit

Bei der Planung schließlich sind viele Bedürfnisse abzugleichen, weshalb der Aufwand größer ist. Weil meist ein oder zwei Bauherrenvertreter*innen an Vergabegesprächen mit Handwerkern teilnehmen, kann auch die Bauzeit länger dauern.

Potential für Streitigkeiten

Größere Projekte haben auch mehr Potential für Streitigkeiten. So überzog ein Mitglied der Hausgemeinschaft in einem Holzbauprojekt den Bauherren mit Klagen wegen eines seiner Meinung nach ungenügendem Schallschutz. Bei einem anderen Projekt erreichte es ein Bauherr, dass in den Planungsunterlagen eine Raumnutzung festgeschrieben wurde, wodurch alle anderen den als Gemeinschaftsraum angedachten Raum nicht mehr anderes nutzen konnten.

Nachteile: größerer Organisationsaufwand, mehr Planungszeit, Potential für Streitigkeiten

Beispiel Familienwohnhaus Modica

Im Südtiroler Vetzan baute die Firma holzius das Familienwohnhaus Modica mit drei Wohneinheiten. Die untere Etage wird von Cosimo Modica und Petra Gamper genutzt., Im Obergeschoss haben die erwachsenen Kinder von Cosimo separate Wohneinheiten. Cosimos Tochter lebt dort mit ihrer Tochter, so dass das Holzhaus drei Generationen nutzen. „Die Atmosphäre in unserem Zuhause wirkt äußerst angenehm, das fällt auch unseren Gästen sofort auf“, freut sich der Hausherr. Eine Photovoltaikanlage auf dem Dach liefert Strom für die Wasser-Luft-Wärmepumpe, die eine Bodenheizung versorgt. Ein großer Regenwassertank unter dem Rasen dient der Gartenbewässerung.

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Beispiel AWO-Mehrgenerationenhaus Landsberg

2014 zog das AWO-Mehrgenerationenhaus Landsberg in ein Gebäude aus dem 16. Jahrhundert inmitten der historischen Altstadt. Hier gibt es eine Begegnungsstätte und zwei Büroräume, aus denen 25 Projekte koordiniert werden. 130 Ehrenamtliche wurden ausgebildet, die verschiedene Initiativen gegründet haben, wie etwa die Ortsgruppe von Greenpeace. Seit 2015 ist das MGH auch Träger eines erfolgreichen Repair Cafés. Reparieren statt Wegwerfen heißt die Devise. Daneben konnte vielen Menschen mit Fluchtgeschichte ein kaputtes Fahrrad vermittelt und repariert werden. So wird ein verantwortungsbewusster und nachhaltiger Lebensstil in Verbindung mit nachbarschaftlicher Gemeinschaft und generationenverbindende Miteinander gepflegt.

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Buchtipps

Woelky, Daniel: „Unter einem Dach. Positive Synergieeffekte eines Mehrgenerationenhauses“, Studylab, 2018

IBA_Wien 2022, future.lab (Hrsg.): „Neues soziales Wohnen: Positionen zur IBA_Wien 2022“, Jovis, 2020

Text: Achim Pilz

Das Evans Tree House: ein Bildbericht

Das Evans Tree House ist ein einzigartiges Baumhaus in den Wäldern von Arkansas. Es macht die Natur für Groß und Klein greifbar und der Besuch im Wald wird zu einem Erlebnis für alle Sinne.

Das Evans Tree House ist ein einzigartiges Baumhaus in den Wäldern von Arkansas. Es macht die Natur für Groß und Klein greifbar und der Besuch im Wald wird zu einem Erlebnis für alle Sinne.

In diesem Artikel:

Ein Gastbericht von modus studio.

Das Evans Tree House

Im Sommer 2018 hieß der Evans Children’s Adventure Garden ein neues Baumhaus willkommen. Das Grundstück liegt eingebettet in die Hügel des Ouachita Berges, entlang des Lake Hamilton und bei den Garvan Woodland Gardens in Hot Springs, Arkansas. Das Baumhaus ist das erste von drei geplanten Baumhäusern für den Garten. Diese sollen ein interaktives und pädagogisches Erlebnis für die besuchenden Kinder sein. Plan ist es, Kindern den Wald wieder näher zu bringen.

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Das Evans Tree House nutzt seine reiche visuelle und fühlbare Umgebung, um Körper und Geist zu stimulieren. Außerdem kann so die Verbindung zur Natur gestärkt werden. Die einzigartige Struktur des Baumhauses ist ein kleines Projekt mit großer Wirkung für das studio modus. Vom Design bis zur Herstellung – dazu wurden Kenntnisse der Natur aus Kindheitstagen mit der Mentalität „Denken, Machen, Umsetzten“ vereint (engl. Original: „think, make, do philosophy“. Da die Teammitglieder selber recht ländlich aufgewachsen sind, war für sie die enge Verbindung zu den Bächen, Wäldern, Insekten und Tieren von Arkansas naheliegend. Genau diese wollen sie den Kindern der modernen Welt wieder näher bringen, da diese leider oft keine Verbindung mehr zum Spielen in der Natur haben.

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Das zugrundeliegende Leitmotiv der Baumkunde und die Studie der Bäume und anderen Gehölze geben bei dem Baumhaus den Plan und die Form an. Insgesamt 113 Lamellen hat die Struktur aus dem Holz der Southern Yellow Pine (Sumpf-Kiefer) aus der Region Arkansas. Durch sie ergibt sich eine semi-transparente und anregende Form, die dynamisch mehrere Bereiche verdeckt – für Kinder und Erwachsene gleichermaßen. So können sich die Besucher voll und ganz den Wundern der Natur und den Baumkronen widmen. Die mysteriöse Form, das Spiel von Licht und Schatten, die Geräuschkulisse, die Erkundung der Materialien und das Abenteuer für alle Sinne werden so zu einem nahezu magischen Erlebnis mitten im Ouachita Forest.

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Skizze der Lage des Evans Tree House

Über das modus studio

Getrieben von der Überzeugung, dass relevante und inspirierende Architektur aus simplen Alltagserlebnissen entstehen kann, weicht modus studio von einer generellen Formgestaltung ab. So kreieren sie durchdachte Architekturen, welche die heutige Landschaft formen sowie eine nachhaltige Zukunft anstreben. Modus ist im Nordwesten Arkansas verwurzelt. Die Architektur soll vor allem zwischen der natürlichen und der menschengemachten Welt navigieren. Die Philosophie “denken – machen” schlägt eine Brücke zwischen Design und Herstellung; Dadurch wird gewährleistet, dass Arbeiten aus tiefster Überzeugung sowie mit feinstem Handwerk ausgeführt werden. Dafür erhielt das Unternehmen zahlreiche regionale und nationale Auszeichnungen, beispielsweise den „2018 Architectural League of New York’s Emerging Voices Award“.

Teile des Evans Tree House wurden vor Ort im Studio gefertigt

Projektdaten

Projekt
The Evans Tree House at Garvan Woodland Gardens – a division of the University of Arkansas Fay Jones School of Architecture and Design

Location
Hot Springs, Arkansas

Fertigstellung
Juli 2018

Eigentümer
Garvan Woodland Gardens | University of Arkansas

Kontakt
Becca Ohman

Architektur
modus studio

Architekturteam
Chris Baribeau
Josh Siebert
Suzana Annable
Scott Penman
Philip Rusk
Jody Verser
Ken Hiley

Herstellungsteam
Jason Wright
Reice Brummett
Paul Siebenthal
Alex Cogbill
Kevin Brown

Bautechnik
Ecological Design Group
Engineering Consultants, Inc.

Ausstellungsdesign
Fromme Design

Unternehmen
CDI Contractors

Fotografie
Timothy Hursley

Text und Bilder: modus studio/Timothy Hursley

Der Gabrielhof – vier Familien, ein Bauernhof

Vier Familien haben den Gabrielhof in Eggstätt, Chiemgau, ressourcenschonend, wohngesund und baubiologisch saniert.
Bild: KfW Bankengruppe / Claus Morgenstern

Vier Familien haben den Gabrielhof in Eggstätt, Chiemgau, ressourcenschonend, wohngesund und baubiologisch saniert. Dadurch wurde eine Neuversiegelung vermieden und der alte Bauernhof erstrahlt in neuer Pracht.

In diesem Artikel:

Ein Beitrag unserer Redaktion.

„Ökologisch bauen kostet nicht mehr als ein konventionelles Haus, wenn man es vernünftig angeht“

Architekt Eik Kammerl
Die vier Baufamilien vor ihrem neuen Heim: dem Gabrielhof
Die vier Baufamilien vor ihrem neuen Heim
Bild: KfW Bankengruppe/Claus Morgenstern

Der Gabrielhof: Ein alter Bauernhof mit neuem Anbau

Die ökologischen und baubiologischen Ansprüche der vier Baufamilien, die aus einem heruntergekommenen Hof im Chiemgau wieder ein stolzes Anwesen machten, waren hoch. Obwohl das Budget knapp war, gewannen sie einen ersten Preis beim ‚KfW Award Bauen 2019‚.

Der 1914 erbaute Gabrielhof im bayerischen Eggstätt fügt sich harmonisch ins Landschaftsbild und bietet den Baufamilien, die ihn 2014 in einem desolaten Zustand erwarben, viel Platz zum Leben, ohne dass neue Fläche versiegelt wurde. Mit vereinten Kräften haben sie das ursprüngliche Haupthaus saniert und den zerfallenen Holzanbau – ein langer Stall mit Scheune – durch drei fast gleich große, neue Reihenhäuser ersetzt.

Die vier Baufamilien und der Architekt sind stolz auf das nachhaltige Weiterbauen.
Die vier Baufamilien und der Architekt sind stolz auf das nachhaltige Weiterbauen.
Bild: KfW Bankengruppe/Claus Morgenstern
Stolz erhebt sich das historische Kopfgebäude des Gabrielhofs, an dessen Rückseite sich nahtlos die neuen Häuser für drei weitere Familien anschließen.
Stolz erhebt sich das historische Kopfgebäude des Gabrielhofs, an dessen Rückseite sich nahtlos die neuen Häuser für drei weitere Familien anschließen.
Bild: KfW Bankengruppe/Claus Morgenstern

Cradle to Cradle Prinzip

Hubert und Brigitte Janson, deren dreiköpfige Familie wunschgemäß den Altbau bekam, hatten bei den Sanierungsarbeiten, die bis auf Sanitär- und Elektroinstallation in Eigenleistung erfolgten, ein echtes Schlüsselerlebnis. „Da habe ich hautnah erfahren, was Cradle to Cradle bedeutet“, sagt der Bauherr. Sie mussten das Gebäude bis auf die Außenwände komplett entkernen und stießen dabei auf lediglich drei bis vier Materialien wie Kalkputz, Holz, Mauer- und Dachziegel.

Alle Materialien konnten problemlos entsorgt oder zurück in den Kreislauf gebracht werden. Die einzige Ausnahme bildete das später eingebaute Bad. Bei seinem Ausbau fielen von Porenbetonsteinen über Gipskartonplatten bis hin zu Plastikfußboden und diversen Verbundstoffen die unterschiedlichsten Baustoffe an, wobei vieles gesondert entsorgt werden musste.

Individuelle Lösungen

Solch einen Sündenfall gab es bei der Sanierung nicht mehr. An Wänden und Decken sind nur noch Lehm oder Holz zu finden. Um das Gesicht der Außenfassade nicht zu verändern, wurde das 50 Zentimeter dicke Mauerwerk mit einer Holzfaserplatte von innen gedämmt. Darauf kam eine Wandheizung in einem Lehmputz. Im Erdgeschoss entschied sich das Ehepaar für einen Schwingboden aus Eiche. Seine leicht nachfedernden Dielen sind eine Wohltat für Kniegelenke und Rücken.

Die neuen Reihenhäuser hinter dem ursprünglichen Gabrielhof haben eine durchgängige Holzfassade, ähnlich der ehemaligen Scheune. Dahinter stecken drei individuelle Grundrisse.
Die neuen Reihenhäuser haben eine durchgängige Holzfassade, ähnlich der ehemaligen Scheune. Dahinter stecken drei individuelle Grundrisse.
Bild: KfW Bankengruppe/Claus Morgenstern

In den oberen Stockwerken liegen unbehandelte Ahorndielen und an den neuen Holzbalkendecken fallen die sägerauen, gebürsteten Fichtenbretter mit ihrer schönen Zeichnung ins Auge. Auch wenn die vierjährige Sanierungszeit für Familie Janson anstrengend war: Die Mühe hat sich gelohnt. Vater, Mutter und Sohn genießen den unverwechselbaren Charme und die einzigartige Atmosphäre ihres individuellen Zuhauses in vollen Zügen.

In den neuen Räumen des Gabrielhofes dominieren naturbelassenes Holz und Lehm. Die recycelten Ziegel erinnern an vergangene Zeiten.
Links: In den neuen Räumen dominieren naturbelassenes Holz und Lehm. Die recycelten Ziegel erinnern an vergangene Zeiten. (Bild: Privat)
Rechts: Gemütlich zwischen Holz und Natur: Der eingezogene Balkon bietet ein geschütztes Plätzchen für kurze und lange Pausen, auch wenn das Wetter einmal nicht mitspielt. (Bild: Privat)

Der Gabrielhof wurde ressourcenschonend und gesund gebaut

Die drei Reihenhäuser teilen sich mit dem Altbau das neu errichtete Dach. Auch in den neuen Räumen dominieren naturbelassenes Holz und Lehm. So kam beim Aufbau der Außenwände aus massivem Vollholz kein ökologisch kritischer Leim zum Einsatz. Die Holzbohlen aus heimischer Fichte werden stattdessen durch eine vernagelte Querlage zusammengehalten. Auch die aus ökonomischen Gründen akzeptierten Haustrennwände aus Betonverfüllsteinen sind nicht ‚von der Stange‘. Die Baufamilien bestanden auf einem Verfüllbeton ohne chemische Zusätze und suchten so lange, bis sie ein Betonwerk fanden, das ihnen eine entsprechende Mischung herstellte. Zwar brauchte diese länger zum Austrocknen, doch der Lehmputz konnte dank seiner Elastizität und Durchlässigkeit für Feuchte mit dieser Herausforderung gut umgehen.

Wo Fenster zu Terrassentüren erweitert wurden, wurde die alte Sprossenteilung übertragen. Holz, Lehmputz und dickes Gemäuer erzeugen eine Atmosphäre voll Ruhe und Geborgenheit im Gabrielhof.
Wo Fenster zu Terrassentüren erweitert wurden, wurde die alte Sprossenteilung übertragen. Holz, Lehmputz und dickes Gemäuer erzeugen eine Atmosphäre voll Ruhe und Geborgenheit.
Bild: KfW Bankengruppe/Claus Morgenstern

Als Dämmung gegen das Erdreich wurde Glasschaumschotter aus anderweitig nicht recycelbarem Altglas gewählt. Das Material hat sich in diesem Bereich bewährt und war letztendlich sogar günstiger als eine konventionelle Dämmung und eine anschließend notwendige kapillarbrechende Schicht. Im Winter bannt die im Erdgeschoss im Estrich verlegte Fußbodenheizung zusätzlich jede Gefahr kalter Füße. In den Geschossen darüber wurden Wandflächenheizungen installiert, die durch ihre angenehme Strahlungswärme stark zum allgemeinen Wohlbefinden beitragen. Die notwendige Heizenergie liefert die Hackschnitzelanlage des Nachbarn. Außerdem nutzt eine Solaranlage die Sonne als regenerative Energiequelle.

Gabrielhof: Blick über die Landschaft: In diesem Haus liegt der Wohnmittelpunkt im Obergeschoss.
Blick über die Landschaft: In diesem Haus liegt der Wohnmittelpunkt im Obergeschoss.
Bild: KfW Bankengruppe/Claus Morgenstern Titelbild

Nachhaltige Wirkung

„Ökologisch bauen kostet nicht mehr als ein konventionelles Haus, wenn man es vernünftig angeht“, sagt Eik Kammerl, der Architekt, der das Projekt betreute. Der erfahrene Planer konnte beim Gabrielhof die Kosten erfolgreich im Rahmen halten. Das lag auch an dieser besonderen Baugruppe mit gelebtem Gemeinschaftssinn: „Wenn einer sein Ding durchdrücken will, geht sowas nicht“, formuliert es Corinna Schneider, die in einem der Reihenhäuser wohnt. Gerne packten alle tatkräftig mit an. Das nächste Projekt steht bereits vor der Tür: Demnächst werden die Außenanlagen gerichtet – mit Hilfe des Preisgeldes aus dem KfW Award.

Baudaten Gabrielhof

Erweiterung eines Bauernhauses für vier Familien in Eggstätt, Chiemgau:

Sanierung
2015 – 2018

Neubau
2016 – 2017

Bauweise Bestand
Ziegelaußenwand, Innendämmung, Lehmputz

Böden und Decken
Eiche, Ahorn, Fichte

Bauweise neu
Holzmassivbau aus heimischem Fichtenholz, vorgehängte Schalung aus unbehandeltem Lärchenholz, Zellulose Einblasdämmung, Lehmputz, Dielenböden, teilweise Sichtestrich

Energiekonzept
Fernwärme aus Hackschnitzelanlage sowie Solaranlage, Fußboden- und Wandflächenheizung, Solaranlage, Regenwassernutzung

Bauherren
Familien Emerson, Janson, Oßwald/Dietz und Schneider

Architekten
Kammerl & Kollegen, Pfaffing

Wenn Sie sich für umgebaute Scheunen interessieren, haben wir hier noch einen sehr interessanten Beitrag für Sie. Die Innenarchitektin Stephanie Thatenhorst hat sich einen Traum erfüllt und eine alte Scheune der Familie in ein Urlaubsdomizil verwandelt.

Text: Margot Allex-Schmid

Baubiologie – ganzheitlich gesund wohnen und arbeiten

Was es mit der Baubiologie auf sich hat und wie Sie entsprechende Experten finden, lesen Sie hier.
Bild: IBN

Die ganzheitliche und naturnahe Lehre der Baubiologie hat vor bald 50 Jahren begonnen. Bis heute hat sie viele Spezialisten ausgebildet, die dabei helfen, dass Wohnungen und Arbeitsstätten die Gesundheit erhalten. Gute Baubiolog*innen in Deutschland sind im IBN oder den beiden Verbänden organisiert. Was es genau mit der Baubiologie auf sich hat und wie Sie entsprechende Experten finden, lesen Sie hier.

In diesem Artikel:

Ein Beitrag unserer Redaktion.

Was ist Baubiologie?

Kurz gesagt: Das Ziel der Baubiologie ist ein naturnahes, ganzheitlich gesunde Wohnen, Arbeiten, Bauen und Sanieren. Ein Schwerpunkt liegt traditionell auf dem Wohnen, da es schließlich uns alle betrifft.

Seit bald 50 Jahren wird die Baubiologie von einem Netzwerk aus Fachleuten optimiert. Jede*r bringt seine oder ihre persönliche Fachkompetenz ein, bildet sich stetig weiter und hilft im Netzwerk. Das Ziel der Baubiologie ist ein naturnahes, gesundes Wohnen, Arbeiten, Bauen und Sanieren, mit einem Schwerpunkt auf dem Wohnen. Denn Baubiolog*innen verstehen das Wohnumfeld als dritte Haut. Diese sollte so gesund und frei von Giften sein, wie die eigene Kleidung und die eigene Haut. Im Gegensatz zu den einzelnen Gewerken gestalten sie das Wohnumfeld ganzheitlich und möchten es möglichst naturnah erhalten. Als Wohnumfeld verstehen sie dabei die gesamte gebaute Umwelt von der Wohnung bis zur Stadt. Je nach Fachkompetenz beraten Baubiolog*innen beim Planen, Messen oder Bauen.

Baubiologische Aufklärung

Die Baubiologie hat ihr Profil durch Aufklärung über neue umweltmedizinische Forschungen geschärft. Oft musste sie dabei dem Greenwashing von Firmen entgegenarbeiten; wie in den 1970er und 80er Jahren bei den Pestiziden in sogenannten Holzschutzmitteln, beispielsweise in Xylamon. Es enthielt bis 1978 die extrem giftigen Stoffe PCP und Lindan, die sogar heute noch manchen Altbau belasten.

Früh warnten Baubiologen auch vor Schadstoffen wie Asbest, krebserregendem Formaldehyd, Schimmelpilzen oder dem giftigen Flammschutzmittel HBCD in Polystyrol, welches seit 2015 verboten ist. Heute klären sie zudem über schlechtes Licht, ‚Elektrosmog‚ und Radioaktivität auf. In den 25 Leitlinien hat das 1983 gegründete Institut für Baubiologie & Nachhaltigkeit IBN die Grundregeln der Baubiologie formuliert. In den fünf Bereichen „Innenraumklima“, „Baustoffe und Raumausstattung“, „Raumgestaltung und Architektur“ „Umwelt, Energie und Wasser“ sowie „ökosozialer Lebensraum“ ist alles zusammengefasst, was heute zu einem gesund erhaltenden Wohnumfeld gehört.

Die Baubiologie umfasst Kriterien für ein gesundes, naturnahes, nachhaltiges und schön gestaltetes Lebensumfeld. Dabei geht es um Baustoffe und Raumgestaltung sowie um ökologische, ökonomische und soziale Aspekte.
Anmerkung: Zur Vergrößerung bitte auf das Bild klicken
Die Baubiologie umfasst Kriterien für ein gesundes, naturnahes, nachhaltiges und schön gestaltetes Lebensumfeld. Dabei geht es um Baustoffe und Raumgestaltung sowie um ökologische, ökonomische und soziale Aspekte.
Bild (Ausschnitt): IBN, Christian Kaiser

Die Grafik (Quelle IBN/Christian Kaiser) können Sie hier herunterladen:

Schöner Leben mit Baubiologie

Die zweite Generation von Baubiolog*innen gestalten das Wohnumfeld zunehmend ästhetisch – ein Genuss für die Augen, mit angenehm warmen Oberflächen, Wohlgerüchen für die Nase und stressfreier Akustik. Das zeigen das Buch „Gesundes Bauen und Wohnen – Baubiologie für Bauherren und Architekten“ oder der internationale Fibra Award. Stellschrauben für die Ästhetik sind ökologische Baustoffe wie Holz, Kalk, Lehm oder Stroh sowie auch Farben und Putze. Aber auch Themen wie Wärmedämmung, Heizung und Lüftung sind wichtig für ein gutes Raumklima.

In den Artikeln „Stadl mit Lehm – eine zweite Heimat im Chiemgau“ und „Strohboid – nachhaltige Bausysteme für Events“ können Sie nachlesen, wie mit den Materialien Lehm, Stroh und Holz gebaut wird. Der Artikel „Recyclinghaus – ein preisgekröntes Wohnprojekt“ zeigt, dass man auch mit Recyclingmaterialien gut bauen kann.

Neu auf dem Markt sind mineralisch matte Lehmfarben, die schnell eine moderne Farbigkeit in die eigenen vier Wände bringen
Neu auf dem Markt sind mineralisch matte Lehmfarben, die schnell eine moderne Farbigkeit in die eigenen vier Wände bringen
Bild: Auro

Messbare Qualität

Der Erfolg einer baubiologischen Gestaltung ist aber nicht immer zu sehen. Erst Messtechnik macht auch unsichtbare biologisch riskante Umwelteinflüsse sichtbar. Sie erkennt beispielsweise elektrische, magnetische und elektromagnetische Felder (EMF), auch ‚Elektrosmog‘ genannt, oder leicht flüchtige Schadstoffe (VOC). Mit technischer Hilfe spüren Baubiolog*innen auch Schadstoffe wie Radon auf. Bei Schimmel gibt es auch die Möglichkeit, einen Spürhund einzusetzen. Baubiologische Messtechnik kommt bei ganz unterschiedlichen Gebäudegrößen zum Einsatz; in Wohnungen, ganzen Gebäuden oder kompletten Siedlungen. So prüfte und bewertete der Baubiologe IBN Stephan Streil bei der Untersuchung des 22 Hektar großen Grundstücks für das Ecoquartier Pfaffenhofen die Einflüsse von Hochspannungsleitungen, Bahn, Trafohäusern, Mobilfunk, Radon-Bodengas sowie Schallemissionen.

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Kleinteiliger ist die Bebauung im so genannten „Taldorf“
Kleinteiliger ist die Bebauung im so genannten „Taldorf“
Bild: Achim Pilz

Baubiologische Institutionen

Die Berufsbezeichnung Baubiologe ist in Deutschland nicht geschützt und unterliegt keiner definierten Ausbildung. Das führt dazu, dass neben gut ausgebildeten Baubiolog*innen auch Mitläufer zu finden sind. Eine fundierte Ausbildung und regelmäßige Weiterbildungen bieten folgende Institutionen an:

Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN

Das unabhängige IBN in Rosenheim berät seit mehr als 30 Jahren. Besonders erfolgreich ist es in der Grundausbildung. Die meisten deutschen Baubiolog*innen haben dort mit dem von Anton Schneider gegründeten Lehrgang begonnen. Heute wird es von dem Architekten Winfried Schneider geleitet und bietet einen Fernlehrgang mit digitalen Unterlagen an. (Zu einem Interview mit Winfried Schneider geht es hier.)

Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN

Das IBN hat mit an den 25 Leitlinien und dem wichtigen Standard der Baubiologischen Messtechnik gearbeitet. 2015 baute es als Mustergebäude sein neues Büro mit Einliegerwohnung. Das Passivhaus hat ein nachhaltiges Gesamtkonzept und ist konsequent mit baubiologischen Materialien gebaut. So sehen Verbraucher*innen, was heute rund um den gesunden Innenraum und das nachhaltige Bauen möglich und sinnvoll ist. Das IBN vernetzt außerdem weltweit weitere baubiologische Institute.

Institut für Baubiologie + Nachhaltigkeit IBN, Rosenheim
Tel.: 08031-353920
E-Mail: institut@baubiologie.de
Homepage: www.baubiologie.de

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Verband Baubiologie e.V. VB

Der VB ist ein unabhängiger und gemeinnütziger Interessenverband der gesundheitlich verträglichen und ökologischen Produkte, Technologien, Baustoffe und Bauweisen propagiert. Er fördert die Zusammenarbeit und den Erfahrungsaustausch unter den Baubiolog*innen.

Verband Baubiologie e.V. VB

Kurzinterview mit dem Vorstandsvorsitzenden des Verbands Baubiologie Ulrich Bauer (Architekt, Baubiologe):

Warum sind Sie neben Ihrer Profession als Architekt auch Baubiologe?
Die Baubiologie gibt mir die Möglichkeit als Architekt wieder den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen und Lebensräume zu schaffen, die alle Sinne ansprechen, behaglich sind und eine hohe Lebensqualität anbieten.

Kurzinterview mit dem Vorstandsvorsitzenden des Verbands Baubiologie Ulrich Bauer (Architekt, Baubiologe)
Bild: natürlich-baubiologisch.de

Was ist der wichtigste Schwerpunkt des Verbands Baubiologie?
Die Vision des Verband Baubiologie ist es unumgänglicher Partner bei der gesunden und nachhaltigen Wohn- und Lebensraumgestaltung zu sein. Dazu bilden wir unsere über 400 Mitglieder zu hoch qualifizierten, unabhängigen Experten weiter und machen Öffentlichkeitsarbeit in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Was sind aktuell die wichtigsten Themen für gesundes Wohnen?
Ein großes Anliegen ist es uns alle unnatürlichen Felder aus dem Stromnetz und Felder aus Funk zu reduzieren. Große Themen sind weiterhin schadstofffreie Gebäude, die Bilanzierung der Herstellungsenergien, Kreislaufwirtschaft und ökosoziales Leben.

VB – Verband Baubiologie, Bad Neuenahr
Tel.: 02641 – 911 93 94
E-Mail: info@verband-baubiologie.de
Internet: www.verband-baubiologie.de

Gemeinsam haben IBN und die beiden Baubiologen-Verbände mit der Agenda2025 die erreichbaren Ziele für die nächsten Jahre formuliert
Gemeinsam haben IBN und die beiden Baubiologen-Verbände mit der Agenda2025 die erreichbaren Ziele für die nächsten Jahre formuliert
Bild: IBN

Berufsverband Deutscher Baubiologen e.V. VDB

Der VDB vernetzt Sachverständige bei der Qualitätssicherung von möglichen Risiken in der bebauten Umwelt durch Schimmelpilze, Schadstoffe, elektromagnetische Felder sowie Strahlung. Für Interessierte hat er ein ‚Gesünder-Wohnen-Telefon‘ eingerichtet.

VDB – Berufsverband Deutscher Baubiologen, Jesteburg
Tel.: 04183-77 35 301
E-Mail: netzwerk@baubiologie.net
Homepage: www.baubiologie.net

Passende Baubiolog*innen finden

Baubiolog*innen, die vom IBN ausgebildet wurden, sind Generalisten, die zu allen 25 Leitlinien beraten können. Meist haben sie zudem durch eine Berufsausbildung oder ein Studium verschiedene Ausrichtungen und Spezialisierungen. Gute Plattformen, um einen örtlich nahen Baubiologen zu finden, bieten das IBN, der VB sowie der VDB. Dort gibt es nach Postleitzahlen geordnete Verzeichnisse.

Wählt man auf andere Art und Weise einen Baubiologen, so sollte man seine Grundausbildung und die Aktualität seines Fachwissens vor der Beauftragung auf jeden Fall abfragen. Um für eine persönliche Fragestellung den passenden Berater zu finden, haben wir hier eine kleine Auswahl von Beratungsstellen IBN mit Angabe ihrer wichtigsten Spezialisierung angelegt. Telefonische Kurzauskünfte erteilen sie in der Regel kostenlos und vermitteln geeignete Fachleuten, Firmen und Handwerker.

NameSpezialisierungonline
Bauer, Ulrich Schadstoffarme Baustoffenatuerlich-baubiologisch.de
Canters, RolfEnergetische Sanierungbauplusenergie.de
Dippold, UweWasserschädenbaubiologie-nuernberg.de
Ehm, ChristineBiologische Schädlingegiftfreie-schaedlingsbekaempfung.de
Feldbrügge, DavidLehmbaustoffhandellehm-laden.de
Jentner, PamelaRadonfachpersonradon-protect.com
Kaiser, ChristianAltbausanierungzekadesign.de
Längle, HolgerVerarbeitung von Lehmbaustoffenerfolgsgeheimnis-lehmbau.de
Mierau, Dr. ManfredEMF, Smart Homemaes.de
Müller, KarlheinzBaubiologische Grundstücksuntersuchungbaubiologie-verzeichnis.de/adresse/baubiologie-mueller/
Schön, StefanHolzbödenbaubiologie-schoen.de
Schweighöfer, SabineNaturbaustoffhandellebensart-freising.de
Streil, StefanSchadstoffe in Fertighäusernbaubio-logisch.de
von Dall’Armi, Dr. ThomasÖkologische Baukunstdenkenplanenbauen.de

Text: Achim Pilz

Raumklima – Gesundheit schützen, Viren reduzieren

Bild: entertheloft.com

Ein optimales Raumklima ist wichtig für die Gesundheit in den eigenen vier Wänden. Eine mittlere Luftfeuchtigkeit, Flächenheizungen, ein regelmäßiger Luftaustausch und zügig trocknende Oberflächen sind Faktoren, die sogar (Corona-)Viren reduzieren können.

In diesem Artikel:

Ein Beitrag unserer Redaktion, mit Tipps der Zeitschrift natürlich gesund und munter.

Raumklima, Viren und Gesundheit

Jeder Mitteleuropäer hält sich normalerweise mindestens 21 Stunden täglich in Räumen auf; zum Wohnen, Schlafen oder Arbeiten. Durch die Corona-Pandemie wurde es bei den meisten noch einmal länger. Das richtige Raumklima kann helfen, die Virenhäufigkeit in Innenräumen zu reduzieren. Deshalb sollten alle Innenräume so gestaltet sein, dass sie unmittelbar das Wohlbefinden verbessern und langfristig die Gesundheit unterstützen. Im wissenschaftlichen Sinne spricht man bei einer solchen Gestaltung von einem guten Raumklima.

Die Qualität des Raumklimas ist dabei von vielen Faktoren abhängig, die teilweise individuell wahrgenommen werden (siehe Tabelle unten). Erfrischend wirken gesundes Licht und saubere Luft ohne Schadstoffe. Besonders bei Temperatur und Luftfeuchtigkeit gibt es individuelle Vorlieben, die sich aber alle innerhalb des Behaglichkeitsfeldes befinden.

Bei mittleren Feuchtegehalten und Temperaturen wird das Raumklima allgemein als angenehm empfunden. Unbehaglich sind schwüle und austrocknende Kombinationen.
Bei mittleren Feuchtegehalten und Temperaturen wird das Raumklima allgemein als angenehm empfunden. Unbehaglich sind schwüle und austrocknende Kombinationen.
Bild: Grafik nach K. Sedelbauer, K. Breuer, A. Kaufmann

In Zeiten einer Pandemie ist es besonders wichtig, dass das Raumklima vor den vermehrten biologischen Angriffen schützt. Der Verband Ausbau und Fassade qualifiziert deshalb seine Mitglieder zu „Meistern des Raumklimas“. Ihr Ausbilder Karl-Heinz Weinisch vom Institut für Qualitätsmanagement und Umfeldhygiene (IQUH.de) warnt: „Das Raumklima kann – vor allem am Ende der Winterzeit – ein entscheidender und mitauslösender Faktor für Infektionserkrankungen sein“.

Faktoren, die das Raumklima und die Gesundheit beeinflussen

chemischphysikalischbiologischindividuell
VOCLichtSchimmelpilzePsychische Belastung
MVOCIonenHefepilzeEmpfindlichkeit
BiozideSchallBakterienZufriedenheit
AerosoleLuftwechselParasitenGeschlecht
TabakrauchElektrostatikVirenAllergien
EndotoxineLuftbewegungAsthma
Temperaturen
relative Luftfeuchtigkeit
Das Raumklima wird durch unterschiedliche Faktoren beeinflusst

Verbreitung von Coronaviren

Der Hauptübertragungsweg der neuartigen Coronaviren SARS-CoV-2 ist die Tröpfcheninfektion. Dabei gelangen die Viren schon beim Atmen und Sprechen, vermehrt jedoch beim Niesen und Husten von infizierten Personen in winzigen Sekrettröpfchen in die Luft. Die Tröpfchen sind so klein, dass sie ungeeignete Masken einfach durchdringen. Anschließend können sie von einem anderen Menschen eingeatmet und über die Schleimhäute aufgenommen werden. Auch eine Kontakt- oder Schmierinfektion, die zum Beispiel beim Händegeben oder über kontaminierte Oberflächen geschieht, ist möglich. Beide Übertragungswege – Luft und Oberflächen – lassen sich durch bauliche Vorsorge so gestalten, dass die Anzahl der aktiven Viren stetig abnimmt.

Aspekte des RaumklimasZielWeg
relative Luftfeuchtigkeit40 – 60 %feuchtepuffernde Baumaterialien und Feuchterückgewinnung bei Lüftungsanlagen mit Wärmetauschern
Luftbewegungmöglichst geringgroße Heizflächen mit niedrigeren Temperaturen
Oberflächentrockenbenetzbare Oberflächen und feuchtepuffernde Untergründe
Frischluftmindestens alle 2 h Komplettaustauschmechanisches Lüften oder täglich mehrmaliges Stoßlüften
Besonders wichtige Aspekte, die über das Raumklima Viren reduzieren können

Mittlere Luftfeuchtigkeit

Eine relative Luftfeuchtigkeit um 50 % hat viele positive Einflüsse (siehe Grafik unten). Am wichtigsten in Zeiten der Pandemie ist, dass sie die Lebensfähigkeit vieler Bakterien und Viren verringert. Bei normalen Raumlufttemperaturen liege der für den Menschen komfortabelste Bereich der Luftfeuchtigkeit in der Mitte zwischen 40 und 60 %, stellt Prof. em. U. Marmai fest. Solch eine mittlere Luftfeuchtigkeit reduziere biologische Eindringlinge wie Bakterien, Viren, Pilze sowie Milben. Ebenso mildere sie Asthma, Allergien und Husten.

Eine mittlere Luftfeuchtigkeit verringert außerdem den Feinstaubgehalt der Luft, aktiviert die Abwehrfähigkeit der Haut gegenüber Mikroben und reduziert Geruchsbelästigungen sowie störende elektrostatische Aufladungen.

Tipp der natürlich gesund und munter Redaktion:
Klassiker der Luftbefeuchtung sind Wassergefäße, die auf die Heizung gestellt oder an ihr aufgehängt werden. Zusätzlich gibt es weitere Möglichkeiten zur Luftbefeuchtung: Verdunstungsgeräte befeuchten die Luft passiv über nasse Filtermatten; Verdampfer erhitzen Wasser bis zum Siedepunkt und verströmen den dabei entstehenden Wasserdampf; Ultraschallvernebler zerstäuben Wasser in einen feinen Nebel, der die Luft befeuchtet. Auch das Aufstellen von Raumluftreinigungsgeräten, die die Luft „waschen“ und dabei kleinste Partikel entfernen, ist eine geeignete Maßnahme, um das Infektionsrisiko zu verringern.

Feuchtepuffernde Baumaterialien können die Luftfeuchtigkeit ausgleichen. Sie speichern die Feuchtigkeit, die bei alltäglichen Aktivitäten wie Kochen, Baden sowie Putzen entsteht, und geben sie in trockenen Zeiten wieder ab. In Lüftungsanlagen sorgen Wärmetauscher mit Feuchterückgewinnung für eine Erhöhung der Luftfeuchtigkeit. Vor allem in der kalten Infektionszeit wird dadurch eine zu trockene Luft im Innenraum verhindert.

Eine mittlere relative Luftfeuchte reduziert auch die Wirksamkeit von Viren auf den Menschen
Eine mittlere relative Luftfeuchte reduziert auch die Wirksamkeit von Viren auf den Menschen
Bild: Scofield und Sterling, ASHRAE Journal 34

Wenn man von aktiver Luftbefeuchtung spricht, muss man auch vor Schimmel warnen – vor allem in Altbauten. Das Institut für Baubiologie & Nachhaltigkeit in Rosenheim gibt hier einige Hinweise, wie Luftfeuchte und Schimmelpilze zusammenhängen und die Gesundheit vor Schimmel geschützt werden kann.

Wenig Luftbewegung

Mehr oder weniger heiße Radiatoren bringen die Raumluft in Bewegung und halten somit Sekrettröpfchen mit Viren in der Luft. Flächig abstrahlende Heizungen minimieren hingegen Luftbewegungen. Diese heizen mit geringeren Temperaturen und größeren Flächen wie Fußböden, Wänden oder Decken. Auch im Wohnbau werden inzwischen Decken zum Heizen im Winter sowie Kühlen im Sommer herangezogen. Auch für Hausstauballergiker und Asthmatiker ist eine Flächenheizung vorteilhaft. Denn durch sie ist die Luft zudem staubarm.

Richtiges Lüften

In geschlossenen Räumen kann die Anzahl von Viren schon durch den Atem von infizierten Personen ansteigen. Der regelmäßige Austausch von durch Tröpfchen beladener Luft mit sauberer Luft senkt das Ansteckungsrisiko. Zudem verbessert Lüften die übrigen Kriterien der Luftqualität wie CO²-Gehalt. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung rät auf ihrer Internetseite „infektionsschutz.de“ neben dem regelmäßigen Händewaschen zum ausreichenden Lüften. Dies kann entweder mechanisch geschehen oder durch täglich mehrmaliges Stoßlüften.

Tipp der natürlich gesund und munter Redaktion:
Lüften Sie Ihre Räume drei- bis viermal täglich für zehn Minuten so richtig durch. Am besten gelingt das mit Stoßlüften, bei dem idealerweise Durchzug entsteht. Das Fenster zu kippen, kühlt die Räume nämlich lediglich aus, zu einem Luftaustausch kommt es dabei nicht.

Trockene Oberflächen

Oberflächen aus Lehm, Kalk- und Silikatfarben sowie aus nachwachsenden Rohstoffen und offenporiges Holz sind benetzbar. Sie lassen Feuchtigkeit in den Untergrund und sind dadurch trockener. Nicht nur deshalb werden sie oft wohngesund genannt. Um ihre volle Wirkung entfalten zu können, muss der Untergrund selbst trocken sein. Zudem sollte er Feuchte gut puffern können. Laut einer Studie, die mitunter auch das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR veröffentlicht hat, kann das Coronavirus SARS-CoV-2 auf glatten Oberflächen wie Stahl oder Plastik bis zu 3 Tage infektiös bleiben.

Ein gesundes Raumklima durch Silikatfarbe. So kann man Viren reduzieren.
Auch Silikatfarben wie bei ‚The LOFT‘ in Amsterdam sind wohngesund
Bild: entertheloft.com
für das optimale Raumklima (Gesundheit) sind Kaseinfarben gut geeignet
Kaseinfarben aus nachwachsenden Rohstoffen lassen sich zudem mit zarten Pflanzen-Farbtönen lasieren
Bild: Aglaia

Auf trockenen Oberflächen hingegen seien die Viren „nicht besonders stabil.“ Verallgemeinernd kann man sagen: je benetzbarer eine Oberfläche, umso trockener. Auf benetzbarem Holz oder Stoff bleiben die Viren beispielsweise deutlich kürzer infektiös, so die Studie. Das gleiche gilt für Oberflächen aus alkalischem Silikat und Kalk sowie aus Lehm. Nur auf bakterizidem Kupfer, wie es auch für Türklinken und Lichtschalter eingesetzt wird, ist die Ansteckungsgefahr noch geringer. Dort seien die Viren schon nach 4 h inaktiv.

Raumklima: Gesundheit unterstützen mit Kalkfarbe
Kalk als Farbe und Schlämme sorgt bei dieser Sanierung durch das Architekturbüro Manderscheid für trockene Oberflächen
Bild: Johannes-Maria Schlorke
Mit Lehmfarbe können Raumklima und somit die Gesundheit optimal verbessert werden
Lehm hat eine brillante mineralische Farbigkeit und gleicht die Luftfeuchtigkeit aus
Bild: Claytech

Zimmerpflanzen und Feinstaubbelastung

natürlich gesund und munter über Feinstaub und Atemwegsinfekte:
Wintersmog ist ein weiterer Faktor für die Zunahme von Atemwegsinfekten. Er entsteht vor allem bei Inversionswetterlagen in der kalten Jahreszeit, also wenn eine warme Luftschicht wie ein Deckel über einer kalten Luftschicht liegt. Der sichtbare Dunst, der sich in der unteren Luftschicht sammelt, besteht vor allem aus Feinstaub. „Dieses Stoffgemisch aus Schwebepartikeln ist für die Lunge hochgradig gesundheitsgefährdend, weil es Krankheitserreger bis tief in die unteren Atemwege transportiert und dort akute und chronische Entzündungen auslösen kann“, erklart Dr. Kai-Michael Beeh, Internist, Pneumologe und Grunder des Instituts für Atemwegsforschung in Wiesbaden. „Zudem erhöht der Feinstaub die Infektiosität von Viren und Bakterien.“

Die Reduzierung des Feinstaubs in der Luft ist deshalb eine weitere Präventionsmaßnahme, zu der jeder Einzelne seinen Teil beitragen kann; Verzichten Sie wann immer möglich auf Fahrten mit dem Auto und heizen Sie bei Feinstaubalarm nicht mit Kaminöfen. Auch auf das Rauchen sollten Sie verzichten: Der Rauch einer einzigen Zigarette entspricht der Feinstaubmenge, die freigesetzt wird, wenn ein alter Dieselmotor ohne Katalysator eine Stunde lang im Leerlauf läuft.

Tipp der natürlich gesund und munter Redaktion:
Grüne Zimmerpflanzen mit großen Blattern geben durch permanente Verdunstung mehr als 90 Prozent des aufgenommenen Gießwassers an die Raumluft ab. Damit lasst sich die Luftfeuchtigkeit um etwa fünf Prozent erhöhen. Besonders gut gelingt das dem Zyperngras, das an sonnigen Sommertagen mehrere Liter Gießwasser umsetzen kann. Auch Zimmerlinde, Ficus, Nestfarn, Kolbenfaden und Aralien sind empfehlenswert.

Grüne Zimmerpflanzen mit großen Blattern geben durch permanente Verdunstung mehr als 90 Prozent des aufgenommenen Gießwassers an die Raumluft ab.
Links: Der beliebte Ficus Benjamina ist nicht nur ein natürlicher Luftbefeuchter. Er filtert auch Schadstoffe aus der Luft.
Mitte: Pflanzen mit großen Blättern wie der Kolbenfaden geben besonders viel Wasser an die Raumluft ab.
Rechts: Die Sumpfpflanze Zyperngras saugt mit ihren Wasserwurzeln viel Feuchtigkeit auf, die über die Blätter verdunstet.
Bilder: Pixabay und Unsplash

Optimales Raumklima für die Gesundheit gestalten

Generell beeinflussen viele Faktoren das Raumklima. Dementsprechend sollten alle Bauweisen und -stoffe auf ihre positiven Wirkungen darauf ausgesucht werden. Eine mittlere Luftfeuchtigkeit, ausreichender Luftwechsel, wenig Luftbewegung und trockene Oberflächen reduzieren zudem die Anzahl der aktiven Viren. In Zeiten drohender Pandemien sollte deshalb das Raumklima besonders überdacht und umsichtig gestaltet werden.

Wissenswertes über die Zusammenhänge zwischen einem gesunden Raumklima, ätherischen Ölen, einer aktiven Unterstützung der Schleimhäute sowie dem Vitamin-D-Spiegel können Sie in der aktuellen Ausgabe von natürlich gesund und munter (06 2020) nachlesen.

Text: Achim Pilz, mit Tipps der natürlich gesund und munter Redaktion

Elektrosmog – Quellen vorsorglich reduzieren

Raus mit dem Elektrosmog ! Wie riskant elektromagnetische Felder von Geräten und Kabeln, Handys und Funkmasten für die Gesundheit sind, ist umstritten. Doch gerade in der eigenen Wohnung kann man viel tun, um ihren Einfluss vorsorglich stark zu reduzieren.

Raus mit dem Elektrosmog ! Wie riskant elektromagnetische Felder von Geräten und Kabeln, Handys und Funkmasten für die Gesundheit sind, ist umstritten. Doch gerade in der eigenen Wohnung kann man viel tun, um ihren Einfluss vorsorglich stark zu reduzieren.

In diesem Artikel:

Ein Gastbeitrag der Zeitschrift natürlich gesund und munter.

Elektrosmog im eigenen Zuhause

Wir alle werden fast ständig von verschiedensten elektromagnetischen Feldern und Signalen umschwirrt, ohne sie sinnlich wahrnehmen zu können. Sie sind unsichtbar, erzeugen kein Gefühl auf der Haut, geben keine Gerüche ab und auch keine Geräusche. Nur gelegentlich kann ein störendes Knattern und Brummen im Lautsprecher zeigen, dass der „Feldsalat“ von Handys und ihren Masten, schnurlosen Telefonen, WLAN-Netzen und sämtlichen elektrischen Geräten permanent präsent ist – und auch mal unerwünschte Effekte auslösen kann.

Smart Homes sorgen für eine Dauerbestrahlung im Eigenheim

Allein dieses Gefühl, selbst im eigenen Zuhause solchen unsichtbaren Kräften ausgeliefert zu sein, kann belasten und sogar krank machen. Doch gibt es schädliche Wirkungen, die darüber hinausgehen? Viele Menschen sind überzeugt, dass der „Elektrosmog“ ihren Schlaf stört und bei ihnen Beschwerden wie starke Kopfschmerzen, Schwindel und Übelkeit auslöst. Überraschend wäre das nicht, schließlich funktionieren fast alle Vorgänge in lebenden Organismen über elektrische Spannungsänderungen; sämtliche Nervensignale, der Herzschlag, die Energieversorgung der Zellen.

Doch wie groß das Risiko elektromagnetischer Strahlen und Felder tatsächlich ist, wird von Experten durchaus unterschiedlich bewertet und muss zudem für jeden Frequenzbereich einzeln betrachtet werden (siehe Infokasten). Einig sind sich alle zumindest in einem Punkt: „Man sollte die Exposition so gering wie möglich halten“, sagt etwa die Biologin Dr. Gunde Ziegelberger, Leiterin der Arbeitsgruppe Elektromagnetische Felder beim Bundesamt für Strahlenschutz (BfS). „Und gerade bei den stärksten Einflüssen kann jeder selbst ganz viel tun.“

Strahlungsquelle Internetrouter

Wenn Messtechniker wie Johannes Schmidt, Referent am Institut für Baubiologie und Nachhaltigkeit in Rosenheim, ihre Prüf­geräte einschalten, geben sich die verborgenen elektromagnetischen Felder zu erkennen. So weist ein Knattern darauf hin, dass der WLAN-Router eingeschaltet ist. Der arbeitet mit hochfrequenten Signalen, die nicht gleichbleibend senden, sondern gepulst. Umweltmediziner und Baubiologen sehen das kritisch: „Es gibt Hinweise, dass solche gepulsten Signale den Herzrhythmus negativ beeinflussen können“, so Schmidt. „Versuchen zufolge kann sich das Herz auf den Takt des Routers einschwingen, statt variabel dem eigenen Rhythmus zu folgen.“

W-Lan Router sind meistens dauernd eingeschaltet; mit unseren Tipps können Sie den Elektrosmog reduzieren

Da Fritzbox & Co. permanent senden, ist die potenzielle Belastung in der Wohnung hoch. Was viele Nutzer nicht wissen; Sie lässt sich deutlich reduzieren – bei gleichbleibendem Komfort. Schmidt erläutert, welche Möglichkeiten es gibt:

› Datenkabel in der Wohnung verlegen – das geht auch nachträglich, entweder als Aufputzleitung oder in oft bereits vorhandene Leerrohre.

› Zusätzlich lassen sich sogenannte Femtozellen in den Zimmern errichten – das sind nur dort aktive WLAN-Netze, die mit äußerst geringer Sendeleistung auskommen und sich nach Bedarf einzeln aktivieren und deaktivieren lassen.

› Die Strahlungsintensität des Routers lässt sich manuell deutlich verringern, ohne dass sich Datenladegeschwindigkeit und Empfang verschlechtern. Für kleinere Wohnungen reichen meist 6 Prozent der ab Werk eingestellten vollen Sendeleistung. Für eine weitere Abdeckung (zum Beispiel inklusive Garten) muss man ausprobieren, wie weit sich die Sendeleistung des Routers reduzieren lässt. Diese lässt sich in den Grundeinstellungen ändern.

› Abends sollte der Router ausgeschaltet werden, entweder manuell oder automatisch (ebenfalls über die Grundeinstellungen). So lässt er die Bewohner wenigstens im Schlaf unbehelligt. „Die Nachtruhe dient der Regeneration, deshalb sollten Menschen in dieser Zeit besonders geschützt sein“, sagt der Baubiologe Schmidt.

[Einschub der Redaktion: mehr zum Thema Dauerstrahlung/Smart Home und baubiologische Empfehlungen können Sie hier lesen.]

Schnurlostelefone und Babymonitore

Auch Schnurlostelefone und Babymonitore sind Elektrosmogquellen

Auch Schnurlosgeräte senden hochfrequente gepulste Signale – und zwar beim üblichen DECT-Standard sogar dann, wenn sie nicht benutzt werden.

› Geräte mit „Eco-DECT“-Standard senden nur während des Telefonats, zudem ist die Sendeleistung um 90 Prozent reduziert – was meist völlig ausreicht. Bei Geräten mit „Eco-Mode +“ strahlt auch die Basisstation nicht, wenn nicht telefoniert wird. Wichtiger Hinweis von Johannes Schmidt: „Dieser Modus muss allerdings auch aktiviert sein.“

› Bei Babyphonen statt eines DECT-Modells lieber ein analoges Gerät wählen und mindestens zwei
Meter Abstand zum Kind einhalten.

Elektrosmog von Handystrahlen

Obwohl auch Fernseh- und Radioprogramme über elektromagnetische Signale in die eigene Wohnung gelangen, sind es vor allem Sendemasten für Handys, die von vielen skeptisch betrachtet werden. „Es gibt jedoch bisher keine nachgewiesene Wirkung, die geltende Grenzwerte infrage stellen würde“, fasst die Biologin Ziegelberger den Stand der Forschung zu den Mobilfunkstrahlen zusammen.

Elektrosmog im Alltag: Auch Fernseh- und Radioprogramme gelangen über elektromagnetische Signale in die eigene Wohnung.

Dabei wurde in etlichen Studien sogar untersucht, wie diese auf Menschen wirken, die sich selbst als elektrosensibel einstufen. In einer Untersuchung bewerteten sie ihre Schlafqualität, die zugleich per EEG dokumentiert wurde, während sie unter einem schützenden Baldachin lagen. Sowohl die subjektiven als auch die objektiven Aufzeichnungen zeigten, dass die Schlafqualität unabhängig davon war, ob der Baldachin die Probanden wirklich oder nur scheinbar von den Strahlen abschirmte.

In einer anderen Studie wurde ein norddeutsches Dorf im Funkloch mit einem neuen Sendemasten ausgestattet. Es zeigte sich sowohl in den Protokollen als auch im EEG; Wer sich über die Strahlung Sorgen machte, schlief messbar schlechter – aber die Schlafqualität war unabhängig davon, ob die Station sendete oder ausgeschaltet war.

Wichtiger als die ziellosen Mobilfunkstrahlen in der Umgebung sind jedoch die, welche direkt mit dem eigenen Gerät ausgetauscht werden. Dadurch entstehen direkt am Körper die höchsten Feldstärken, denen Menschen im Alltag ausgesetzt sind. Die wichtigste Sorge ist die vor der tumorfördernden Wirkung. „Bislang gibt es keinen Nachweis, dass Mobilfunkstrahlung Krebs auslösen kann. Gerade in Bezug auf langjährige, intensive Handynutzung können wir es aber nicht sicher ausschließen, denn viele Tumoren haben eine lange Latenzzeit“, sagt Gunde Ziegelberger. Wer das Handy bewusst nutzt, kann viel für den eigenen Schutz tun.

Handys/Smartphones sind eine Dauerquelle von Elektrosmog

Empfehlung zur Reduktion von Elektrosmog

› Den ständig im Hintergrund laufenden Funkverkehr drastisch reduzieren und WLAN, GPS und/oder Datenverkehr nur einschalten wenn nötig. Nachts können Sie mit dem Flugmodus sogar alle Funksignale des eigenen Geräts kappen und es trotzdem zum Beispiel als Wecker benutzen.

› Abstand halten, also beispielsweise Freisprecheinrichtungen nutzen. Das gilt vor allem bei schlechtem Empfang; Die höchsten Feldstärken entstehen, wenn das Gerät eine Verbindung sucht und der nächste Mast schlecht erreichbar ist.

› Handy nutzen, dessen SAR-Wert (Maß für die Strahlungsintensität) möglichst weit unter dem Grenzwert von 2,0 Watt pro Kilogramm (W/kg) liegt. Die Werte finden Sie hier.

Elektromagnetische Felder

Die gute Nachricht zuerst: Hochspannungsleitungen in der Nähe des Hauses sind laut BfS unbedenklich. Bei dem gelegentlich hörbaren Knistern und Summen handelt es sich um Entladungen, zu denen es bei feuchtem Wetter kommen kann. Für den Menschen sind sie unschädlich. Im Hinblick auf den Strahlenschutz ist etwas anderes wichtiger: „Die Stärke des elektromagnetischen Feldes nimmt mit jedem Meter stark ab“, sagt Ziegelberger. Dagegen wirken die Felder all der elektrischen Geräte in jeder Wohnung durchaus auf die Bewohner ein. „Es handelt sich um ein niedriges Frequenzspektrum, das aber gerade im Bereich dessen liegt, was die Zellen in einem lebenden Organismus auch nutzen“, sagt der Baubiologe Johannes Schmidt.

Elektrosmog von Strommasten? Hochspannungsleitungen in der Nähe des Hauses sind laut BfS unbedenklich

Sich dem völlig zu entziehen, ist in einem Land wie Deutschland fast unmöglich, doch wenigstens der Bettplatz sollte so weit wie möglich frei von den elektromagnetischen Feldern und Wellen sein. „Schließlich halten wir uns an keinem anderen Ort so viele Stunden hintereinander auf“, sagt Schmidt. Zudem wird diskutiert, dass Felder und Wellen die Produktion des Hormons Melatonin beeinflussen und so den Schlaf beeinträchtigen könnten.

Gunde Ziegelberger vom BfS beschäftigt etwas anderes­ mehr: „Epidemiologische Studien geben teils Hinweise auf einen Zusammenhang von nieder­frequenten Feldern und Leukämie im Kindesalter“, berichtet sie. In diesen Studien lag die Belastung der von Leukämie betroffenen Kinder mit 0,3 bis 0,4 Mikro­tesla bis zu viermal höher als das Hintergrundlevel. Wegen der geringen Fallzahlen ist jedoch bisher nicht bewiesen, ob es sich um einen ursächlichen Zusammenhang handelt. „Bislang konnte das in experimentellen Studien nicht bestätigt werden“, so die Expertin Ziegel­berger. Es laufen jedoch derzeit mehrere Studien, die genau diese Frage untersuchen.

Epidemiologische Studien geben teils Hinweise auf einen Zusammenhang von nieder­frequenten Feldern und Leukämie im Kindesalter

Die Physik hinter Elektrosmog

Strahlen und Felder sind eigentlich Schwingungen,
die man sich wie Wellen vorstellen kann. Tatsächlich sind sie (unter anderem) durch ihre „Wellenlänge“ charakterisiert, genauer; wie dicht die Spitzen der Wellenberge aufein­anderfolgen.
Das Maß dafür ist die Frequenz, die gemessen in Hertz (Hz) die Anzahl der Spitzen pro Sekunde angibt. Sendemasten und Empfangsgeräte senden hochfrequente Signale aus, während durch den Hausstrom niederfrequente elektromagnetische Felder entstehen.
Die Stärke aller elektromagnetischen Felder wird in Tesla gemessen. Dabei gelten 0,1 Mikrotesla (µT) beziehungsweise 100 Nanotesla (nT) als „Hintergrundlevel“ für die durch elektrische Geräte verbreiteten Felder. Das Erdmagnetfeld hat hierzulande eine Stärke von etwa 48 µT.

Geschützter Schlaf – so geht’s

Wer auf die Ergebnisse nicht warten will, hat verschiedene Möglichkeiten, die Schlafplätze der Wohnung vor Elektrosmog zu schützen:

› Keine elektrischen Geräte nah am Bett betreiben. Wichtig: Das gilt auch für solche, die sich auf der anderen Seite der Schlafzimmerwand befinden, vor allem, wenn diese auch nachts laufen, zum Beispiel der Kühlschrank.

› Manche Geräte wie Nachttischlampen erzeugen sogar dann ein Feld, wenn sie ausgeschaltet und nur an eine stromführende Steckdose angeschlossen sind. Einen Ausweg bieten sogenannte Netzfreischalter, die man im Sicherungskasten einbauen lassen kann. „Das bedeutet: Wenn der letzte Stromverbraucher – meist die Nachttischlampe – ausgeknipst wird, schaltet die Stromversorgung auf 12 V Gleichstrom um, die für den Körper unbedenklich sind“, erläutert Schmidt. „Schaltet man ein Gerät ein, ist die volle Leistung sofort wieder da.“ Ein Messtechniker sollte vorab prüfen, welche Stromkreise Einfluss auf den Bettplatz haben.

› Sollten die Strahlenquellen beim Nachbarn liegen, gibt es Möglichkeiten der Abschirmung, die jedoch der Fachmann planen und überprüfen sollte.

› Verbannen Sie Geräte mit Transformatoren, beispielsweise Niedervoltlampen, möglichst aus Ihrer Wohnung – sie können im Nahbereich von rund einem Meter starke magnetische Felder verursachen.

Ironischerweise kann sogar das Bett selbst zur Störquelle werden. Häufig sind die Federkerne von Matratzen magnetisiert, manchmal auch andere Metallteile am Bett oder den Lattenrosten. Erkennbar sind die magnetischen Gleichfelder daran, dass z. B. ein auf dem Bett liegender Kompass sie anzeigt. Als Gegenmaßnahme hilft nur, weitgehend metallfreie Betten und Matratzen zu kaufen.

Auch am Schlafplatz gibt es viele Elektrosmog Quellen

Text: Kirsten Segler mit fachlicher Beratung von Johannes Schmidt und Dr. Gunde Ziegelberger
Bilder: Unsplash und Pixabay

Das Ostcarré Hanau: Bauen mit Ziegeln

Das Ostcarré Hanau ist ein Beispiel für zeitgemäßen, nachhaltigen und bezahlbaren Wohnungsbau in der Stadt in monolithischer Ziegelbauweise.
Bild: Lisa Farkas

Das Ostcarré Hanau ist ein Beispiel für zeitgemäßen Wohnungsbau in monolithischer Ziegelbauweise. Die verwendeten Ziegel sorgen nicht nur für eine moderne Optik, sondern bieten auch klare Vorteile für die Gesundheit.

In diesem Artikel:

Ein Gastbeitrag von Wienerberger.

„Das Material Ziegel altert wunderbar und ist deshalb langlebig. Das kommt unseren Vorstellungen entgegen, etwas zu schaffen, das uns überdauert.“

Architekt Stefan Forster

Das Ostcarré Hanau

In direkter Nachbarschaft zu einem Kirchen-Baudenkmal aus Ziegel ersetzt ein von Stefan Forster Architekten geplanter fünfgeschossiger Wohnungsbau die marode Blockrandbebauung von 1952. An dieser prominenten Stelle monolithisch in Ziegelbauweise zu planen war für den Bauherrn von Anfang an klar, denn er wollte wohngesunden und nachhaltigen Wohnraum im mittleren Preissegment in Hanauer Citylage bieten.

Im Zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört und danach nur in Teilen wiederaufgebaut, erinnert das Baudenkmal der Wallonisch-Niederländische Kirche in Hanau an ein Statement für Toleranz und Offenheit. Graf Philipp Ludwig II. von Hanau-Münzenberg hatte die Doppelkirche aus Ziegel Anfang des 17. Jahrhunderts für reformierte Religionsflüchtlinge aus Frankreich und den Niederlanden bauen lassen. Mit ihren zwei verschränkten Kirchenräumen war sie auf die zweisprachige Flüchtlingsgemeinde zugeschnitten. Zwischen den beiden Kuppeln stand ein gemeinsamer Turm und die großen Ziegel-Walmdächer waren weithin zu sehen. Heute ist sie als Baudenkmal auch ein Mahnmal gegen die Kräfte, die ihre Zerstörung herbeiführten.

Weniger ansehnlich war in den letzten Jahren die Blockrandbebauung an der Französischen Allee, die den Kirchplatz als Ringstraße umgibt: Mietshäuser aus den 1950er-Jahren, zweckmäßige Siedlungsarchitektur der Nachkriegszeit. Der Neubau Französische Allee ersetzt ein solches Mietshaus aus dem Bestand der Baugesellschaft Hanau GmbH. „Enge Treppenhäuser, viele Kleinwohnungen, marode Bäder ohne Fenster, gefangene Räume und schlechte Bausubstanz machten einen Neubau wirtschaftlicher als die Sanierung“, erläutert BGH-Geschäftsführer Jens Gottwald die Gründe für den Abriss des alten Mehrgeschossers.

Das Ostcarré Hanau befindet sich gegenüber der Niederländisch-Wallonischen Kirche, einem Baudenkmal aus dem 17. Jahrhundert. Der Baukörper fügt sich in Proportion, Materialität und Dachform in den historischen Kontext ein.
Der Neubau befindet sich gegenüber der Niederländisch-Wallonischen Kirche, einem Baudenkmal aus dem 17. Jahrhundert. Der Baukörper fügt sich in Proportion, Materialität und Dachform in den historischen Kontext ein.
Bild: Lisa Farkas

Zeitgemäßes Wohnen

Städtebaulich sorgsam integriert verfügt der Neubau über 57 moderne Wohneinheiten. Acht Vier-Zimmer-Wohnungen, 25 Zwei-Zimmer-Wohnungen und 24 Drei-Zimmer-Wohnungen ergeben eine Gesamtwohnfläche von rund 4800 Quadratmetern. Jede Wohnung verfügt straßenseitig über eine Loggia und hofseitig über einen Balkon, die Dachgeschosswohnungen über eine straßen- oder hofseitig orientierte Dachterrasse. Zur Ausstattung gehören moderne Tageslichtbäder mit Wanne und Dusche, die Wärmeverteilung erfolgt über eine Fußbodenheizung. Die Energie dafür liefern ein Blockheizkraftwerk und Fernwärme. In Verbindung mit der hochwärmedämmenden Gebäudehülle erreicht das fünfgeschossige Gebäude KfW-70-Effizienzhausstandard. Wer bei dieser Ausstattung an Luxus denke, liege falsch, versichert Jens Gottwald: „Mit einer gestaffelten Nettokaltmiete von derzeit unter zehn Euro stellen wir der Mitte der Hanauer Gesellschaft preisgünstigen, zeitgemäßen und werthaltigen Wohnraum in Citylage zur Verfügung.“

Das fünfgeschossige Gebäude in KfW-70-Effizienzhausstandard bietet 57 moderne Wohneinheiten mit zwei bis vier Zimmern auf einer Gesamtwohnfläche von rund 4 800 Quadratmetern im preisgünstigen Segment.
Das fünfgeschossige Gebäude in KfW-70-Effizienzhausstandard bietet 57 moderne Wohneinheiten mit zwei bis vier Zimmern auf einer Gesamtwohnfläche von rund 4 800 Quadratmetern im preisgünstigen Segment.
Bild: Lisa Farkas
Die Grundrisse des Ostcarré Hanau spiegeln sich mittig in zwei symmetrische Hälften. Jede Wohnung verfügt straßenseitig über eine Loggia und hofseitig über einen durchgehenden Balkon. Die Dachgeschosswohnungen sind mit einer straßen- oder hofseitigen Dachterrasse ausgestattet.
Die Grundrisse spiegeln sich mittig in zwei symmetrische Hälften. Jede Wohnung verfügt straßenseitig über eine Loggia und hofseitig über einen durchgehenden Balkon. Die Dachgeschosswohnungen sind mit einer straßen- oder hofseitigen Dachterrasse ausgestattet.
Bild: Stefan Forster Architekten

Wohngesundheit im Ostcarré Hanau

Der von Stefan Forster Architekten konzipierte Baukörper fügt sich in Proportionen, Materialität der Fassade und Dachform in den architektonisch-historischen Kontext der Französischen Allee ein. Auf dem massiven Klinkersockel mit erhöhtem Erdgeschoss setzen drei Obergeschosse in monolithischer Ziegelbauweise mit großen Verglasungen und unterschiedlichen Putzstrukturen an. Das rötliche Satteldach mit Dachgauben bildet den oberen Abschluss und entspricht morphologisch dem historischen Stadtbild von Hanau.

Geplant wurde von Anfang an in Ziegelbauweise. „Uns war es wichtig, an dieser prominenten Stelle wohngesund und nachhaltig zu bauen“, erläutert Jens Gottwald. Die monolithische Ziegelkonstruktion biete klare Vorteile hinsichtlich Brandschutz und langfristiger Instandhaltungskosten durch Verzicht auf zusätzliche Außendämmung.

Auf dem massiven Klinkersockel mit erhöhtem Erdgeschoss setzen drei Obergeschosse in monolithischer Ziegelbauweise mit großen Verglasungen und unterschiedlichen Putzstrukturen an.
Auf dem massiven Klinkersockel mit erhöhtem Erdgeschoss setzen drei Obergeschosse in monolithischer Ziegelbauweise mit großen Verglasungen und unterschiedlichen Putzstrukturen an.
Bild: Lisa Farkas

Hinzu kommen die raumklimatischen Eigenschaften des Ziegels. Dank seiner Kapillarstruktur ist der Ziegel diffusionsoffen und reguliert Luftfeuchte sehr gut. Die hohe thermische Speichermasse wiederum gleicht Temperaturschwankungen sehr gut aus. „Der Naturbaustoff Ziegel bewährt sich seit tausenden von Jahren durch seine positiven Eigenschaften und sorgt zu jeder Jahreszeit für angenehmes Raumklima“, so Jens Gottwald.

Monolithische Ziegelkonstruktion

Für die Außenwände plante das Architektenteam um Stefan Forster mit zwei verfüllten Poroton-Ziegeln: Für das gesamte erste Obergeschoss sowie den zur Straße liegenden Teil des Gebäudes mit dem Poroton S9-MW in den Stärken 30 und 36,5 Zentimeter, für den hofseitigen Teil ab dem zweiten Obergeschoss mit dem Poroton T8-MW in der Stärke 36,5 Zentimeter. Die unterschiedlichen Stärken des S9-MW sind den Fensterbändern geschuldet, die als architektonisches Stilmittel leicht zurückversetzt in 30 Zentimeter Wandstärke realisiert wurden.

Die Entscheidung, mit zwei Poroton-Ziegelprodukten zu bauen, hing vor allem mit unterschiedlichen Anforderungen an Statik und Wärmeschutz innerhalb der Konstruktion zusammen. Das Ostcarrée hat große Fensteröffnungen, die Außenwand somit eine relativ geringe Fläche. Für die statisch abzutragenden Wohngeschosse konnte in den unteren Geschossen daher kein leichter Ziegel verwendet werden. Um gleichzeitig den KfW-70-Standard zu erreichen, musste in den oberen Geschossen mit abnehmender Traglast die Wärmeleitfähigkeit minimiert werden. Die verwendeten Poroton-Ziegel spielen hier ihre jeweiligen Stärken aus: Der für den Geschossbau konzipierte, dämmstoffverfüllte S9-MW bietet mit seiner charakteristischen Mauerwerksdruckfestigkeit fk 4,6 MN/m² die notwendige statische Sicherheit bei gleichzeitig sehr guter Wärmedämmung. Mit einer Wärmeleitfähigkeit von λR 0,08 W/mK optimiert der T8-MW wiederum den Wärmeschutz.

Der straßenseitige Teil des Ostcarré Hanau ist aus statischen Gründen mit dem dämmstoffverfüllten Poroton-Ziegel S9-MW von Wienerberger in der Stärke 36,5 Zentimeter errichtet, im Bereich der Fensterbänder in der Stärke 30 Zentimeter. Die so entstandenen Rücksprünge rhythmisieren die Fassade horizontal, die Auskragungen an den Loggien vertikal.
Der straßenseitige Teil des Gebäudes ist aus statischen Gründen mit dem dämmstoffverfüllten Poroton-Ziegel S9-MW von Wienerberger in der Stärke 36,5 Zentimeter errichtet, im Bereich der Fensterbänder in der Stärke 30 Zentimeter. Die so entstandenen Rücksprünge rhythmisieren die Fassade horizontal, die Auskragungen an den Loggien vertikal.
Bild: Lisa Farkas

Wärmebrückenoptimierte Lösungen

Der benötigte Schallschutz zwischen den Wohnungen ist durch Trennwände mit 30 Zentimeter starken Poroton-Planfüllziegeln sicher gestellt. Für die Haustrennwände planten die Architekten mit einer Doppelwandkonstruktion aus jeweils 17,5 Zentimeter starken Poroton-Planfüllziegeln mit einer innenliegenden, vier Zentimeter starken Trennwandplatte aus Mineralfasern. Poroton-Systemergänzungen wie Laibungsziegel kombiniert mit Anschlagschalen sowie Ziegelstürze, WU-Schalen, Deckenrandschalen und wärmegedämmte Ziegelrollladenkästen bieten wärmebrückenminimierte Lösungen und sorgen durch die homogene Ziegeloberfläche für einen sicheren Putzauftrag. Architekt Stefan Forster: „Uns war wichtig, unterschiedliches thermisches Verhalten in der Fassade zu vermeiden, weil es ansonsten auf Dauer zu Putzrissen und Verfärbungen kommt.“ Das sei nicht nur ein ästhetisches Problem, sondern verkürze auch Instandhaltungsintervalle und erhöhe Kosten unnötig.

Vorteile von Ziegelkonstruktionen

Bei der Detailplanung der monolithischen Ziegelkonstruktion fiel dem Team um Stefan Forster auf, wie viele statische Situationen bei alternativen Wandkonstruktionen beispielsweise mittels Überzüge durch Brüstungsbänder abgetragen werden. Bei monolithischen Ziegelkonstruktionen dagegen kann weitgehend ohne Zug- und Biegekräfte in den Fassaden geplant werden. „Da mussten wir erstmal umdenken“, so Stefan Forster. Mit Unterstützung durch das Wienerberger Projektmanagement WPM konnten alle Details mit den geeigneten Poroton-Produkten geplant und die konstruktiven Möglichkeiten zur Erreichung der architektonischen Ziele ausgereizt werden, so der Frankfurter Architekt. „Der Neubau Französische Allee definiert mit seiner Qualität und Materialität einen neuen Maßstab für zukünftige Bauten in der Innenstadt“, bilanziert Stefan Forster. Jens Gottwald von der Baugesellschaft Hanau ergänzt: „Die sehr hohe Akzeptanz in der Bevölkerung zeigt uns, dass wir auf dem richtigen Weg sind und mit dem Bau einen Beitrag zur Aufwertung der Hanauer Innenstadt geleistet haben.“

Ein Großteil der Wohnungen der Französischen Allee war bereits kurz nach Fertigstellung Ende 2016 vermietet. Seine Freude über die Wahl des Baustoffs Ziegel begründet Stefan Forster so: „Das Material Ziegel altert wunderbar und ist deshalb langlebig.“ Es entwickele mit der Zeit eine Patina und gewinne dadurch an Qualität. „Das kommt unseren Vorstellungen entgegen, etwas zu schaffen, das uns überdauert“, so Forster weiter. Letztlich reflektiere es das Bedürfnis der Menschen, in Würde zu altern.

Baudaten Ostcarré Hanau

Objekt:
Neubau Mehrfamilienhaus Ostcarré, KfW-Effizienzhaus 70

Standort:
Französische Allee 2-6, 63450 Hanau

Bauherr:
Baugesellschaft Hanau GmbH, Hanau

Bauleitung:
BGG Grünzig Ingenieursgesellschaft mbH, Bad Homburg

Architekten:
Stefan Forster Architekten GmbH, Frankfurt am Main

Tragwerksplaner:
Stroh + Ernst AG, Frankfurt am Main

Planer Haustechnik:
Innius RR GmbH, Rosbach v.d.H.

Außenwände/Fassade:
EG: 2-schalige Außenwand, StB + Klinker (0,29 W/m²K)
Straße, OG 1-4:
Brüstungen: 36,5 cm Poroton S9 (0,23 W/m²K)
Fensterbänder: 30 cm Poroton S9 (0,28 W/m²K)
Hof, EG + 1. OG: Wienerberger Poroton-Ziegel Poroton S9 36,5 cm (0,23 W/m²K)
Hof, 2.+4. OG: Wienerberger Poroton T8 36,5 cm (0,21 W/m²K)
Wohnungstrennwände: Wienerberger 30 cm Planfüllziegel (PFZ-T)
Haustrennwände 17,5 cm PFZ-T, 4 cm Trennwandplatte,
17,5 cm PFZ-T
Ringanker WU-Schalen, Deckenrandschalen

Bauzeit:
2014–2016

Text: Nadine Schwarz und Rebecca Rieder der Ansel & Möllers GmbH | PR-Agentur

Urbane Nachverdichtung: das Kontorhaus Leipzig

Urbane Nachverdichtung: das Kontorhaus Leipzig.
Bild: Knoche Architekten BDA Roland Halbe

Urbane Nachverdichtung birgt das Potenzial, in wachsenden Städten neuen Wohn- und Büroraum zu schaffen, ohne dass Fläche neu versiegelt wird. Des Weiteren sorgen bei dem Projekt spezielle Tonziegel dafür, dass die Verwendung eines Wärmedämmverbundsystems überflüssig wurde.

In diesem Artikel:

Ein Gastbeitrag von Wienerberger.

Ausgezeichnetes Projekt urbaner Nachverdichtung

Gleich mehrfach wurde die Sanierung und Aufstockung eines denkmalgeschützten Kontorhauses in Leipzig ausgezeichnet – als positives Beispiel für innerstädtische Nachverdichtung und für die geforderte Nutzungsmischung von Wohnen und Arbeiten. Ebenso einfühlsam wie souverän ergänzten die Architekten den massiven Bestand um massives Volumen. Der Ziegel bildet dabei die perfekte Brücke zwischen charakterstarkem Industriedenkmal und formal eigenständigem Aufbau. Das Ergebnis: eine städtebaulich markante Kubatur, die die Aufstockung sichtbar lässt und gleichzeitig wesentliche Elemente aus dem Bestand weiterführt.

Die Nachverdichtung des Kontorhauses Leipzig sorgt für ein zusätzliches Geschoss, in dem sich nun zwei Wohnungen befinden
Das neue Dachgeschoss des Kontorhauses in Leipzig greift in seiner Materialität wesentliche Merkmale des bestehenden, massiven Ziegelbaus auf. Es fügt sich durch seine zurückhaltende Form- und Farbsprache in die Bestandskulisse ein und grenzt sich zugleich optisch ab.
Bild: Knoche Architekten BDA / Roland Halbe

Für die Aufstockung einer ehemaligen Celluloidfabrik in Leipzig entschieden sich die Architekten von Knoche Architekten BDA für die Schaffung einer stilistisch und strukturell kompakten Struktur auf dem soliden Basisgebäude – ein eingetragenes Industriedenkmal aus dem Jahre 1896. Als Beispiel für Weiterbauen im Bestand leistet das Projekt einen gelungenen Beitrag zur Baukultur urbanen Wohnens. Der dabei geschaffene Wohnraum ist mit 315 Quadratmetern zwar flächenmäßig überschaubar, doch hat das sensibel umgesetzte Projekt deshalb nicht weniger Vorbildcharakter; Nachverdichtung und Vermeidung des Donut-Effekts in einer wachsenden Stadt. Zusammen mit dem sanierten Bestandsbau sind heute auf insgesamt 1.250 Quadratmetern Wohnen und Co-Working-Space harmonisch vereint.

Nachverdichtung durch ein zusätzliches Geschoss; 
Nach der Erweiterung umfasst das Kontorhaus in Leipzig insgesamt 1.250 Quadratmeter
Nach der Erweiterung umfasst das Kontorhaus in Leipzig insgesamt 1.250 Quadratmeter. Der durchdachte Plan der Architekten konnte 315 Quadratmeter mehr Raum schaffen. Davon fallen 190 Quadratmeter auf die größere Wohnung und 80 Quadratmeter auf die kleinere. Der restliche Raum verteilt sich auf das neue Treppenhaus mit Aufzug sowie auf Konstruktionsfläche.
Bild: Knoche Architekten BDA

Nachverdichtung mit Respekt vor dem Bestand

Bei der Aufstockung gingen die Planer von Knoche Architekten buchstäblich massiv vor: „Maßgabe war die Verdichtung der umgebenden Stadtstruktur, die aus mehrgeschossigen, gründerzeitlichen Wohn- und Gewerbebauten besteht. In dieser Struktur hatte das bestehende Kontorhaus aufgrund seiner geringen Höhe nur eine untergeordnete Präsenz, obwohl es gut sichtbar an einer markanten Kreuzung steht“, führt Prof. Knoche aus. „Wir wollten das Volumen daher stärken und die Aufstockung massiv ausführen. Gleichzeitig sollte dabei die Gebäudekontur versatzfrei übernommen werden. Also Weiterbauen mit Respekt vor der Substanz, das Gegenteil der häufig zurückgesetzten, gläsernen Parasiten.“

Das neue Dachgeschoss greift hierfür wesentliche Merkmale des bestehenden Ziegelbaus auf, allen voran das Material selbst; Der Aufbau aus tragenden, hochwärmedämmenden Poroton-Ziegeln S9-MiWo in 36,5 cm Wandstärke und Ziegelmontagedecken von Wienerberger kann auf ein Wärmedämmverbundsystem verzichten. Dauerhaftigkeit und Nachhaltigkeit des Altbaus werden so bautechnologisch weitergeführt. Stahlträger leiten die Lasten in die tragenden Außen- und Innenwände ein. „Tonbaustoffe wie die eingebaute Ziegeldecke und die Außenwände mit Wärmedämm-Mauerwerk waren hier die beste Wahl, weil sie leicht sind und sich auch im Bestand einfach verarbeiten lassen“, sagt Prof. Knoche. „Außerdem können Tonbaustoffe Wärme und Feuchtigkeit speichern und wieder abgeben. Damit besitzen sie eine für Wohn- und Aufenthaltsbereiche optimale bauphysikalische Qualität.“

[Einschub der Redaktion: warum viele Wärmedämmverbundsysteme nicht recycelbar sind und welche ökologischen Alternativen es gibt, können Sie hier lesen.]

Durch spezielle Proton-Ziegel konnte auf ein Wärmedämmverbundsystem verzichtet werden
Die Planer von Knoche Architekten entschieden sich bei der Aufstockung für ein massives Volumen auf einem massiven Be-stand. Das gesamte Mauerwerk besteht aus hochwärmedämmenden Poroton-Ziegeln und Ziegel-montagedecken von Wienerberger.
Bild: Knoche Architekten BDA

Anbindung und Eigenständigkeit zugleich

Vor allem durch Farbgebung und moderne Geradlinigkeit hebt sich der Aufbau deutlich vom Bestand ab. Die bewusst unregelmäßige Abfolge und Dimensionierung der Fenster, die zugleich die vertikalen Kanten der Bestandsfenster aufnehmen, betonen sowohl Anbindung wie Eigenständigkeit des neuen Geschosses. Auf Vorsprünge oder Balkone wurde analog zum Bestand verzichtet. Die kleine Wohnung erhielt stattdessen eine eingeschnittene Loggia, die große Wohnung einen innenliegenden Patio. Nur der hofseitige Vorbau des Bestandes wird oben als Austritt vor die Fassade genutzt. Hier verläuft die Kontur der Aufstockung geradlinig durch.

Nachverdichtung schafft Wohnraum: Bei den neuen Wohnungen wurde analog zum Bestand, bis auf die Fortführung des hofseitigen Vor-baus, auf Vorsprünge und Balko-ne verzichtet. Stattdessen erhielt die kleinere Wohnung eine eingeschnittene Loggia und die größere einen innenliegenden Patio.
Bei den neuen Wohnungen wurde analog zum Bestand, bis auf die Fortführung des hofseitigen Vorbaus, auf Vorsprünge und Balkone verzichtet. Stattdessen erhielt die kleinere Wohnung eine eingeschnittene Loggia und die größere einen innenliegenden Patio.
Bilder: Knoche Architekten BDA / Roland Halbe

„Wichtig war uns, die architektonische Balance zu finden zwischen formaler Zurückhaltung und einer dennoch eigenständigen Gestaltung“, erklärt Prof. Christian Knoche, Knoche Architekten BDA. „Wir haben daher beispielsweise die Fassadengliederung sehr genau studiert und die neuen Fenster nach der bestehenden Maßordnung gesetzt. Auf den regelmäßig strukturierten Straßenseiten wurden trotzdem einzelne Fenster weggelassen und andere zu Panoramafenstern zusammengefasst. So wird auch die neue Nutzung Wohnen ablesbar, ohne das Gebäude zu dominieren.“

Struktur durch Putz und Fugen

Im Bereich des Dachrandes wird die horizontale Gliederung des Bestandes aufgegriffen, während die Außenwände mit ihrer handwerklich ausgeführten, horizontal reliefierten Putzstruktur die Rauheit des Ziegelmauerwerks neu formulieren. Ausgeführt wurde die Putzfläche als Kammputz mit 15 mm tiefen Fugen, wie Prof. Knoche erklärt: „Dabei verlaufen die Fugen wie die Lagerfugen des Mauerwerks absolut und exakt horizontal. Ihre Ausführung zeigt den Herstellungsprozess: Der Putz wurde wie aufgetragen belassen, geringfügige Fehlstellen also im Nachgang nicht korrigiert. Das führt zu einer sehr handwerklichen Anmutung, die mit dem Bestandsmauerwerk sehr schön harmoniert.“ Die zurückhaltende Formensprache und der graue Putzton mit Horizontal-Reliefierung fügen sich dadurch in die Bestandskulisse ein und belegen gleichzeitig die Authentizität des Neuen.

Die handwerklich ausgeführte Kammputz-Struktur mit ausgeprägter Reliefierung formuliert die Rauheit des Ziegelmauerwerks neu. Dabei verlaufen die Putzfugen wie die Lagerfugen des Mauerwerks absolut und exakt horizontal.
Die handwerklich ausgeführte Kammputz-Struktur mit ausgeprägter Reliefierung formuliert die Rauheit des Ziegelmauerwerks neu. Dabei verlaufen die Putzfugen wie die Lagerfugen des Mauerwerks absolut und exakt horizontal.
Bild: Knoche Architekten BDA

Baudaten und Auszeichnungen

Die Aufstockung des Kontorhauses wurde bereits mehrfach ausgezeichnet, beispielsweise mit dem Architekturpreis der Stadt Leipzig (2017). Darüber hinaus erhielt Knoche Architekten 2019 vom Bund Deutscher Architekten (BDA) in Sachsen die Anerkennung für „die erfolgreiche Renovierung und Nachverdichtung eines Industriedenkmals und außergewöhnliche architektonische Virtuosität“.

Objekt
Aufstockung Kontorhaus Leipzig

Standort
Ecke Holbeinstraße/Stieglitzstraße, Leipzig

Architekten
Knoche Architekten BDA, Leipzig

Außenwände/Fassade
Poroton S9-36,5-MiWo, Putzfassade mit Kammputzstruktur

Ziegeldecke
Poroton Ziegeldecke V-TEC und Ziegeldecke FILIGRAN

Wohnungs-/Haustrennwände
Poroton-Plan-T9 36,5; HLZ Plan-T 17,5-1,4; Poroton-Plan-T 24,0-0,9; Poroton-Plan-T14 30,0; Poroton-Plan-T18 17,5

Anschlussdetails Systemzubehör
Poroton Anschlagschalen (P-AS), Deckenrandschalen (DRS), U-Schalen, Zwischenwandplatten (ZWP) und weitere Systemergänzungen

Fertigstellung
2017

Im neuen Obergeschoss des Kontorhauses in Leipzig fanden zwei geräumige, lichtdurchflutete Wohnungen Platz.
Im neuen Obergeschoss des Kontorhauses in Leipzig fanden zwei geräumige, lichtdurchflutete Wohnungen Platz.
Bilder: Knoche Architekten BDA / Roland Halbe

Über Wienerberger

Die deutsche Wienerberger GmbH mit Sitz in Hannover zählt zu den führenden Ziegelherstellern in Deutschland. Sie ist hundertprozentige Tochter der österreichischen Wienerberger AG und seit 1986 auf dem deutschen Markt präsent. Zum Unternehmen zählen aktuell deutschlandweit 16 Ziegelwerke, darunter neun für Poroton-Hintermauerziegel, drei für Terca-Vormauerziegel und Penter-Pflasterklinker sowie drei für Koramic-Dachziegel. Die Argeton-Fassadenplatten werden individuell für jedes Bauvorhaben im Werk Görlitz hergestellt. Wienerberger entwickelt und produziert Tonbaustoffe für die Gebäudehülle vom Keller über die Wand bis zum Dach sowie für die Gestaltung von Freiflächen.

Kunden profitieren zudem von einer großen Bandbreite an Services, die sich von der Baustelleneinweisung über eine technische Hotline bis hin zu verschiedenen digitalen Tools erstreckt. Die Wienerberger GmbH beschäftigt am Hauptsitz Hannover und in den verschiedenen Werken insgesamt rund 1500 Mitarbeiter. Als Tochter der traditionsreichen Wienerberger AG profitiert das Unternehmen von mehr als 200 Jahren Erfahrung in der Kunst des Ziegelbrennens. Europaweit arbeitet ein leistungsstarkes Forschungsteam kontinuierlich daran, die Produkte zu verbessern und neue zu entwickeln. Dadurch gewährleistet Wienerberger eine hohe und ausgereifte Produktqualität in Verbindung mit modernsten und ressourcenschonenden Produktionstechnologien.

Wienerberger ist zudem online präsent; Auf Instagram finden Planer Anregungen zum Bauen mit Ton, und auf Facebook veröffentlicht der Tonbaustoffproduzent regelmäßig Einblicke in das Unternehmen sowie News aus der Baubranche.

Text: Franziska Klug und Rebecca Rieder-Tschernov der Ansel & Möllers GmbH | PR-Agentur

Das Centro Tesoro – ein nachhaltiges Bürogebäude

Das Centro Tesoro ist mit Photovoltaik und Recycling-Baumaterial ein exzellentes Beispiel für nachhaltige Büroimmobilien. Das Projekt zeigt, dass es sich lohnt, bestehende Gebäude nicht abzureißen, sondern sie ökologisch zu sanieren.

In diesem Artikel:

Ein Gastbeitrag der Schwaiger Group.

Revitalisierung statt Abriss und Neubau

Trotz gestiegenem Bewusstsein für Energieeffizienz und Nachhaltigkeit setzen Investoren bei ihren Objekten meist noch auf Abriss und Neubau. Dass es auch anders geht, zeigen die Projekte der in München ansässigen Schwaiger Group. Diese hat sich auf die nachhaltige Revitalisierung von Objekten spezialisiert. Der Büro­ und Gewerbekomplex Centro Tesoro – vormals eine Sektkellerei – zeigt auf, welche Potenziale im Gebäudebestand schlummern. Außerdem zeigt er, dass sich bei sorgsamem Umgang mit der grauen Energie dennoch eine Rendite erzielen lässt.

Wo einst die Sektkellerei Nymphenburg ihren Sitz hatte, bietet heute das Centro Tesoro auf knapp 24 000 Quadratmetern Fläche in dem revitalisierten Gebäudekomplex anmietbare Büro- und Gewerberäume. Nicht zuletzt aufgrund des konsequenten Einsatzes von Recycling-Baumaterial wurde es als „Nachhaltigste Immobilienprojekt 2019“ ausgezeichnet. Sowohl das effiziente Energiekonzept mit Mieterstrommodell als auch das Mobilitätskonzept mit Bike-Sharing und E-Ladestationen sowie das nachhaltige Abfallwirtschaftssystem überzeugten die Jury.
Wo einst die Sektkellerei Nymphenburg ihren Sitz hatte, bietet heute das Centro Tesoro auf knapp 24 000 Quadratmetern Fläche in dem revitalisierten Gebäudekomplex anmietbare Büro- und Gewerberäume. Nicht zuletzt aufgrund des konsequenten Einsatzes von Recycling-Baumaterial wurde es als „Nachhaltigste Immobilienprojekt 2019“ ausgezeichnet. Sowohl das effiziente Energiekonzept mit Mieterstrommodell als auch das Mobilitätskonzept mit Bike-Sharing und E-Ladestationen sowie das nachhaltige Abfallwirtschaftssystem überzeugten die Jury.

Energieeffizientes Bauen und Sanieren beim Eigenheim ist mittlerweile gang und gäbe, bei Gewerbeimmobilien besteht aber weiterhin Nachholbedarf. Zwar mögen 2,7 Mio. „Nichtwohngebäude“ im Vergleich zu 19 Mio. Wohngebäuden auf den ersten Blick wenig relevant erscheinen, aufgrund ihrer jeweils großen Flächen fällt ihr Anteil am Endenergieverbrauch laut dena mit 36 % dafür umso höher aus. Während in den Assets wie Retail und Hotel, aber auch bei den Kommunen die Notwendigkeit erkannt wird, in Energieeffizienz zu investieren, ist bei Büroimmobilien noch sehr viel Luft nach oben.

Green Building statt Green Washing

Die Revitalisierung unserer Bausubstanz ist allein schon deshalb sinnvoll, weil nicht nur das Resultat nachhaltig ist, sondern auch der Weg dorthin. Denn ähnlich wie beim E-Auto muss am Ende die Ökobilanz stimmen. Bei der Revitalisierung von Immobilien beträgt der Bedarf von mineralischen Baustoffen im Durchschnitt nur 40 % dessen, was bei einer Entscheidung für einen Abriss einschließlich Neubau derselben Immobilie fällig geworden wäre.

Nicht erst seit den Fridays-for-Future-Protesten ist auch bei den Investoren und Immobilienunternehmen das Ressourcenpotenzial des Gebäudebestandes mehr und mehr in den Fokus gerückt – indes gehört die Schwaiger Group zu den wenigen Unternehmen, die sich auf die Revitalisierung von Gebäuden spezialisiert hat.
Nicht erst seit den Fridays-for-Future-Protesten ist auch bei den Investoren und Immobilienunternehmen das Ressourcenpotenzial des Gebäudebestandes mehr und mehr in den Fokus gerückt – indes gehört die Schwaiger Group zu den wenigen Unternehmen, die sich auf die Revitalisierung von Gebäuden spezialisiert hat
Die Schwaiger Group hat in Kooperation mit MVG eine Bike-Sharing-Station ins Centro Tesoro geholt

Green Building statt Green Washing muss deshalb die Devise lauten. Damit Nachhaltigkeitszertifikate wie LEED, breeam, DGNB oder ÖGNI den geprüften Gebäuden nicht nur einen grünen Anstrich verleihen, kommt es bei der Zertifizierung auch auf die Details an. Denn damit wird beurteilt, ob das entsprechende Objekt einen Beitrag zum Erreichen der Klimaziele leistet und auch hinsichtlich der Energieeffizienz überzeugt. Dennoch haben Zertifikate ihre Berechtigung, denn sie ermöglichen eine erste Einschätzung, inwieweit ein Green Building am Markt seinem Namen gerecht wird.

Anders als beim Neubau stellen die Anforderungen bei Bestandsimmobilien Projektentwickler vor größere Herausforderungen. Insofern verwundert es nicht wirklich, dass das Centro Tesoro der Schwaiger Group die bundesweit erste Bestandsimmobilie ist, die im Zuge der Revitalisierung mit LEED Platin zertifiziert wurde. Das war nicht zuletzt aus wirtschaftlicher Sicht kein einfaches Unterfangen.

In dem Centro Tesoro hat der Projektentwickler das erste Unterflursystem Münchens als Abfallkonzept installiert. Fünf Unterflurcontainer für Restmüll, Bioabfälle und Papier sind im Untergrund verborgen, was oberirdisch wertvolle Flächen einspart und Geruchsbelästigungen vermeidet.
In dem Centro Tesoro hat der Projektentwickler das erste Unterflursystem Münchens als Abfallkonzept installiert. Fünf Unterflurcontainer für Restmüll, Bioabfälle und Papier sind im Untergrund verborgen, was oberirdisch wertvolle Flächen einspart und Geruchsbelästigungen vermeidet.

Centro Tesoro: „Nachhaltigste Immobilie 2019“

Seinen Anfang nahm das Projekt 2016, als die Schwaiger Group den Gebäudekomplex der ehemaligen Nymphenburger Sektkellerei im Münchner Osten erworben hat. Die beiden auf dem Gelände verteilten Gebäude aus den 1980er und 1990er Jahren waren sichtlich in die Jahre gekommen. Trotzdem sah das Konzept vor, die Substanz zu erhalten und sie in einen modernen und ineinander übergehenden Bürokomplex zu überführen, der auf knapp 24 000 m2 Fläche ökonomisch und ökologisch neue Standards setzt.

Die Entscheidung für eine Revitalisierung der Immobilie hat sich gerechnet; Gegenüber einem Neubau lagen die Kosten bei der Sanierung um fast zwei Drittel tiefer – bei weniger als 400 Euro / m2. Ein wesentlicher Grund für die Einsparungen liegt auch in dem Umstand begründet, dass die Schwaiger Group keinen GU beauftragt, sondern jede Leistung selbst vergibt und anschließend abnimmt. Statt mit Dienstleistern zu arbeiten, versucht das Unternehmen stets den Einkauf, aber auch die Verarbeitung bzw. den Einbau direkt über den Hersteller zu bekommen.

Bauteil / MaßnahmeKennwertErläuterung
Gesamtmaßnahmen
PV-Anlage414 kWp
Austausch der HeizkesselVitocrossal 200
Einbau von Hocheffizienzpumpen
Aufstockung
DächerUD = 0,15 W/(m2K)200 mm Steinwolle­Dachdämmplatten, WLG 0,038 W/(mK),
zusätzlich Gefälledämmschicht (dmax 80 mm)
WändeUAW = 0,23 W/(m2K)160 mm, WLG 035, mechanisch befestigt
Fußböden EG gegen KellerUFB = 0,35 W/(m2K)80 mm, WLG 035
FensterUW = 1,0 W/(m2K)
außenliegender SonnenschutzAbminderungsfaktor FC = 0,25üblicher Wert für Lamellenraffstore
Sonnenschutz Fensterg­Wert = 0,5übliche Verglasung, der g­Wert ist genau einzuhalten (Toleranz ± 0,03)
Nachtlüftung über FensterFenster manuell öffenbar, Information der Nutzer
Bestand
Austausch aller OberlichterU = 1,8 W/(m2K)
nachträgliche Dämmung der DächerDU = 0,15 W/(m2K)200 mm Steinwolle­Dachdämmplatten, WLG 0,038 W/(mK), zusätzlich Gefälledämmschicht (dmax 80 mm
Zusammenstellung der energetischen Maßnahmen – die ehemaligen Gebäude wurden revitalisiert („Bestand“), die große Gewerbehalle wurde aufgestockt („Neubau“)

Das Centro Tesoro hat die größte innerstädtische Aufdach-PV-Anlage

Der Clou und eine wichtige Säule der energetischen Sanierung war die größte innerstädtische Aufdach-Photovoltaikanlage Münchens. Diese hat die Schwaiger Group in Kooperation mit den Stadtwerken München (SWM) auf einer Fläche von 10 000 Quadratmetern auf dem Dach des Centro Tesoro installiert hat. Insgesamt 1.354 PV-Module mit je 320 Watt produzieren mit einer Gesamtleistung von 428 kWp den grünen und kostengünstigen Direktstrom für die Mieter. Was sich als absolutes Plus für die Vermarktung der Büroflächen herausstellte, denn das Mieterstromkonzept sprach ausgewählte Unternehmen an, die grün erzeugten Strom in ihrem Pflichtenheft haben. Der weltweit größte E-Scooter-Anbieter LIME etwa hat vor allem deshalb einen großen Teil der Hallenfläche langfristig gemietet, weil er für eine Anmietung Ökostrom vorausgesetzt hatte.

Auf dem Dach des Centro Tesoro ist die größte innerstädtische PV-Anlage Münchens installiert. Mit einer Leistungskapazität von 428 kWp produzieren 1.354 PV-Module grünen und dezentralen Mieterstrom.
Auf dem Dach des Centro Tesoro ist die größte innerstädtische PV-Anlage Münchens installiert. Mit einer Leistungskapazität von 428 kWp produzieren 1.354 PV-Module grünen und dezentralen Mieterstrom.

Günstiger Strombezug dank Mieterstrommodell

Mieterstrommodelle bieten Immobilienunternehmen grundsätzlich die Möglichkeit, in die Erzeugung und den Vertrieb von dezentralem Ökostrom einzusteigen. Welche Rolle die Eigentümer solcher Objekte einnehmen, hängt davon ab, welchen Grad an Autonomie sich Immobilienwirte wünschen. Entweder man möchte die Dachfläche verpachten oder man übernimmt die Betreiberrolle.

Die Übergabe der Betreibereigenschaft und aller sonstigen energiewirtschaftlichen Verpflichtungen an Dritte kommt für alle Immobilienwirte in Frage, die sich insgesamt nicht mit den Anforderungen des Energiemarktes beschäftigen oder größere Investition vermeiden wollen. Weil die Schwaiger Group bereits als Projektentwickler, Bauunternehmer und Verwalter eigene Objekte betreut, hat sie sich dafür entschieden, die Dachfläche des Centro Tesoro an die Stadtwerke München (SWM) zu verpachten. Die SWM übernehmen damit die Rolle des Erzeugers sowie des Lieferanten und bieten den Strom allen Unternehmen im Centro Tesoro zu günstigeren Konditionen an. Erzeuger und Verbraucher gehen dabei eine direkte Vertragsbeziehung ein, was beim sonst üblichen Stromhandel über die Börse nicht oder nur indirekt der Fall ist.

Die im Zuge der Aufstockung erforderliche Tiefgarage stellte mit Blick auf die infrastrukturellen Leitungen wie Heizung, Gas, Wasser und Telekommunikation eine besondere Herausforderung

Die Mehrheit der Verbraucher kann bei einem Mieterstrommodell zudem persönlich an der Energiewende teilnehmen und so ebenfalls kostengünstigen Solarstrom erhalten. Beim Centro Tesoro ist dieser rund 10 % günstiger als zugekaufter Strom aus dem Netz. Überschüssige Energie aus der Anlage fließt ins Stromnetz ein. Wird mehr Strom benötigt als die Anlage erzeugt, wird der Bedarf aus dem Netz gespeist. Trotzdem profitieren die Mieter im Centro Tesoro von konkurrenzlos günstigen Nebenkosten in Höhe von 1,38 Euro / m2.

Die drei Säulen der Energiewende: Gebäudehülle, Anlagentechnik und Erzeugung

Weil die Energiewende bei Immobilien nur gelingen kann, wenn die drei Säulen Energieerzeugung, Gebäudehülle und Gebäudetechnik berücksichtigt werden, wurden beim Centro Tesoro im Zuge der Revitalisierung auch Hülle gedämmt und die TGA erneuert. Der Dämmstandard des Gebäudes liegt nun 40 % über den gesetzlichen Vorgaben. Zudem verbessert eine neue, hoch effiziente Heizanlage mit Gas-Brennwert-Technik die Anlageneffizienz. Last but not least regelt eine smarte Gebäudeleittechnik die TGA-Einrichtungen wie Heizung, Hebeanlage und Aufzüge.

Der intelligenten Steuerung kommt hinsichtlich des Einsparpotenzials bei den Stromkosten (bis zu 50 % sind möglich!) eine besondere Bedeutung zu, wenn sich damit Anlagen vorübergehend abschalten lassen, die gerade nicht benötigt werden. Für eine effiziente Stromnutzung müssen allerdings auch Gebäudenutzer, Erzeugungsanlagen und Speicher eines Betriebsgebäudes in das Energiemanagement einbezogen werden. Das bedeutet, dass nicht nur Maschinen und Anlagen, sondern auch Klimatechnik, Beleuchtung sowie Heizung berücksichtigt und mit der PV-Anlage gekoppelt werden müssen.

Klimaschutz erfordert Sekundärbaustoffe

Um den Verbrauch von Primärrohstoffen so gering wie möglich zu halten, setzte die Schwaiger Group beim Centro Tesoro verstärkt auf recyceltes Material. Etwa beim Bodenbelag für den Innenausbau oder bei der Mineralwolle für die Dämmung. Die Aufstockung um zwei Etagen und die Verstärkung der vorhandenen Bausubstanz erfolgte mit Recycling-Beton.

Die Aufbereitung durch Brechen, Sieben und Fraktionieren kostet Zeit und Geld, spart aber wertvolle Primärrohstoffe.
Die Aufbereitung durch Brechen, Sieben und Fraktionieren kostet Zeit und Geld, spart aber wertvolle Primärrohstoffe.

Zwar sind die Hürden noch erheblich, um Projekte konsequent mit Sekundärbaustoffen umzusetzen. Das Ziel muss aber sein, sich konsequent daran auszurichten, Rohstoffe nicht zu verschwenden, sondern sich auf Lösungen zu konzentrieren, die die Wiederverwendung von Altbaustoffen als hochwertige Werkstoffe ermöglichen.

Ein geschlossener Materialkreislauf funktioniert nicht, wenn mineralische Baumaterialien im Sinne eines Downcycling ihre Zweitverwertung im Tiefbau finden und somit fix aus dem Kreislauf herausfallen. Hier ist es dringend nötig, veraltete Regularien und Normen zu aktualisieren. Die Herstellung von rezyklierten Beton (R-Beton) beruht immer noch auf dem Stand der Technik der 90er Jahre. Zur Herstellung von R-Beton darf aktuell keine feine rezyklierte Gesteinskörnung verwendet werden, und eine grobe rezyklierte Gesteinskörnung ist nur beschränkt erlaubt. Diese Vorschriften vernachlässigen die technische Entwicklung der vergangenen 30 Jahre. Zudem berücksichtigen sie nicht neue Betonzusatzmittel oder Fortschritte bei der Aufbereitungstechnik. Hier muss dringend nachgebessert werden.

[Einschub der Redaktion: einen Artikel mit einer aktuellen Studie zum Thema Betonrecycling finden Sie hier]

Damit sich ein Bewusstsein für eine geschlossene Kreislaufwirtschaft durchsetzen kann, steht vor allem auch die öffentliche Hand in der Pflicht, in ihren Ausschreibungen zwingend auf Recyclingstoffe zu verweisen. Ein Punkt, der für das Erreichen der Klimaschutzziele ausschlaggebend ist, aber kaum Eingang in die Baupraxis findet. Dabei wird dies vom Kreislaufwirtschaftsgesetz verlangt. Dazu gehört auch, sich kritisch dem Problem der Nachverfolgung des Recycling-Prozesses zu widmen. Denn niemand darf befürchten müssen, minderwertige Ware „untergejubelt“ zu bekommen.

Auseinandersetzung mit der TGA: Der Aufwand lohnt sich

Auch beim 30 000 m2 umfassenden Bürokomplex Hatrium in Unterhaching hat sich die Schwaiger Group dazu entschieden, auf erneuerbare Energieträger umzustellen. Neben einer großflächigen Aufdach-PV-Anlage wurde die gesamte TGA im Gebäude für die Geothermienutzung über Fernwärme umgestellt. Eine Aufgabe, die bei Bestandsimmobilien normalerweise keiner freiwillig in Angriff nimmt.

Ist die TGA älter als 16 Jahre, ist sie nicht mehr wirtschaftlich. Weder mit Blick auf die Energieeffizienz noch in Bezug auf die Zuverlässigkeit. Daher ist es unabdinglich, dass man sich bei einer Revitalisierung mit dem Altbestand differenziert auseinandersetzt. Die Analyse des Bestandes stellt die wirklich aufwändige und anspruchsvolle Herausforderung dar.

Auch bei dem 30 000 m2 umfassenden Bürokomplex Hatrium in Unterhaching setzt die Schwaiger Group auf ein nachhaltiges Energiekonzept. Dafür wechselte sie auf die mittels Geothermie erzeugte Fernwärme.
Auch bei dem 30 000 m2 umfassenden Bürokomplex Hatrium in Unterhaching setzt die Schwaiger Group auf ein nachhaltiges Energiekonzept. Dafür wechselte sie auf die mittels Geothermie erzeugte Fernwärme.

Auch bei dem 30 000 m2 umfassenden Bürokomplex Hatrium in Unterhaching setzt die Schwaiger Group auf ein nachhaltiges Energiekonzept. Dafür wechselte sie auf die mittels Geothermie erzeugte Fernwärme.

Umsetzung

Die Maßgabe bei der Beurteilung der einzelnen Komponenten des Hatrium war ein größerer Wirkungsgrad sowie eine bessere Ökologie und Energiebilanz. Der Wärmeaustausch findet deshalb nicht etwa über einen Kessel, sondern über Wärmetauscher statt. Und nicht über wartungsintensive Plattenwärmetauscher, sondern mittels Rohrbündelwärmetauscher. Bei der Regeltechnik verlässt sich der Projektentwickler auf die Samson AG. Die Regelung funktioniert cloudbasiert, so dass sich von jedem Handy alle Parameter über eine manuelle Regelung abrufen lassen. Einen wichtigen Beitrag für die energieeffiziente Umstellung der TGA haben Hocheffizienzpumpen geleistet, die vollautomatisch den hydrostatischen Druck im Rohrleitungssystem messen. Je nach Anforderung regeln sich die Pumpen aufgrund des hydrostatischen Drucks von selbst und laufen nicht durchgehend auf voller Leistung. Außerdem wurden die Ventile ersetzt, um eine noch bessere Kommunikation mit den Pumpen zu gewährleisten. Die Ansteuerung funktioniert dabei nicht wie gewöhnlich über manuelle Thermostatköpfe, sondern über Thermoantriebe.

Ein Blick auf die Zahlen rechtfertigt letztendlich den doch erheblichen Mehraufwand; Der Primärenergiefaktor der geothermischen Fernwärme in Unterhaching ist mit aktuell 0,24 vergleichsweise niedrig. Damit ist er deutlich günstiger als der Faktor für Erdgas (1,0). Heizöl liegt sogar noch höher. Durch die Umstellung auf Geothermie via Fernwärme spart die Schwaiger Group beim Hatrium 43 % der Energie. Auch die kleinteilige Auseinandersetzung mit der TGA macht sich finanziell bemerkbar; Allein die neuen Hocheffizienzpumpen bringen eine zusätzliche Ersparnis von rund 20 000 Euro Stromkosten im Jahr.

Die Schwaiger Group hat beim 24.000 Quadratmeter umfassenden Komplex Centro Tesoro  ein grünes Exempel statuiert
Die Schwaiger Group hat beim 24.000 Quadratmeter umfassenden Komplex Centro Tesoro ein grünes Exempel statuiert

„Official Selection 2020“ – das Centro Tesoro beim FIABCI Prix d´Excellence

Das Centro Tesoro wurde nun durch den FIABCI Prix d´Excellence Germany mit einem Platz auf der Official Selection ausgezeichnet. Der Preis würdigt jedes Jahr die 20 besten Projektentwicklungen in den Bereichen Wohnen und Gewerbe. Als zertifiziertes Green Building punktet das revitalisierte Bürogebäude in den Bereichen Nachhaltigkeit und Innovation, zudem wurden die Architektur und das Mixed-Use-Konzept von der Jury gewürdigt.

„Von der Entscheidung, trotz widriger Umstände bezüglich der Statik und im Brandschutz den Bestand zu bewahren, bis hin zur Auswahl der Baumaterialien und zur größten Aufdach-Solaranlage konnten die Projektentwickler ein vorbildliches, ganzheitliches und zukunftsorientiertes Konzept für Nachhaltigkeit im Gewerbebau umsetzen. Das hochwertige Green Building führt darüber hinaus zu einer Aufwertung des gesamten Viertels. Bravo“

Die 13-köpfige Fachjury verweist zudem auf die architektonische Formensprache bei der Projektentwicklung: „Geometrische Formen und funktionale Klarheit verleihen dem Centro Tesoro eine moderne Architektursprache mit Wiedererkennungswert. Vor allem aber garantieren sie im Innern ein Höchstmaß an Funktionalität und Flexibilität.“

Text und Bilder: Schwaiger Group